Wie gut sprechen Sie schon Deutsch?

Paulo Sousa: (auf Deutsch) Kein Deutsch.

Gar nicht?

Nein. (Wechselt auf Englisch) Ich hatte bisher drei Lektionen. Und musste merken: Ich brauche Zeit dafür. Es bringt nichts, eine Sprache mit halbem Engagement zu lernen.

Als Sie zum FCB kamen, sagten Sie: «Die Fans sollen nach dem Ende des Spiels den Beginn des nächsten bereits ersehnen.» Ist das schon eingetroffen?

Das müssen wohl unsere Fans selbst beantworten. Das Feedback, das ich habe, sind die Zuschauerzahlen. Und die sind seit Saisonbeginn gestiegen. Vielleicht ist das ein Zeichen ...

Können Sie sich nach sieben Spielen schon ein Urteil bilden über den Fussball in der Schweiz?

Der Schweizer Fussball ist besser als der Durchschnitt. Die Spieler sind physisch stark mit guter Technik, haben eine gute Auffassungsgabe für Taktik, sind mental reif. Und die Intensität in den Spielen gefällt mir ebenfalls. Wie gut sich der Fussball entwickelt hat, sieht man letzten Endes an den vielen Transfers ins Ausland. Anders ist, dass die Super League nur aus zehn Mannschaften besteht. Das macht es schwierig, einen Gegner viermal zu bezwingen. Weil man einander viel besser kennt mit der Zeit.

Sie sagten einmal: «Als ich entschied, Trainer zu werden, musste ich sofort vergessen, jemals Spieler gewesen zu sein.» Warum?

Weil sonst die Gefahr bestünde, einen meiner Spieler mit dem Spieler Paulo Sousa zu vergleichen. Ich muss spüren, wie meine Spieler denken. Ich will bis zu ihrem Innern vordringen. Wer nur an sich selbst denkt, oder sich von eigenen Gedanken von früher leiten lässt, wird sein Gegenüber nie fassen können. Ich muss alle Fähigkeiten des Spielers kennen und die Person verstehen, um ihr helfen zu können, sich zu entwickeln.

Ihre Worte erinnern manchmal fast ein wenig an einen tiefgründigen, portugiesischen Gesang – einen sogenannten Fado.

Ein Fado ist immer mit Nostalgie und Schmerz verbunden. Stellen Sie sich vor, Sie verabschieden einen Fischer, der für lange Zeit aufs Meer geht, und Sie zweifeln, ob er jemals zurückkehrt. Diese Emotionen kennzeichnen einen Fado. Ich denke nicht so. Natürlich liebe ich Emotionen und Siege im Fussball. Aber diese Gefühle sind alle positiv. Ich mag die Realität mehr als allzu viele Fragezeichen. Was nichts daran ändert, dass Emotionen, Worte und die Kraft der Gitarrenklänge in einem Fado einmalig sind.

Was ist «typisch portugiesisch» in Ihrem Charakter?

Die Lust an der Herausforderung. Wie die Seefahrer in unserer Geschichte, neue Länder zu entdecken. Durch die vielen verschiedenen kulturellen Erfahrungen habe ich gelernt, mich schneller den Menschen in einem neuen Land anzupassen.

Was kennzeichnet die Schweiz?

Ich mag, wie gut organisiert alles ist. Und natürlich die reichhaltige Natur. Dort tanke ich viel Energie.

Wie verbringen Sie sonst die Freizeit?

Ich lese gerne. In letzter Zeit haben zwar auch die Bücher mit meiner Arbeit zu tun. Es geht um verschiedene Führungsstile. Ein anderes Gebiet, das mich interessiert, ist die Neurologie. Wie funktioniert unser Gehirn?

Vor dem Wechsel zum FC Basel arbeiteten Sie bei Maccabi Tel Aviv. In Israel ist der Krieg ausgebrochen. Wie sehr beschäftigt Sie das?

Auch als ich noch bei Maccabi Trainer war, gab es Momente, da fehlte nicht viel, und der Krieg wäre schon ausgebrochen. Wenn ich so etwas sehe, bin ich sehr besorgt. Nicht nur, weil ich Freunde habe in Tel Aviv. Jeder Krieg macht mir zu schaffen. Der wohl prägendste Grundwert, den mir meine Eltern mitgegeben haben, ist, Respekt für meine Mitmenschen zu haben. Ich finde es tragisch, wenn es Menschen nicht schaffen, Lebensformen und Gedankengut von anderen Menschen zu respektieren.

Zurück zum Fussball: Wenn Paulo Sousa den WM-Final schaut – wie müssen wir uns das vorstellen?

Wie stellen Sie es sich vor?

Entweder möchten Sie das Spiel alleine verfolgen, weil Sie Schlüsse daraus ziehen. Oder Sie können abschalten und eine Partie mit der Familie einfach mal geniessen.

Es kommt beides vor. Glücklicherweise gibt es heute Tools, die es uns Trainer ermöglichen, jede Partie später beliebige Male erneut anzusehen. Zum WM-Final: Das erste, was ich sah, waren die Aufstellungen. Dann versuchte ich sofort, herauszufinden, welche Strategien die Teams und ihre Trainer verfolgen. Im Spiel selbst stellte ich mir immer wieder Fragen: Wie reagieren die Spieler und Trainer auf den Verlauf? Wie wollen sie die Partie gewinnen? So analysiere ich ein Spiel und nehme Ideen für mich raus.

Welche Qualität von Weltmeister Deutschland mögen Sie besonders?

Ihre Mentalität. Wie sie sich selbst stark machten, ihren Qualitäten vertrauten und nie vom Weg abbringen liessen, das war typisch deutsch. Ich kenne das noch von meiner Zeit in Dortmund. Und es war toll, wie sie auch im Erfolg Stil bewahrten. Wie sie während und nach dem 7:1 gegen Brasilien respektvoll blieben.

Nächste Woche beginnt bereits die Champions League. Wo liegen die Grenzen des FC Basel?

Das wird sich zeigen. Sicher ist: Wir kennen unsere Realitäten. Aber wir wollen keine Komplexe haben, sondern konkurrenzfähig sein – auch mit Real Madrid mit seinen zehn Meistercup-Titeln.

Ihr Fussball ist auf Ballbesitz und Dominanz ausgerichtet. Stellen Sie in der Champions League um?

Seit ich hier bin, haben wir täglich an unserem Ansatz, Fussball zu spielen, gearbeitet. Diesen Ansatz können wir in der Champions League nicht komplett über Bord werfen, das würde uns zurückwerfen. Die Basis-Prinzipien sind immer gleich, die Strategie natürlich anders, angepasst an Wettbewerb und Gegner. Wenn Sie auf die letzten 20 Jahre zurückschauen, auf eine der grössten Referenzen im Fussball. Welcher Klub kommt ihnen in den Sinn?

Barcelona.

Denken Sie, Barcelona hat seinen Prozess vor zwei oder drei Jahren gestartet?

Wahrscheinlich früher.

Ich denke, sie starteten ihren Prozess vor ungefähr 15 Jahren. Man muss dabei auch mit grösseren Herausforderungen umgehen können. Deshalb können Spiele gegen Real Madrid und Liverpool nur gut tun. Wir können unseren Prozess nicht einfach unterbrechen, nur, weil wir gegen anspruchsvolle Klubs spielen.

Basel hat in der Vergangenheit oft englische Teams geärgert …

Ich hoffe, das bleibt so … Aber der Moment, die Spieler, der Trainer, die Umstände und vieles mehr sind verschieden. Also werden auch die Spiele anders sein.

Beim FC Basel reichen nationale Titel nicht. Sie brauchen Erfolg in der Champions League. Wie gehen Sie damit um?

Daran denke ich nicht. Ich denke nur daran, wie ich die Spieler dazu bringe, ihre maximale Leistung zu bringen. Ein Trainer ist immer abhängig von seinen Spielern und deren Leistungen. Darum ist die grösste Genugtuung für einen Trainer, wenn seine Spieler das Gefühl bekommen, Fortschritte zu machen. Dann sind gute Resultate die Konsequenz davon. Und gute Resultate bringen neue Möglichkeiten im Leben – für die Spieler und für mich.