Der Blick zurück interessiert Lucien Favre herzlich wenig. «Natürlich» könne er seine Zeit bei Hertha BSC nicht vergessen, schliesslich sei die Hauptstadt seine erste Bundesliga-Station gewesen. Aber: «Es ist schon lange her», sagt der 60 Jahre alte Schweizer über sein rund zweijähriges Engagement in Berlin, von wo sein Weg nach 2009 über einige Umwege zu Borussia Dortmund führte – dem Tabellenführer.

An der Spitze des deutschen Oberhauses zu stehen, ist für den erfahrenen Coach keine ungewohnte Situation. Schon mit den Berlinern grüsste Favre 2009 für fünf Spieltage von ganz oben, ehe der spätere Deutsche Meister VfL Wolfsburg sich am 26. Spieltag an der Alten Dame vorbeischob und seinen Platz nicht mehr hergab. Favre und Berlin beendeten die Saison anschliessend auf Rang vier.

Ein ähnlicher «Absturz» wäre für den BVB eine grosse Enttäuschung. Zu überzeugend waren die bisherigen Auftritte vor dem Heimspiel gegen die Hertha am Samstag: Sechs Siege mit 26 erzielten Toren in Serie, zwölf ungeschlagene Pflichtspiele und unter der Woche die 4:0-Gala gegen Atletico Madrid in der Champions League schüren die Hoffnung auf eine spannende Meisterschaft, nicht nur in Dortmund.

«Der Sieg gegen Atletico gibt noch mehr Vertrauen, aber es wird ein anderes Spiel. Hertha ist eine sehr gute Mannschaft, das ist total anders», sagt Favre vor dem Duell mit dem Tabellensechsten. Dem Fußball-Fachmann bietet seine neue Mannschaft die Chance, seine fachlich ausgezeichnete Reputation mit Titeln zu bestätigen. Lediglich in der Schweiz gewann er zweimal den Pokal und die Meisterschaft.

Spieler haben grosses Potenzial

Das spielerische Potenzial ist für Favre jedenfalls größer denn je. In Dortmund besitzt der Trainer eine junge und hochtalentierte Mannschaft. Jadon Sancho (18), der vor zwei Wochen für die englische Nationalmannschaft debütierte, steht sinnbildlich dafür. In zwölf Spielen war der Brite an elf Toren direkt beteiligt und besticht durch grossen Spielwitz auf den Flügeln.

Hinzu kommen Youngsters wie Achraf Hakimi (19), Jacob Bruun Larsen oder Christian Pulisic (beide 20), die neben den Routiniers Axel Witsel und Marco Reus (beide 29) aufblühen. Und dann wäre da noch Torgarant Paco Alcacer (acht Treffer in fünf Spielen), der auf Favres ausdrücklichen Wunsch nach Dortmund geholt worden sein soll.

Favre macht alle Teams besser

Ein ansatzweise ähnlich starkes Personal besass Favre auch in seinen viereinhalb Jahren (2011 - 2015) bei Borussia Mönchengladbach, seiner zweiten von nun drei Stationen in der Bundesliga, nicht, erreicht aber dennoch die Champions League. «Er ist ein Trainer mit aussergewöhnlichen Qualitäten. In diesem Augenblick ist er der richtige Trainer für Borussia Dortmund», sagt Herthas Manager Michael Preetz anerkennend.

Dennoch: Die Berliner reisen nach bisher nur einer Niederlage in acht Ligaspielen mit viel Selbstbewusstsein in den Ruhrpott. «Wir haben in Dortmund immer gut ausgesehen – und das wird auch am Samstag so sein», sagt Pal Dardai, für den die Partie durchaus besonders ist. Der Hertha-Trainer stand unter Favre selbst in 55 Partien auf dem Platz. (SID)