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FC Luzern: Zwischen Selbstzerfleischung und einem Funken Hoffnung

Kampf gegen die sportliche Krise und die Heckenschützen – FCL-Präsident Ruedi Stäger und Trainer Markus Babbel sind in der Kritik.Keystone

Kampf gegen die sportliche Krise und die Heckenschützen – FCL-Präsident Ruedi Stäger und Trainer Markus Babbel sind in der Kritik.Keystone

Sechs Niederlagen in Serie, so schlecht wie nie seit 1994 – wie weiter nach dem Absturz beim FC Luzern? Trainer Markus Babbel und Torhüter David Zibung wehren sich.

Wenn am Sonntagabend im Schweizer Fernsehen der Luzerner «Tatort» über die Bildschirme flimmert, dann ist es gut möglich, dass in der Innerschweiz gleichzeitig ein anderer Thriller spielt. Rund um den FC Luzern. Und um die Frage: Wie weiter im Schlamassel?

Es ist eine Geschichte, die sich in Luzern immer wieder zu wiederholen scheint. Kaum scheint der FC Luzern im ruhigen Fahrwasser angekommen, beginnen Machtspiele und Intrigen von neuem.

Auch die jüngste Selbstzerfleischung ist erstaunlich. Vor gut einem Jahr lag der FC Luzern am Tabellenende der Super League. Das Team und ihr neuer Trainer Markus Babbel befreiten sich mit einer tollen Rückrunde aus der Misere. Segelte stilsicher durch die neue Saison.

Doch nun ist wieder alles anders. Die hervorragende Ausgangslage mit Tabellenplatz 4 ist verspielt. Der Cuphalbfinal gegen Lugano ebenfalls verloren. Sechs Spiele, sechs Niederlagen lautet die Bilanz 2016.

Am Anfang des Absturzes steht ein Machtkampf. Ohne jede Not begann Sportchef Rolf Fringer die Rollenverteilung im bis dahin erfolgreichen Trainerduo Markus Babbel und Roland Vrabec zu hinterfragen. Fringer versuchte den Putsch, wollte Babbel loswerden – und scheiterte.

Der Vereinsleitung um Präsident Ruedi Stäger blieb nichts anderes übrig, als sich für Fringer oder Babbel zu entscheiden. Dem Trainer wurde der Rücken gestärkt inklusive Vertragsverlängerung um zwei Jahre. Fringer und Vrabec mussten gehen. 

Währenddessen verlieren die Luzerner ein Spiel nach dem anderen. Die Fans sind wütend. Die Angriffe der Heckenschützen auf den ungeliebten Präsidenten Stäger und Trainer Babbel werden immer heftiger. Noch steht die Luzerner Vereinsführung hinter ihren leitenden Angestellten.

Eines ist jedoch klar: Das Spiel gegen den FC Lugano hat wegweisenden Charakter. Verliert Luzern, weitet sich der Sturm zum Orkan aus. Personalfolgen wären wahrscheinlicher denn je.

Die Entwicklung? «Beängstigend»

Walter Stierli ist einer jener Männer im Luzerner Umfeld, deren Einfluss so weit reicht, dass sein gesenkter Daumen das Schicksal eines Angestellten bestimmen kann. Auch wenn er seine Aktien mittlerweile verkauft hat. Stierli tönt an diesem Freitag besorgt. «Die Entwicklung des FCL ist beängstigend», sagt er.

Dem Spiel gegen Lugano – in der Tabelle sind die Tessiner nur noch fünf Punkte hinter Luzern – misst er massgebliche Bedeutung für die nahe Zukunft zu. «Die Zeit ist gekommen, in der die Spieler Leidenschaft beweisen müssen. Wer jetzt kein ‹Gras frisst›, versteht den Ernst der Lage nicht.»

Auch appelliert Stierli an die Kraft der Vergangenheit. «Ich erinnere mich noch immer gerne an das Barrage-Spiel gegen Lugano vor einigen Jahren. Da hat die Mannschaft mit einer fantastischen, solidarischen Leistung den Abstieg verhindert.» Nun soll gegen Lugano erneut ein Befreiungsschlag gelingen.

David Zibung hat als Torhüter beim FCL schon vieles miterlebt. Seit 2003 hütet er das Tor. Kürzlich hat er seinen Vertrag bis zum Ende der Saison 2016/17 verlängert. Wer schon so viel gesehen hat, lässt sich auch von einer misslichen Lage wie derzeit nicht aus der Balance bringen.

Zibung gelingt es im Gespräch, Zuversicht zu vermitteln, ohne dass sein Optimismus aufgesetzt wirkt. Natürlich sind die vergangenen Wochen auch für ihn «enttäuschend», aber: «Wir haben weiterhin das Bewusstsein, über ein gutes Team zu verfügen. Würden wir uns jetzt in Selbstzweifeln ergeben, hätten wir sowieso in keinem Spiel eine Chance.»

Und Zibung fährt fort: «Wir verloren nun zwar einige Male – hinterliessen aber nie den Eindruck eines toten Teams.» Die Schlussfolgerung, dass Luzern auch deswegen sportlich in eine Negativspirale geraten ist, weil im Umfeld nie Ruhe herrscht, ist Zibung zu einfach. «Für die Misere sind allein wir Spieler verantwortlich.

An anderen Orten gibt es auch Nebengeräusche. Damit müssen Profis umgehen können.» Bevor sich Zibung verabschiedet, fasst er die Luzerner Gefühlslage so zusammen: «Natürlich geben wir Acht auf den Rückspiegel, alles andere wäre fatal. Trotzdem schauen wir auch weiterhin gerne durch die Frontscheibe. Der Abstand zu Platz vier und den Europacup-Plätzen ist nicht grösser als jener zum Tabellenende.»

Luzern? «Fragilstes Team der Liga»

Auch Trainer Markus Babbel bleibt optimistisch. Obwohl der FC Luzern erstmals seit dem Frühjahr 1994 fünf Spiele hintereinander in der Meisterschaft verloren hat (damals sogar sechs). Eine derart schlimme Phase gab es nicht einmal in der Abstiegssaison 2002/03.

«Wir können nun entweder in Selbstmitleid zerfliessen oder aber die Arme hochkrempeln und eine Chance erkennen, endlich den ersten Sieg der Rückrunde zu landen», sagt Babbel. Er ist überzeugt davon, dass sein Team Letzteres tut. Und damit Revanche nimmt an den Tessinern für die schmerzhafte Niederlage im Cup-Halbfinal.

Ob es wirklich gelingt? Lugano-Präsident Angelo Renzetti sagte nach dem Cupspiel über den FC Luzern: «Was ich da vom FCL so sehe, ist ziemlich erschreckend. Luzern ist die fragilste Mannschaft der Liga – willkommen im Abstiegskampf!» Sein FC Lugano kann heute dafür sorgen, dass der sportliche Tatort in Luzern so richtig an Fahrt aufnimmt.

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