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FCB-Captain Streller: «Mittlerweile vertrauen wir Murat Yakin blind»

FCB-Captain Marco Streller spricht vor dem Spiel gegen Tottenham über den totalen Triumph und seine Zukunft

Sebastian Wendel und François Schmid-Bechtel
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Marco Streller - Note 5

Marco Streller - Note 5

Keystone

Am Tag nach dem Hinspiel in London haben Sie gesagt, der FC Basel könne die Europa League gewinnen. Stehen Sie auch heute noch zu dieser Aussage?

Marco Streller: Ganz genau habe ich gesagt: Wir können sie gewinnen, wenn wir noch viermal so auftreten wie in London. Wir sind gegen Tottenham immer noch der absolute Aussenseiter. Nur: Ich habe nicht erwartet, dass wir auswärts zu einer solchen Leistung fähig sind – beim besten Willen nicht. Tottenham nimmt jedes Jahr Unmengen Geld in die Hand, nächstes Jahr wollen sie in der Champions League ganz vorne mitmischen. Und mit Gareth Bale haben sie einen der fünf besten Spieler der Welt. Das alles lässt den FC Basel sehr klein aussehen.

Nicht nur Sie, auch Ihr Trainer Murat Yakin war überrascht darüber, wie offensiv die Mannschaft in London teilweise aufgetreten ist.

Ich habe gespürt, dass Tottenham verwundbar ist und wir keine Angst haben müssen. Vor eineinhalb Jahren in Manchester haben wir uns nach dem 3:2 (Schlussresultat 3:3; d. Red.) zu weit hinten rein drängen lassen. Lässt man das gegen englische Teams zu, trifft einen die Angriffswelle mit voller Wucht. So ein Spiel wie in St. Petersburg, als wir eine Halbzeit lang nur verteidigt haben, übersteht man nur einmal. Murat Yakin will, dass wir gegen jeden Gegner mutig auftreten. Ich glaube, so überrascht, wie er sich gegen aussen gab, war er nicht.

Nach dem Tor zum 2:2 musste man Angst haben um den FCB. Aber die Mannschaft hat das Zepter zurückerobert. Mit einer Selbstverständlichkeit, die Sie erklären müssen.

Wenn ich das wüsste... Das hat mich selber am meisten überrascht. Tottenham hat zwar ein 0:2 aufgeholt, aber schlechter waren wir in dieser Phase nicht. Es liegt wohl an unserer Erfahrung aus Spielen wie in Manchester. Ich habe nach dem Spiel mit einem Freund aus Deutschland telefoniert. Er sagte mir: Zwölf Jahre habt ihr dafür gearbeitet, jetzt seid ihr in Europas Elite angekommen. Ein schöneres Kompliment gibt es nicht.

Wieso sagt Ihr Freund erst jetzt, der FCB sei in der Elite angekommen. Letztes Jahr habt ihr euch für den Achtelfinal der Champions League qualifiziert.

Das Schwierigste ist doch, einen solchen Erfolg zu bestätigen. Vor der Saison war der grosse Umbruch Hauptthema, und doch haben wir es wieder so weit gebracht. Die Nachhaltigkeit macht mich enorm stolz.

Hat der FCB die letzte Saison bereits getoppt?

Wenn wir den Halbfinal erreichen, dann auf jeden Fall. Was mich beeindruckt . . .

Ja?

...in Basel sind wir vor jedem grossen Spiel zu hundert Prozent bereit. Klar, man muss aufpassen, der Grat zwischen Selbstvertrauen und Überheblichkeit ist sehr schmal. Aber in unserer Situation darf man auch mal Farbe bekennen.

Nach dem 1:0 im Hinspiel gegen Bayern München haben einige Spieler den FCB schon fast im Viertelfinal gesehen. Es folgte ein 0:7-Debakel. Ein Jahr später spüren wir mehr Demut, obwohl die Ausgangslage noch besser ist.

Ja, daraus haben wir definitiv gelernt. Wobei: Damals haben wir Bayern auf einem sehr schlechten Platz geschlagen. Heute halten wir mit diesen Kalibern auch auf einem guten Rasen mit. Zudem findet das Rückspiel in Basel statt. Wir dürfen zuversichtlich sein, wissen aber, dass noch gar nichts erreicht ist.

Was werden Sie als Captain der Mannschaft vor dem Spiel sagen?

Dass sie sich unsterblich machen kann. Das waren schon meine Worte vor dem Heimspiel gegen Manchester in der letzten Saison. Unglaublich, dass es erneut passieren kann.

Unsterblich, obwohl der FCB in der Elite angekommen ist? Solche Erfolge könnten in Zukunft doch alle zwei, drei Jahre eintreffen.

Nein, nicht ein Halbfinal in einem europäischen Klubwettbewerb. In der Elite angekommen heisst auch, von jedem Gegner den nötigen Respekt zu bekommen – und, dass Spieler aus dem Ausland gerne zu uns kommen, weil sie wissen, hier regelmässig im grossen Schaufenster auftreten zu können.

Und die dann gewinnbringend verkauft werden.

Ein Salah oder ein Dragovic sind beste Beispiele dafür, wie der FCB funktioniert. Irgendwann werden sie zu einem grösseren Klub wechseln, und es werden wieder neue Talente an ihre Stelle rücken. Wir müssen uns damit abfinden, dass die Super League eine Ausbildungslage ist.

Eliminiert der FCB Tottenham und die Londoner machen eine Woche später Dragovic ein Angebot, dann wird er wohl trotzdem gehen. Sprich: Basel ist für die Schweiz eine Nummer zu gross. Von einem Spitzenklub der Bundesliga würde Dragovic wohl nicht weggehen.

Absolut, da haben Sie vollkommen recht. Kommt dazu, dass «Drago» ein ausländischer Spieler ist, der sich zwar mit dem FCB solidarisiert, aber nicht wie ich eine emotionale Bindung zum Klub hat. Es muss unsere Motivation sein, immer wieder grosse Talente nach Basel zu holen. Der Erfolg hilft da mit.

Hilft der Erfolg auch, Spieler in Basel zu halten?

Mag sein. Ein Spieler könnte sich denken: Ich bin hier so erfolgreich, wo will ich das toppen? Das Schwierigste ist doch, auf dem Höhepunkt zu wechseln, oder aufzuhören. Ich denke da an Valentin Stocker. Es war wichtig für ihn, noch ein Jahr zu bleiben. In dieser Saison ist er unglaublich gereift. Sollte er im Sommer wechseln, kann man ihm nicht böse sein.

Ihnen gehen die Kumpels aus. Benjamin Huggel ist zurückgetreten, Alex Frei auch bald und Stocker steht vor einem Wechsel ins Ausland. Wie geht es Ihnen dabei?

Ich tue mich sehr schwer damit. Beni fehlt mir heute noch, bei Alex wird es sich zeigen. Ich schiebe solche Gedanken immer vor mir her, bis ich mit der Realität konfrontiert werde. Es wird sicher schmerzen, wenn Alex am Sonntag verabschiedet wird. Das mit uns, das hat perfekt harmoniert. Wie bei Valentin. Er ist so etwas wie mein Ziehsohn. Vielleicht fällt es mir einfacher, selber aufzuhören, wenn sie alle nicht mehr hier sind.

Wenn der FCB Meister und Cupsieger wird und die Europa League gewinnt, wäre das der perfekte Höhepunkt vor dem Rücktritt.

(lacht) Zugegeben, solche Gedanken habe ich mir auch schon gemacht. Sollten wir tatsächlich das Triple holen, könnten wir uns zwei Jahre lang wie Idioten anstellen und wären trotzdem noch die Helden. Im Ernst: Nächstes Jahr spiele ich ganz sicher noch. Wie es weitergeht, damit beschäftige ich mich nicht gross. Auch wenn viele Freunde nicht mehr da sind, ich bin immer noch sehr gerne Fussballer.

Was ist Ihre Motivation?

Jedes Jahr mit einer neuen Mannschaft wieder genauso erfolgreich zu sein, das treibt mich an. Wer hätte nach der letzten Saison gedacht, dass wir sie toppen?

Ex-Trainer Heiko Vogel. Er hat im Sommer gesagt: «Es geht noch mehr.» Viele hielten ihn für verrückt, anscheinend hatte er recht.

Ganz ehrlich: Ein bisschen hielt ich ihn auch für verrückt. Erst recht, nachdem wir zu Saisonbeginn Probleme hatten. Als Murat Yakin kam, war ich skeptisch, weil er vieles umgekrempelt hat. Aber dann gewinnen wir Spiel um Spiel und das Gefühl wird immer besser. Mittlerweile vertrauen wir Murat blind.

Hat Euch Yakin das perfekte Spiel gelehrt?

Das wird es nie geben, sicher nicht vom FC Basel. Wir sind sehr nah dran an dem, was er von uns verlangt: stabile Defensive, schnelles Umschalten nach vorne.

Sie sind seit über zehn Jahren Profi. Was konnte Yakin Ihnen noch beibringen?

Er hat mir gezeigt, dass attraktiver Fussball nichts mit der Anzahl Stürmer zu tun hat. Aber Muri weiss, dass ich mich in einem Zweimannsturm nach wie vor wohler fühle.

Was Yakin auch gemacht hat: Er hat das Duo Frei/Streller auseinandergerissen. Wie schwierig war das für Sie? Denn Frei ist mehr als nur ein gewöhnlicher Mitspieler.

Wir haben eine Ära geprägt. Mich davon zu lösen, war mühsam. Aber im Fussball gilt es, alles dem Erfolg unterzuordnen. Die Tatsache, wie wir spielen, gibt der Entscheidung von Murat recht. Vielleicht wäre der Höhenflug auch mit uns beiden möglich gewesen. Aber Alex geht es mittlerweile gut, was mich sehr freut.

Sie selber sind im Frühstadium Ihrer Karriere voll durchgestartet, danach folgte ausgerechnet in der Bundesliga ein Hänger. Den Zenit erreicht haben Sie erst mit Ende 20. Was wäre möglich gewesen, wenn Sie schon im Ausland diese Reife gehabt hätten?

Manchmal geht mir das durch den Kopf, aber dann verwerfe ich die Gedanken schnell wieder. Denn die schlechten Erfahrungen haben mir geholfen, zu dem zu werden, der ich jetzt bin. Ich bin nach meinem Raketenstart – vom Drittligaspieler zum Nationalspieler in zwei Jahren – brutal auf die Nase gefallen. Das hat mich demütig gemacht gegenüber meinem Beruf. Ich habe nicht immer Sorge zum Privileg Fussballprofi getragen. Das nervt mich einerseits, hat aber auch seine guten Seiten.

Sie haben mal gesagt, Sie hätten das Ausland nicht gebraucht.

Ja, vielleicht brauche ich Basel, um meine Topleistung abrufen zu können. Doch wenn ich ehrlich bin, war das Ausland doch wichtig. Wenn man beim FCB schon im Nachwuchs gespielt hat, ist man immer ein bisschen der Lehrling. Erst als ich aus Deutschland zurückgekommen bin, habe ich die hundertprozentige Wertschätzung gespürt.

Während der Partie St. Gallen – Basel hat TV-Kommentator Sascha Ruefer mehrmals Ihre Rückkehr in die Nationalmannschaft gefordert.

Von seiner Seite hat es auch schon anders getönt ... Ich werde immer wieder mal auf dieses Thema angesprochen. Aber ich beschäftige mich überhaupt nicht mehr mit der Nationalmannschaft. Kurzfristig könnte ich vielleicht helfen. Aber man sollte dem jungen Team vertrauen.

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