Das Treffen mit Fabienne Humm findet während ihrer Mittagspause statt. Im grossen Konferenzraum ihres Arbeitgebers in Gebenstorf. Darum hat Humm gebeten. Mit gutem Grund. «Ich habe letzte Woche wegen des Champions-League-Matches in Norwegen drei Tage gefehlt. Es wäre gut, wenn ich nicht schon wieder wegmüsste», sagt die 28-Jährige.

Die Arbeit ist für die gelernte Kauffrau wichtig. Sehr wichtig sogar. Was andere Sportler bloss als lästige Pflicht erachten, bereitet Humm Spass. Ihr Job ist für sie der ideale Ausgleich zum Fussball. «Seit ich Fussball spiele, habe ich immer parallel gearbeitet. Mittlerweile kann ich mir das gar nicht mehr anders vorstellen. Ich glaube, ich brauche die Arbeit, um wirklich gut spielen zu können», sagt sie. Trotzdem: Humm gehört mit ihrem 100-Prozentpensum mittlerweile zu den Exotinnen in der Nationalmannschaft. Die Mehrheit ihrer Teamkolleginnen spielt als Profi im Ausland.

Auch Fabienne Humm hatte Angebote aus der Bundesliga. Schon mehrmals. Kein Wunder bei ihrem Leistungsausweis: Drei Mal gewann sie mit den Frauen des FC Zürich den Schweizer Cup und fünf Mal wurde sie Schweizer Meisterin. Die letzten beiden Jahre trug Humm die Captainbinde. Die Torschützenkönigin der Saison 2013/14 ist seit drei Jahren fester Bestandteil der Schweizer Nationalmannschaft, hat 40 Länderspiele bestritten und dabei
13 Tore erzielt. Drei davon an der WM in Kanada im Spiel gegen Ecuador. Und das innerhalb von nur viereinhalb Minuten – ein WM-Rekord.

Aargauerin schiesst Hattrick am Fussball-WM

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Mit dem FCZ das Mass der Dinge

Doch bisher hat Humm den Lockrufen der ausländischen Profiklubs widerstanden.«Ich könnte mich im Ausland fussballerisch sicher noch weiterentwickeln und die Nationaltrainerin würde es wohl auch lieber sehen, wenn ich in der Bundesliga spielen würde. Doch soll ich wirklich meinen Verein, mein Umfeld und meine Arbeitskollegen, die mich allesamt seit vielen Jahren unterstützen, verlassen, nur damit ich sagen kann, ich sei Profi gewesen?»

Bisher hat Humm diese Frage stets mit «Nein» beantwortet. Und so nimmt der Ligaalltag mit dem FCZ seinen Gang. Die 28-Jährige arbeitet 100 Prozent, trainiert daneben jeden Abend zwei Stunden und geht am Wochenende auf Torjagd. Sieben Mal hat sie bisher in dieser Saison getroffen. Damit ist sie nicht ganz zufrieden, sagt jedoch: «Ich finde meine Form langsam wieder.» Trotzdem dominiert der FCZ die Meisterschaft auch in diesem Jahr nach Belieben.

NAB-AWARD 2015 - Fabienne Humm (Kandidatin)

Wird sie Aargauerin des Jahres? Fabienne Humm ist für den «NAB-Award 2015» nominiert.

Doch wo liegt für Fabienne Humm denn der Reiz, trotz der drückenden Überlegenheit des FC Zürich täglich hart zu trainieren? Fehlt da nicht manchmal die Motivation gegen Teams wie St. Gallen, Staad oder Yverdon aufzulaufen, die jede FCZ-Reservespielerin mit Handkuss in ihr Kader aufnehmen würden? «Es ist schon richtig, dass wir in der Schweiz nur an unsere Grenzen kommen, wenn wir schlecht spielen», gibt Humm zu. «Aber trotzdem bin ich immer motiviert, egal, ob ich auf einer Kuhwiese spielen muss oder in einem tollen Stadion. Als Stürmerin will ich Tore schiessen und mich für die Nati empfehlen. Und als Captain des FCZ will ich mein Team auch in diesem Jahr zum Meistertitel führen.»

Auf die grosse Bühne

Die Ziele gehen Fabienne Humm also nicht aus. Und dann warten ja auch noch die Auftritte in der Champions League. Dort wollen die FCZ-Frauen im heutigen Rückspiel den LSK Kvinner FK aus Norwegen aus dem Weg räumen und sich zum zweiten Mal in Folge für den Achtelfinal qualifizieren. «Es wird nicht einfach, das 0:1 aus dem Hinspiel aufzuholen. Aber ich bin überzeugt, dass wir im Letzigrund die Wende schaffen können», sagt Humm. Sollte dies gelingen, würde sie mit ihrem FC Zürich auf der ganz grossen europäischen Bühne mitmischen können. Und zwar ohne dafür ihre Arbeit aufgeben und ihr gewohntes Umfeld verlassen zu müssen.