WM 2018

Feiern in den weissen Nächten: Nach dem Traumstart der Russen jubeln die Fans ausgelassen

Die russischen Fans feiern in den Strassen von St. Petersburg die ganze Nacht hindurch.

Die russischen Fans feiern in den Strassen von St. Petersburg die ganze Nacht hindurch.

Der WM-Gastgeber schwebt nach dem Traumstart auf Wolke sieben. Da die Sonne in St. Petersburg aber momentan sowieso kaum untergeht, machen die russischen Fans die «weissen Nächte» zum Tag.

Nein, ausgelassener hätten auch tanzfreudige Brasilianer und heissblütige Spanier nicht feiern können. Es ist ziemlich beeindruckend, wie die 60 000 Russen im Krestowski-Stadion von St. Petersburg den 3:1-Erfolg ihrer Mannschaft gegen Ägypten und die Achtelfinal-Qualifikation zelebriert haben.

Selbst im grössten Gedränge vor der Metrostation haben es die Fans noch fertiggebracht, ihre Fähnchen mit den weissen, blauen und roten Farben zu schwenken und Rossija! Rossija! zu brüllen. Dass es schon gegen Mitternacht geht und bald die Sonne wieder aufgeht, interessiert niemanden. Auf der berühmten Nevsky Avenue fahren Autokorsos und das Gehupe ist so ohrenbetäubend wie zuvor im Stadion der Jubel bei den drei russischen Treffern.

Wenn man nicht in St. Petersburg wäre, so könnte man mit Fug und Recht behaupten, die Menge habe die Nacht zum Tag gemacht. Nur: In der nördlichsten Millionenstadt ist das in diesen Tagen nicht nötig. Dank der geografischen Lage oberhalb des 60. Breitengrades wird es hier gar nicht so richtig dunkel.

Man spricht deshalb von den «Weissen Nächten», die für Touristen eine besondere Attraktion sind. Die längste ist die Sommersonnenwende vom 20. auf den 21. Juni, also jene von gestern auf heute. Es ist schon speziell, die vielen Paläste und Prachtbauten der Zarenstadt im besonderen Licht schimmern und glänzen zu sehen.

Ein Bluff der Russen?

Glänzen tut in diesen ersten WM-Tagen auch die Sbornaja und es schimmern Qualitäten durch, die man bei ihr gar nicht vermutet hätte. Oder hat vielleicht Stanislas Tschertschessow, dieser Schlingel, die vereinte Fussballgemeinde zum Narren gehalten und das Können seiner Mannschaft in den schwachen Testspielen einfach nur gut unter Verschluss gehalten?

Um just zum WM-Start die Karten aufzudecken und die chancenlosen Saudis und Ägypter mit 8:1 Toren wegzuspielen.

Zugegeben: Diese Theorie wäre etwas gar weit hergeholt, hätte doch der russische Trainer gewiss gut auf die harten Kritiken verzichten können, die bis vor einer Woche auf ihn und sein Team niedergeprasselt sind.

Nach dem Traumstart zeigt der «Sport-Express» indes Reue: «Wir müssen uns bei dieser Mannschaft entschuldigen. Wir haben nicht an sie geglaubt. Aber jetzt schenkt sie uns viel Freude. Ganz egal, wohin diese Reise führt.» «Sowjetski Sport» schreibt: «Wir fliegen über das Spielfeld. Ganz gleich, was kommt, wir werden uns immer an diese Tage erinnern.»

Kann Russland Weltmeister werden?

So schnell kann das gehen in den Medien. Tschertschessow wird tatsächlich gefragt, ob seine Mannschaft auch Weltmeister werden könne. «Wir haben einen Schritt in die richtige Richtung getan», ist der 54-Jährige bemüht, die Kirche im Dorf zu lassen. Auf die Frage, ob es sich um den schönsten Tag seines Lebens handeln würde, sagt der Coach: «Ich hoffe, dass es davon noch viele weitere geben wird.»

Er weiss, dass die wahren Gradmesser erst noch kommen. Es stimmt, die Russen sind besser gewesen als Saudi-Arabien und Ägypten, aber was heisst das schon? Trotz 8:1 Toren haben die WM-Gastgeber in den ersten 180 Minuten des Turniers noch lange nicht so gut gespielt, um sie nun gleich in den Kreis der Favoriten zu erheben; wohl nicht einmal in den Zirkel der Geheimfavoriten.

Gegen die sich aufgebenden Saudis haben zwei Tore in der Nachspielzeit das Ergebnis geschönt, gegen die Ägypter sind die Russen so lange äusserst harmlos gewesen, bis ihnen ein gegnerisches Eigentor den Weg geebnet hat und sie die nun immer freier werdenden Räume zur Entscheidung genützt haben.

Der «spanische» Russe

Hervorgetan hat sich dabei mit Denis Tscheryschew ein Offensivspieler, der nur wegen der Verletzung von Alan Dsagojew überhaupt ins Team gekommen ist und nun schon drei Tore auf dem Konto hat.

«Wir sind mit grossen Hoffnungen in dieses Turnier gestartet und wollten, dass unser Publikum diese Zeit geniessen kann. Das ist bislang gelungen», sagt der Spieler vom FC Villarreal, der zwar in Nischni Novgorod auf die Welt gekommen, als Fünfjähriger mit seinen Eltern aber nach Spanien gezogen ist und noch nie für einen russischen Klub gespielt hat.

«Meine Tore sind eine schöne Geschichte, aber wichtig ist der Erfolg der Mannschaft», tritt auch Tscheryschew auf die Euphoriebremse.

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