Michael Lang, mit welchem Ziel geht man nach dem 0:4 im Hinspiel noch in die heutige Partie?

Michael Lang: Wir sind mit der Mission nach Manchester gekommen, um die Klubfarben bestmöglich zu vertreten. Wir haben uns diese Spiele verdient. Und trotz des 0:4 im Hinspiel ist die Vorfreude riesig, weil es für uns nicht selbstverständlich ist, in einem Champions-League-Achtelfinal zu stehen.

Kann man sich wirklich richtig freuen, wenn man weiss, dass man im Normalfall kaum eine Chance hat?

(lacht) Wenn alles normal läuft, dann werden wir chancenlos sein. Aber wir alle hoffen, dass heute kein normaler Tag ist. Wir müssen das Resultat aus dem Hinspiel ausblenden und diese Vorfreude, diesen Stolz aufrechterhalten. Denn für solche Spiele, in denen man gegen die besten Spieler der Welt antreten kann, lebt man als Fussballer. Genau aus diesen Gründen kann ich sagen: Ja, meine Vorfreude ist riesig.

Trotz des 0:4 im Hinspiel ist die Vorfreude beim FC Basel riesig.

Sie sprechen den Stolz an. Will man diesen wieder zurückgewinnen?

Das ist definitiv auch ein Ziel. Es ist ein bisschen ein Entkommen aus dem Alltag. Danach aber müssen wir sofort den Hebel wieder umlegen und uns auf die Super League konzentrieren. Das ist letztlich der Wettbewerb, der oberste Priorität geniesst. Das war in den letzten Wochen aber leider nicht einfach.

Ein Entkommen aus dem Alltag? Können Sie das genauer erklären?

Es ist nicht so, dass der Alltag schlimm wäre, das habe ich nicht gemeint. Schlimm waren nur die beiden Spielabsagen. Wir sind einfach froh, wieder einmal spielen zu können. In dieser Phase, in der wir sind, braucht man Spiele, um die Wende einleiten zu können. Wenn du aber zwei Mal schon fast auf dem Platz stehst und plötzlich doch nicht spielen kannst, hilft das nicht. Und klar ist auch die Enttäuschung aus dem Cuphalbfinal noch zu verdauen.

Wie lange dauert das bei Ihnen?

Das Ausscheiden wird mich auch in zwei Monaten noch aufregen. Für Sportler ist es wichtig, nach solchen Spielen schnell wieder Ernstkämpfe zu haben, neue Aufgaben, neue Ziele. Dann kann man so etwas abhaken. Das hatten wir nicht. Wir sind nach Manchester geflogen im Wissen, dass das letzte Spiel jenes im Cup war. Das ist nicht einfach.

Das Spiel gegen YB war symptomatisch – der FCB deutlich schwächer.

Das ist beides so.

Basels Michael Lang ist enttaeuscht im Fussball Cup Halbfinalspiel zwischen den Berner Young Boys und dem FC Basel, am Dienstag, 27. Februar 2018, im Stade de Suisse in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Über die Niederlage gegen YB im Cup-Halbfinal wird sich Michi Lang noch monatelang aufregen.

Basels Michael Lang ist enttaeuscht im Fussball Cup Halbfinalspiel zwischen den Berner Young Boys und dem FC Basel, am Dienstag, 27. Februar 2018, im Stade de Suisse in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Wie ist das zu erklären? Ihr hattet einen goldenen Herbst – gerade Sie persönlich. Was ist passiert?

Für mich ist es wichtig, dass man die Sachen nicht grösser macht, als sie sind. In der Gesamtsumme sind sie zu gross momentan. Aber wenn alles normal gelaufen wäre, hätten wir gegen Lugano und St. Gallen die Penaltys verwandelt, hätten gewonnen und der Rückstand auf YB wäre okay. Einen Cup-Halbfinal in Bern kann man verlieren. Die Art und Weise aber war enttäuschend. Wir haben nur ein Mal aufs Tor geschossen. Aber vielleicht ist es auch für mich bezeichnend, dass dieser Schuss, der ein Riesentor geworden wäre, nicht reingegangen ist.

Im Herbst hätten Sie den gemacht.

Ja und nein, den kannst du nicht besser abschliessen. Aber in der jetzigen Lage geht nicht einmal so ein Schuss rein. Im Herbst hingegen gingen welche rein, bei denen ich nur noch den Fuss hinhalten musste. Das sind diese kleinen Dinge, die ich meinte, aufgrund derer ich aber nicht in Panik verfalle. Es sind kleine Schrauben, die man wieder anziehen muss. Daher bin ich sicher, dass wir den Turnaround schaffen.

Nach dem Hinrunden-Spiel in St. Gallen sagten Sie, dass kaum jemand im Team eine solche Krise schon erlebt hat. Jetzt kennt man es. Kann das helfen?

Einerseits sicher, ja. Andererseits muss man sehen, dass uns die Spiele davonlaufen. Dort wussten wir, dass wir noch genug Zeit haben, um reagieren zu können. Jetzt ist es insofern wieder neu, als dass wir uns keinen einzigen Ausrutscher mehr leisten dürfen.

Wie schwer wiegt dieser Druck?

Wir haben immer Druck. Zudem haben wir die Erwartungshaltung selber hochgeschraubt, das wissen wir auch, und damit müssen wir umgehen können. Den Leuten ist aber vielleicht nicht bewusst, dass wir nicht immer mit 15 Punkten Vorsprung Meister werden. Das ist nicht selbstverständlich, sondern das gelingt nur, wenn alles perfekt läuft. Das sollte man sich wieder ins Bewusstsein rufen. Wir haben seit Sommer darauf hingearbeitet, dass es auch diese Saison wieder so wird. Aber das wird es nicht.

Wird aufgrund der Erwartungen in Ihren Augen zu schnell kritisiert?

Es ist normal, dass diskutiert wird. Aber auch wenn wir gegen Lugano und St. Gallen gewonnen hätten, hätten wir zwar sechs Punkte mehr, aber noch immer die gleichen spielerischen Probleme. Nur das Theater wäre nicht so gross. Alles wird immer resultatabhängig beurteilt. Wenn wir verlieren, ist alles schlecht und umgekehrt. Dabei sind es die Details, die entscheiden und die gerade nicht auf unserer Seite sind.

Stört Sie dieses «Theater»?

Was heisst stören? Womit ich zum Teil Mühe habe, ist diese Negativität, die rund um den Klub das Übergewicht gewonnen hat. Wir stehen immerhin im Champions-League-Achtelfinal, wer kann das schon von sich behaupten? Noch 15 andere Mannschaften in Europa. Natürlich sieht es in der Liga zurzeit nicht gut aus. Aber in einem Monat kann alles anders sein.

Wird die Lage also schlimmer gemacht, als sie für Sie ist?

Ich würde es auch als schlimm wahrnehmen und möchte es nicht schönreden. Die Reaktionen sind wie in der Vorrunde. Dort haben wir herausgefunden aus dieser Lage und dann haben uns alle gratuliert. Es sind immer Extreme, sowohl ins Positive als auch ins Negative. Damit habe ich auch Mühe. Ich hingegen bin ja nach dem Spiel in Lissabon auch nicht mit der Krone am Flughafen aufgetaucht und habe gesagt: «Ich bin der König.»

Der König nicht, aber Vizecaptain und Leader. Haben Sie zuletzt mal das Wort ergriffen vor dem Team?

Nein, das bringt nichts.

Nach dem Achtelfinal-Einzug in Lissabon schwebte der FCB auf Wolke sieben.

Nach dem Achtelfinal-Einzug in Lissabon schwebte der FCB auf Wolke sieben.

Nicht? Man könnte Impulse setzen.

Die setzt man individuell, wenn man mit jedem Spieler unter vier Augen redet. Es ist gerade auch in einer Mannschaft so, dass man sich nicht immer vor allen öffnen kann. Darum reden wir älteren Spieler immer wieder mit den Jüngeren. Wir sitzen nicht nur am iPhone und denken wir sind alles «geili Sieche». Wir haben stetigen Austausch. Denn wir wissen, dass wir nur zusammen unsere Ziele erreichen können.

Wie gross ist der Glaube, den Meistertitel noch gewinnen zu können?

Der ist sicher noch da. Wir haben immer noch die gleich gute Mannschaft wie im Herbst und der Trainer ist auch immer noch der gleiche wie in der Vorrunde. Was wir brauchen, sind Erfolgserlebnisse, Selbstvertrauen und dieses Gefühl, das wir in der Vorrunde entwickeln konnten. Dann werden wir in Zukunft sicher wieder jubeln können.