Yapi-Drama

Foulspiel mit Konsequenzen: Wie brutal darf Fussball sein?

Gilles Yapi krümmt sich vor Schmerzen auf dem Brügglifeld-Rasen, seine Karriere ist in Gefahr: Das Foul von Aarau-Profi Sandro Wieser am Ivorer könnte strafrechtliche Konsequenzen haben. Anton Geisser

Gilles Yapi krümmt sich vor Schmerzen auf dem Brügglifeld-Rasen, seine Karriere ist in Gefahr: Das Foul von Aarau-Profi Sandro Wieser am Ivorer könnte strafrechtliche Konsequenzen haben. Anton Geisser

Die Vergangenheit zeigt: Macht FCZ-Präsident Ancillo Canepa seine Drohung wahr und reicht Strafanzeige gegen Aarau-Profi Sandro Wieser ein, droht der Liechtensteiner verurteilt zu werden.

Tatort Brügglifeld: Die 18. Minute im Meisterschaftsspiel zwischen dem FC Aarau und dem FC Zürich wird noch lange nachhallen. Sandro Wieser, Mittelfeldspieler des Heimteams, kommt im Zweikampf gegen Zürichs Gilles Yapi zu spät und tritt dem Ivorer das rechte Knie durch.

Yapi wird mit der Bahre abtransportiert und zur Untersuchung in ein Zürcher Spital gebracht. Was man schon beim Betrachten der TV-Bilder befürchtet, bewahrheitet sich gestern: In Yapis Knie ist so ziemlich alles kaputt, was kaputt gehen kann. Dem 32-Jährigen droht das Karriere-Ende. Derweil geht das Foul um die Welt, in Amerika sendet «ABC-News» einen vierminütigen Beitrag.

Wieser, vom Schiedsrichter umgehend vom Platz gestellt, entschuldigt sich noch in der Kabine beim Opfer und anschliessend in der Öffentlichkeit. Darüber, wie lange der Liechtensteiner gesperrt wird, wird die Disziplinarkommission der Swiss Football League entscheiden. Urs Studer, der Einzelrichter der Liga, befand nach dem Studium der TV-Bilder, dass seine Spruchkompetenz von maximal vier Spielsperren überschritten werden könnte.

Bei den Fans sind die Meinungen geteilt. Die einen sehen im Drama um Yapi eine Verkettung unglücklicher Umstände, die im Kampfspiel Fussball passieren können. Die anderen schimpfen Wieser einen rücksichtslosen Rambo, der lange gesperrt gehört. Letzteres findet auch Ancillo Canepa, der Präsident des FC Zürich. Schon am Sonntag kündigt er an, Strafanzeige gegen Wieser einzureichen. Am Tag danach beharrt er darauf, sagt gegenüber «blick.ch»: «Da gibts kein Pardon. Ich akzeptiere nicht, dass man so verantwortungslos auf einen Berufskollegen losgeht.» Noch ist nicht bestätigt, dass Canepa sein Vorhaben durchzieht.

Erinnerungen an Lucien Favre

Kommt es tatsächlich zu einem Strafverfahren gegen Wieser, stellt sich die Frage: Was darf der Fussballer? Und was nicht?

Klar ist: Ob auf dem Fussballplatz, auf dem Eishockeyfeld oder im Boxring – im Sport gibt es keinen rechtsfreien Raum. Theoretisch ist eine strafrechtliche Verurteilung von Wieser möglich. Die zuständige Staatsanwaltschaft müsste beweisen, dass der 21-Jährige zumindest fahrlässig eine Körperverletzung in Kauf genommen habe. Möglich, aber laut Rechtsexperten eher unwahrscheinlich, ist eine Verurteilung wegen Eventualvorsatz oder gar Absicht. Zur besseren Verständlichkeit:

Absicht: A schlägt B mit der Faust ins Gesicht mit dem Ziel, B einen Zahn herauszuschlagen.

Eventualvorsatz: A schlägt B mit der Faust ins Gesicht und ist sich bewusst, dass B dabei einen Zahn verlieren könnte.

Fahrlässigkeit: A lässt seine Tasche mitten im Büro liegen, sodass B darüber stolpert und sich verletzt.

1987 wird Gabet Chapuisat wegen grober Fahrlässigkeit mit 5000 Franken bestraft. Chapuisat, Vater von Stürmerlegende Stéphane, beendete zwei Jahre zuvor mit einem ähnlichen Foul wie jenes von Wieser an Yapi die Karriere von Lucien Favre (heute Trainer in Mönchengladbach). Es ist bis heute das erste Mal im Schweizer Profifussball, dass ein Spieler für ein Foul strafrechtlich belangt wird.

2000 foult Kevin Miller (Davos) Andrew McKim (ZSC Lions) derart schwer, dass dieser seine Eishockeykarriere beenden muss. 2007 wird Miller vom Bundesgericht wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt, zudem ist er zu 100 Prozent schadenersatzpflichtig. Im Juni 2014 entscheidet ein amerikanisches Zivilgericht: Miller muss McKim eine Entschädigung von 1,1 Millionen Dollar zahlen.

Beide Fälle zeigen: Ein Foulspiel kann strafrechtliche Konsequenzen haben, wenn Anzeige erhoben wird. Der Ball liegt bei FCZ-Präsident Canepa: Macht er seine Drohung wahr und kommt es zum Strafverfahren gegen Wieser, droht dem Liechtensteiner für sein brutales Einsteigen gegen Yapi eine Geldstrafe.

Nur für Hartgesottene: Das Brutalo-Foul von Sandro Wieser gegen Gilles Yapi

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