Alex Frei, fühlen Sie sich nach Ihrer ersten Trainerentlassung als richtiger Sportchef?

Frei: Ich will und muss weiterhin jeden Tag dazulernen. Nie habe ich von mir behauptet, das Rad des Sportchefs neu erfinden zu wollen. Ich versuche einfach, mein Know-How, das ich mir während meiner Karriere angeeignet habe, in Luzern einzubringen. Den Begriff «Lehrling», der kürzlich in einer Zeitung stand, habe ich zur Kenntnis genommen…

Verletzt Sie solch eine Bezeichnung im Stolz?

Es trifft mich, weil es despektierlich ist. Nicht wegen der Frage, ob der Begriff inhaltlich gerechtfertigt ist oder nicht. Sondern weil das Wort von dem Journalisten mit böswilliger Absicht benutzt worden ist.

Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, dass ein Trainer erst dann im Job angekommen ist, wenn er einmal entlassen worden ist. Im Umkehrschluss könnte man sagen: Ein Sportchef ist erst dann ein richtiger Sportchef, wenn er einen Trainer entlassen hat.

Ja, es war eine ganz neue Erfahrung für mich. In einer solchen Situation muss man klar trennen zwischen dem, was man dem betroffenen Trainer antut, wenn man ihm die Arbeit wegnimmt. Und dem, was für den Klub am besten ist.

Solange man die menschlichen Aspekte zulässt, kann das die pragmatische Sicht vernebeln. Wie lange haben Sie gebraucht, bis es Klick gemacht hat und Sie nur noch das Rationale gesehen haben im Fall Carlos Bernegger?

Zugegeben: Die Hoffnung, wir bekommen es zusammen irgendwie hin, hat lange überwogen. Wir alle müssen uns nicht den Vorwurf machen, nicht bis zum Schluss alles probiert zu haben.

Man kann die Situation vergleichen mit dem Sprung vom Zehnmeter-Brett: Bis man sich das erste Mal traut, zu springen, dauert es lange. Danach gibt es keine Hemmungen mehr.

Das kann ich nicht beurteilen, weil ich bislang nur einen Trainer freistellen musste. Es soll aber nicht der Eindruck entstehen, der FCL sei ein Ponyhof, bei dem wir uns untereinander so lange wie möglich streicheln. Auch hier herrscht eine Leistungskultur, die bei mir anfängt und bei der Nummer 30 im Kader endet. Trotzdem empfinde ich eine soziale Verantwortung gegenüber allen Angestellten, nicht beim kleinsten Problem gleich die Reissleine zu ziehen. Das mag naiv tönen, oder Sie denken, ich sei ein lascher Chef. Aber diese Philosophie trage ich in mir.

Die Talfahrt unter Bernegger hat sich schon im Frühling abgezeichnet, als der FCL die drittschlechteste Rückrundenmannschaft war. Trotzdem haben Sie mit dem Trainer den Vertrag verlängert, nachdem er ein Angebot von 1860 München abgelehnt hatte. Würden Sie noch einmal alles genauso machen?

Es gab im Frühling ein paar prägende Momente, die eine gewisse Entwicklung erahnen liessen. Aber wie gesagt: Wir fallen nicht beim kleinsten Windstoss um.

Was waren das für Momente?

Darauf will ich nicht näher eingehen. Wir haben versucht, Kompromisslösungen mit dem Trainer zu finden, dabei aber immer zum Wohl des Vereins gehandelt.

Hat man sich bei der Vertragsverlängerung mit Bernegger von Emotionen leiten lassen? Der FCL beendete die Saison trotz schlechter Rückrunde als Vierter, der Trainer war begehrt.

Nein, nie! Emotionen dürfen im Fussball nie solche Entscheide beeinflussen.

Was hat denn damals für eine Verlängerung gesprochen?

Ein Argument haben Sie erwähnt: Wir beendeten die Saison als Vierter. Dazu kam der Umbruch im Kader, den wir gerne mit Carlos Bernegger bewältigen wollten. Ein bisschen hat sicher das Interesse aus München dazu beigetragen. Wir wollten ein Zeichen setzen: So machen wir weiter.

Fast schon dilettantisch war es, die Verlängerung nicht sofort zu kommunizieren.

Es war naiv, auf den richtigen Moment für die Vermeldung zu warten. Darauf zu vertrauen, dass wir mit zwei Siegen in die Saison starten und dann die Verlängerung kommunizieren, war Wunschdenken.

Wenn man sich von einem Angestellten trennt, muss man sich doch eingestehen: Dieses und jenes habe ich an der Person falsch eingeschätzt.

Nein, darum geht es nicht. Es haben sich Strömungen entwickelt, die wir nicht voraussehen konnten. Carlos Bernegger - das ist statistisch belegbar - hat lange Zeit gute Arbeit gemacht. Seit Rolf Fringer (2008-2011) war niemand mehr so lange FCL-Trainer wie Carlos. Doch als die Entwicklung nach den schlechten Resultaten nicht wie gewünscht weiterging, mussten wir neue Impulse setzen - irgendwann sprechen die Resultate eine zu deutliche Sprache.

In welchen Bereichen hat Bernegger gute Arbeit geleistet?

Das ist belegbar: Mit ihm haben wir 2013 den Abstieg verhindert, die Vorrunde 2013/14 haben wir auf Rang 2 beendet. Natürlich hatten wir oft das Glück auf unserer Seite, aber es war erarbeitetes Glück. Danach war mir klar, dass wir diese Pace nicht durchziehen und Niederlagen kommen werden. Für die Entwicklung eines Vereins ist es nicht förderlich, wenn er nach einem Fast-Abstieg in der nächsten Saison um den Titel spielt. Alles über Rang 7 haben wir als Bonus betrachtet.

Zurzeit sieht es so aus, als gehe die Entwicklung wieder nach unten.

Ich wehre mich gegen die so genannten Mechanismen des Geschäfts, dass nur die Resultate der ersten Mannschaft etwas aussagen. Die Arbeit von mir als Sportchef ist nur alle sechs respektive zwölf Monate messbar, wenn man eine Endbilanz macht mit Einnahmen und Ausgaben, Tabellenplatz etc. Klar, es ist in unserer Situation mit fünf Punkten schwer, den Menschen mitzuteilen, wir seien insgesamt auf dem richtigen Weg. Als ich hier begonnen habe, haben wir Prozesse eingeleitet, deren Früchte wir nicht nach ein paar Monaten ernten konnten.

Ein Beispiel?

Wir haben die «Löwenschule» ins Leben gerufen. Ich empfinde es als unglaublich wichtig, als FC Luzern zu den Vereinen im riesigen Einzugsgebiet rauszugehen. Es soll ein Wir-Gefühl in der ganzen Innerschweiz entstehen. Wir bieten bald an acht Orten Stützpunkttrainings an, damit der Bub aus dem Kanton Uri nicht vier Mal die Woche die 40 Minuten nach Luzern und wieder zurück gefahren werden muss. Dieses Projekt betrifft die Alterklasse U10/U11 - spielen von diesen Jungs in sechs Jahren nur zwei in der Swisspor-Arena, haben wir unser Ziel erreicht. Wer sich intensiv mit der Materie beschäftigt, findet Gefallen an unserer Arbeit. Wer hingegen nur die Super-League-Tabelle anschaut, kann mit uns nichts anfangen.

Weil die Früchte erst in einigen Jahren reif sein werden, laufen Sie Gefahr, dass Ihr Nachfolger sie erntet.

Wichtig ist nicht, wer sie erntet. Wichtig ist, dass man ernten kann.

Macht Ihnen das nichts aus?

Dieses Risiko ist Teil meines Jobs. Rund um einen Verein gibt es viele Interessenvertreter - zum Beispiel die Investoren -, die irgendwann der Meinung sind, es brauche auf der Position des Sportchefs eine Veränderung. Das kann morgen, aber auch erst in zehn Jahren sein. Ich muss mir Glaubwürdigkeit verschaffen mit Authentizität und ehrlicher Arbeit im Alltag.

Es gibt Sportchefs, die nur kurzfristig denken.

Als ich hier begonnen habe, lautete der Auftrag: Baue den Verein so um, wie du es nach deinen Erfahrungen als Profi in Frankreich und in der Bundesliga als richtig empfindest. Selbstverständlich ist die Lokomotive eines Klubs die Profimannschaft. Aber mit unserer Philosophie muss es nicht jedes Jahr Rang drei sein und gleichzeitig vernachlässigen wir andere Bereiche.

Wie steht der FCL in drei Jahren da, wenn Ihre Vision aufgeht?

Irgendwann soll die Zielsetzung lauten: in einer schlechten Saison landet der FCL auf Rang sechs, in einer guten ist nach oben alles offen. Weiter muss es das Ziel sein, jeden Sommer eineinhalb Spieler aus dem Nachwuchs im Profiteam zu integrieren. Das ist übrigens unsere gemeinsame Vision, nicht meine alleine.

Eineinhalb Spieler?

Einen im Sommer, einen halben Winter. Das heisst: Er absolviert das Wintertrainingslager mit den Profis, beendet die Saison im Nachwuchs und stösst im Sommer fix zur ersten Mannschaft.

Solche Visionen hatten schon andere. Nur wurden die betreffenden Spieler nach sechs Monaten mangels Perspektive in die Challenge League ausgeliehen.

Wir könnten es uns einfach machen und jedes Jahr beliebige zwei U21-Spieler zu den Profis nehmen und sagen: Hey schaut, super Quote! Das interessiert uns aber nicht: Wir wollen Junioren hochziehen, die Woche für Woche in der Swisspor-Arena bestehen können. Dafür muss ein Spieler mental bereit sein, denn ausgebildet sind in der Schweiz praktisch alle Junioren gleich gut. Wir haben in unserem Land sehr viele Talente. Doch wer Profi sein will, und ich meine ein richtiger Profi, der muss mental bereit sein.

Der muss also mal ein Buch zur Hand nehmen statt immer an der Playstation zu zocken - so haben Sie es bei Ihrer Präsentation in Luzern angekündigt.

Im November eröffnen wir die Nachwuchsakademie, dank der wir den Alltag der Jungen eng begleiten können. Spieler, die ihren Horizont über die Playstation hinaus erweitern und sich für das Weltgeschehen interessieren, haben grössere Chancen auf eine erfolgreiche Karriere - davon bin ich zu hundert Prozent überzeugt.

Das tönt in der Theorie vernünftig. Nur führen heutzutage die Junioren schon im Teenageralter ein Leben fast wie die Profis, dass kaum Zeit für eine berufliche Ausbildung bleibt.

Wir in Luzern sind bestrebt, dass die Junioren eine Lehre abschliessen.

Aber einem Talent wie Ricardo Rodriguez, der schon immer einfach nur Fussball spielen wollte, eine Lehre aufzuhalsen, bringt doch nicht viel.

Rodriguez ist eine Ausnahmeerscheinung, so wie Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka. Ich rede von der breiten Masse.

Sprechen wir über den neuen Trainer Markus Babbel. Er war nicht Ihre erste Wahl.

Es gibt keine erste oder zweite Wahl.

Die erste Wahl war aber nicht Babbel.

Es geht nicht um Prioritäten. Wir hatten eine Kandidatenliste, für die galt: Sagt einer ab, entspricht der andere genauso unseren Vorstellungen.

Nennen wir sie 1a, 1b und 1c. Sagt 1a zu, hört 1b gar nichts von Alex Frei.

Der Verwaltungsrat und die Holding haben die Liste mit den drei Kandidaten abgesegnet. Dann entscheidet das Bauchgefühl, wen ich als erstes angehe.

Sie haben sich am Tag nach der Entlassung von Bernegger mit Ciriaco Sforza getroffen. Hätte er zugesagt, hätte Babbel nichts von Ihnen gehört.

Ich habe schon an der Vorstellung von Markus Babbel gesagt, dass ich andere Namen nicht kommentiere - auch um sie zu schützen. Markus Babbel ist der Mann, der uns helfen wird.

Nun heisst es: Nach der Entlassung von Bernegger hängt am Nachfolger auch das Schicksal von Alex Frei.

Mein Schicksal ist verknüpft mit dem Erfolg, wobei man lange über die Definition von Erfolg philosophieren kann. Ich bin kein Träumer und weiss, wie wichtig es ist, so schnell wie möglich vom letzten Tabellenplatz wegzukommen. Primär für den Verein und irgendwann auch, was meine Person betrifft.

Spüren Sie immer noch den gleichen Rückhalt von den Investoren wie zu Beginn Ihrer Amtszeit?

Ich spüre, dass man der sportlichen Führung Vertrauen schenkt. Aber ich weiss auch, welche Strömungen seit Jahren den FC Luzern von aussen beeinflussen.

Was für Strömungen?

Darauf möchte ich hier nicht näher eingehen. Die betreffenden Personen wissen, was ich davon halte.

Mit Markus Babbel weht Bundesliga-Luft durch die Swisspor-Arena. Ihnen als Bundesliga-Aficionado muss das Herz aufgehen.

In unserer Situation ist es wichtig, einen Trainer zu haben, der Deutsch spricht. Der mit dem medialen Druck umgehen kann. Und der sein Ding durchzieht, ohne sich von irgendwelchen Einflüstern beeinflussen zu lassen. Alle Kandidaten, die auf unserer Liste gestanden sind, haben einen Bezug zu Deutschland.

Einem Schweizer Trainer hätten Sie den Job also nicht zugetraut?

Nennen Sie mir einen Schweizer Trainer ohne Bezug zur Bundesliga, der für uns infrage gekommen wäre.

René Weiler.

Okay - er ist sicherlich ein interessanter Mann.

Was versprechen Sie sich von Markus Babbel?

Dass er die Mannschaft aus der Lethargie aufweckt und sie berührt mit seiner Persönlichkeit. Er war bis 2007 selber Spieler und spricht die Fussballersprache. Er muss die Spieler stark reden. Sportlich glaube ich, er wird der Mannschaft defensiv und offensiv eine Struktur geben.

Sie erwähnen vor allem die mentalen Aspekte.

Markus hat in seinem bisherigen Leben einige Schicksalsschläge hinnehmen müssen (schwere Nervenkrankheit, Selbstmord des Bruders; d. Red.). Er geht dadurch geerdet durchs Leben und ist demütiger als andere.

Fehlt den FCL-Spielern Demut?

Es ist wichtig zu wissen: Warum bin ich Profi? Warum gehe ich jeden Tag ins Training? In sportlich schwierigen Phasen neigt man dazu, zu sagen: Es kommt schon irgendwie gut. Aber es ist nicht gut gekommen - und schwups sind wir nach 11 Spieltagen Tabellenletzter.

Wir staunen ob Ihrer Überzeugung, dass diese Mannschaft zu viel mehr fähig sei, ja gar mehr Qualität als die letztjährige habe.

Wenn ich die einzelnen Positionen 1:1 vergleiche, stelle ich ganz klar fest: wir sind besser besetzt.

Sie haben mit Stahel, Renggli, Mikari und Rangelov der Mannschaft die stabile Achse genommen - ein Hochrisiko-Entscheid.

Mikari wollte weg und konnte dies infolge einer Vertragsklausel tun. Bei den anderen sind wir ein Risiko eingegangen mit der Gefahr, nicht gut in die Saison zu starten. Dessen waren wir uns bewusst. Aber dass wir nach 11 Spielen nur 5 Punkte haben, liegt nicht an einer weggebrochenen Achse.

Nehmen wir das Beispiel Francois Affolter. 2008 als 17-Jähriger bei YB von 0 auf 100, bald Nationalspieler, dann der Wechsel in die Bundesliga. Wenn wir ihn heute spielen sehen, ist von diesem Talent nicht mehr viel zu sehen. Wie kann das sein?

Das ist relativ einfach zu erklären: Wir haben ihn im Januar geholt, weil wir von seinem Potenzial überzeugt waren. Er wurde nicht von allen hier mit offenen Armen empfangen, was sich in der Rückrunde dann ausgewirkt hat. Er hat sich mittlerweile etwas gefangen - sehr gut sogar, wenn man weiss, was er alles über sich ergehen lassen musste. Er ist vom Charakter her kein Aleksandar Dragovic, der mit 19 nach Basel kam und zu verstehen gab: Jetzt bin ich hier der Abwehrchef. Francois kann ein Leader sein, aber man muss es in ihm wecken.

Was musste er über sich ergehen lassen?

Wenn ein 23-jähriger Spieler von gewissen Medien während sechs Monaten permanent demontiert wird, ist das nicht ohne.

Sie mussten als Spieler auch üble Kritik einstecken, haben sich davon aber nicht unterkriegen lassen.

Ich war Stürmer, er ist Verteidiger - das kann man nicht vergleichen.

Warum?

Wer als Verteidiger ein schlechtes Spiel macht, beeinflusst das Ergebnis. Ein Stürmer bringt 90 Minuten kein Bein vors andere, markiert aber in der 92. das Siegtor - dann ist er trotzdem der König.

Trotzdem: Schlechte Leistungen mit medialer Kritik zu begründen, ist zu einfach.

Francois braucht ein Wärmegefühl, um zu funktionieren. Ob das gut oder schlecht ist, sei dahin gestellt.

Affolter ist in der Bundesliga nach gutem Start gescheitert. Hat das bei Ihnen kein Zögern ausgelöst, ihn zum Abwehrchef des FCL zu machen?

Nein, weil ich weiss was er kann. Und es ist unsere Aufgabe, ihn hinzukriegen. Er hat jetzt mit Babbel einen ehemaligen Weltklasse-Innenverteidiger als Trainer, der ihm guttun wird.

Wie bewerten Sie die Sommer-Neuzugänge?

Wir ziehen erst Ende Saison Bilanz.

Was trauen Sie Remo Freuler zu?

Viel! Weil ich seine Anlagen kenne und weiss, wie er tickt. Er geht seinen Weg und lässt sich durch nichts beeinflussen - wir unterstützen ihn, aber auf dem Weg nach ganz oben kann er sich nur selber im Weg stehen.