Super League
Fehlt es der Führung der Grasshoppers an Fachkompetenz?

Ex-Sportchef Dragan Rapic über seinen Abgang und die Aktualität rund um den «Fall Salatic». Weil in der Rückrunde der vergangenen Saison noch kein Konflikt mit Saltaic «schwelte» ist er vom Ausmass dieses Falles überrascht.

Markus Brütsch
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Will möglichst bald zurück ins Fussballgeschäft: Dragan Rapic.

Will möglichst bald zurück ins Fussballgeschäft: Dragan Rapic.

KEYSTONE

Herr Rapic, sind Sie heute im Stadion?

Dragan Rapic: Ja, dieses Spiel im Letzigrund werde ich mir nicht entgehen lassen. Ich bleibe am Ball, beschäftige mich mit Fussball. Am liebsten möchte ich so schnell wie möglich zurück ins Geschäft. Das ist aber nicht so einfach, weil meine Kollegen bei den anderen Klubs einen guten Job machen.

Wie ist Ihr Abgang bei GC abgelaufen?

Ich habe meine Kündigung geschrieben und eingereicht. Am Folgetag wurde ich dann aufgrund dieser Kündigung freigestellt. Das ist Fakt.

Dann sind Sie also nicht einfach nur Ihrer Entlassung zuvorgekommen?

Aus meiner Sicht nein. So wie sich die Dinge in den letzten Wochen der vergangenen Saison entwickelt haben, war es für mich nicht möglich, unter derartigen Umständen weiterzuarbeiten.

Im Interview mit der «Nordwestschweiz» hat der zurückgetretene Verwaltungsrat Reinhard Fromm erklärt, dass Sie systematisch kaputtgemacht, bei Entscheidungen hintergangen und gemobbt worden seien.

Ich kann das bestätigen, es hatte eine gewisse Systematik und das war auf Dauer nicht akzeptabel, sodass ich mich entschloss, die Reissleine zu ziehen. Obwohl wir noch um den Meistertitel kämpften.

Wie sehr traf Sie die Trennung?

Schon stark, weil ich viel Herzblut in meinen Job investiert habe. Ich dem Klub den gewünschten und lang ersehnten sportlichen Erfolg zurückgebracht habe und somit einen guten Leistungsnachweis besitze. Umso paradoxer ist es, dass ein solcher Entscheid in mir reifen konnte.

Es wurde Ihnen vorgeworfen, bei Vertragsverlängerungen zu wenig schnell gearbeitet zu haben und den Spielern gegenüber finanziell zu grosszügig gewesen zu sein.

Das sehe ich ganz anders. Wenn man mit Leistungsträgern den Vertrag verlängern will, dann muss man das auch entsprechend abgelten. Ich wollte ja frühzeitig verlängern und nicht erst bis ins Frühjahr warten. Also kann man mir nicht vorwerfen, dass ich zu wenig schnell gearbeitet habe. Hinzu kommt, dass man nun als Spitzenklub, und nicht mehr als Abstiegskandidat, in die Gespräche ging.

Sie sprechen von Shkelzen Gashi?

Ja. Der Verwaltungsrat hat mir kein grünes Licht gegeben, mit ihm im Herbst der vergangenen Saison den Vertrag vorzeitig zu verlängern, da der finanzielle Spielraum dafür nicht vorhanden sei. Somit waren mir die Hände gebunden. Gashi war noch nicht unser Topskorer und der Zeitpunkt für GC wäre sehr gut gewesen.

Was müssen Sie sich vorwerfen?

Die Resultate kann mir keiner absprechen. Wir sind Zweiter und Cupsieger geworden. Beim Nachwuchs haben wir den Turnaround geschafft, wir waren ausser der U21 in jeder Kategorie Meister. Mit den Spielerverkäufen und den damit verbundenen Einnahmen bin ich den finanziellen Bedürfnissen des Klubs ebenfalls gerecht geworden. Somit kann man mir sportlich und wirtschaftlich nichts vorwerfen. Mein Leistungsausweis stimmt. Ich hätte mich allerdings mehr für mich selbst und das Geleistete einsetzen sollen.

Mittlerweile ist auch Trainer Michael Skibbe in die Kritik geraten. Er sei faul und komme zu spät.

Ich glaube, dass jeder von uns schon mal im Stau stecken geblieben ist.

Hätten Sie erwartet, dass er Ihnen mehr den Rücken stärken würde.

Nein, denn in diesem Business ist man letztlich ein Einzelkämpfer.

Der Sportchef ist weg und Skibbe ein mächtiger Trainer.

Wenn ich die aktuelle Situation betrachte, komme ich zum Schluss, dass dies keine optimale Sache ist.

Der Fall «Salatic» hat ja schon im letzten Jahr, als Sie noch Sportchef waren, seinen Anfang genommen. Ist es für Sie dennoch überraschend gekommen, als das Ganze eskalierte?

Ja, denn in der Rückrunde hat kein Konflikt geschwelt. Wir haben einen starken Salatic gesehen. Ich möchte mir jedoch kein Urteil bilden, ohne die Hintergründe zu kennen.

Im Nachhinein war es keine gute Idee, den Spieler Salatic im Herbst 2012 mit einem goldenen Vertrag auszustatten.

Der FC Basel hatte angeklopft und wir haben gesagt: Wir setzen in diesem Moment auf den Sport. Wir wollten nicht nach drei Monaten alles, was wir an unserer neuen Philosophie nach aussen verkauft hatten, aufgeben. Wir konnten doch den Captain nicht gleich zum grössten Konkurrenten hergeben. Da mussten wir nachbessern. Ich bin überzeugt, wenn wir ihn verkauft hätten, wären wir nicht Cupsieger und Zweiter geworden und hätten die Wertsteigerung des Teams nicht erreicht. Somit war dies ein richtiger Entscheid.

Hat GC ein Führungsproblem?

Es fehlt die Kontinuität. Dort wo in Ruhe gearbeitet werden kann, kommt mittelfristig der Erfolg. Wenn man alle zwei Jahre etwas Neues aufbauen muss, kann nichts entstehen. Gegen den entlassenen Nachwuchschef Marco Otero gab es inakzeptable Vorwürfe. Fakt ist: Wir haben die Anzahl der Juniorennationalspieler verdoppelt. Wir hatten den Auftrag, gute Junioren auszubilden. Wir haben gute Arbeit gemacht. Auch im ersten Team: Es gab Transfererlöse, auf die der Klub angewiesen war (Transferbilanz: plus 12 Millionen Franken seit Mitte 2011; die Red.). Dennoch konnten die Substanzverluste kompensiert werden.

Im Verwaltungsrat sitzen erfolgreiche und in Führungsfragen geübte Berufsleute. Im Fussballgeschäft bringen Sie es aber nicht auf die Reihe. Fehlt es an der Fachkompetenz?

Ja, das ist vermutlich so. Fussball ist ein Geschäft, in dem man auch mal ein Risiko auf sich nehmen muss. Wir, und damit meine ich auch André Dosé, waren auf gutem Weg. Man kann ihm vorwerfen, er habe die Mittel nicht besorgt, wie es von ihm erwartet wurde. Man muss aber auch sehen, dass in den Jahren zuvor so viel kaputtgemacht worden ist, dass sich eine neue Glaubwürdigkeit nicht von heute auf morgen erarbeiten lässt.

Welchen Einfluss hat Erich Vogel?

Die Vermutung, dass er im Hintergrund wirkte, ist da, mehr nicht. Ich bin ihm dankbar, weil er mir viel geholfen hat. Aber es ist halt so: Wenn man sich emanzipieren und sich selber bleiben will, ist man nicht immer gleicher Meinung.