Gschobe #48
Fabio Daprelà – der Treter aus den 80ern

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 46 und 49, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell; David, Lehrer, Speicher AR; Tobias, Consultant, Zürich; Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG; François, Journalist, Windisch.

François Schmid-Bechtel
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David: Ich habe mich leider getäuscht. Vor zwei Wochen war ich noch überzeugt, dass brutale Fouls mit vorsätzlicher Verletzungsabsicht wie jenes von Gabet Chapuisat an Lucien Favre vor mehr als 30 Jahren von den Fussballplätzen verschwunden sind. Aber der Match-Besuch am Sonntag im Kybunpark war wie eine Zeitreise in die 80er-Jahre.

Pius: Fürchterlich! Ich bin immer noch entsetzt über das scheussliche Foul von Luganos Fabio Daprelà an unserem St. Galler Juwel Cedric Itten. Die Aktion zielte einzig darauf, unseren besten Stürmer aus dem Weg zu räumen. Es klingt vielleicht komisch: Aber Itten ist ob der Brutalität mit einem Kreuzbandriss noch gut bedient. Ein Glück, dass das Knie nicht völlig zertrümmert wurde. Trotzdem bitter: Vor allem für Itten selbst, aber auch für uns. Denn seine Verletzung kostet uns einen Platz in den ersten vier und vielleicht sogar die Teilnahme am Cupfinal.

Flavio: Piano! Ich kann deinen Ärger ja verstehen. Aber jetzt malst du doch ziemlich schwarz.

Pius: Mag sein. Aber Itten hat sich in St. Gallen prächtig entwickelt. Wir werden in den nächsten Monaten nicht nur seine Tore, sondern auch seinen Ehrgeiz und seine Willenskraft vermissen. Itten hat die Gabe, die Teamkollegen mitzureissen. Spieler dieser Art gibt es nicht im Überfluss. Ausserdem: Wer garantiert, dass Itten je wieder sein bestes Niveau erreicht, er die Attacke sowohl körperlich auch mental verarbeiten kann?

David: Stimmt. Aber das Foul kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Also bleibt die Frage der Bestrafung. Der Schiedsrichter erkannte die Brutalität nicht, pfiff nicht mal Foul. Er hat also komplett versagt. Die Liga hat Daprelà nun für zwei Spiele gesperrt. Aber bitte! Das ist keine angemessene Strafe, das ist ein Witz. Ich finde, Daprelà müsste mindestens so lange aus dem Verkehr gezogen werden, bis Itten erstmals wieder von Beginn weg für St. Gallen auflaufen kann, was frühestens im Frühling der Fall sein wird.

Pius: Meine Worte! Ausserdem ist Daprelà vorbelastet. Einerseits, weil er Itten bei einer früheren Begegnung gedroht haben soll, ihn kaputtzutreten. Andererseits, weil er im April gegen St. Gallen schon mal Rot gesehen hat.

Flavio: Wofür eigentlich?

Pius: Für eine Tätlichkeit.

François: Die aber keine war. Aratore ist damals ohne erkennbare Berührung Daprelàs zu Boden gefallen. Und der Schiedsrichter hat sich von diesem imaginären Blitz blenden lassen. Ich will keineswegs Daprelàs Foul an Itten rechtfertigen. Aber das ist wahrscheinlich ein Teil der Geschichte hinter dem brutalen Foul.

Tobias: Mir ist die ganze Diskussion zu ernsthaft. Habt ihr Lust auf eine Verschwörungs-Theorie?

François: Nur zu.

Tobias: Also: Dem FC Basel kommt Ittens Verletzung nicht ungelegen.

Pius: Logisch, denn in einer Woche kommt Basel zu uns nach St. Gallen.

Tobias: Es geht tiefer. Beim FC Basel haben sie für die Post-Heusler-Ära das Motto «Basel first» ausgerufen. Kurz: Man setzt vermehrt auf eigene Spieler. Blöd ist nur, dass sie auf die falschen setzen. Itten wurde einst vom Hof gejagt. Aber nun hat er schon vier Tore erzielt. So viele wie die drei Basler Stürmer Ajeti, van Wolfswinkel und Oberlin zusammen. Mit Ittens Verletzung rückt eine der Basler Fehleinschätzungen etwas in den Hintergrund.