Nationalmannschaft
Fabian Schär: «Auf mich ist Verlass»

Der Innenverteidiger zeigte an der EM in Frankreich starke Leistungen. Vor dem Spiel am Dienstag gegen Portugal strotz der Innenverteidiger voller Selbstvertrauen.

Sebastian Wendel, Jona
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Fabian Schär trifft in Feusisberg bei der Nationalmannschaft ein.

Fabian Schär trifft in Feusisberg bei der Nationalmannschaft ein.

KEYSTONE

Der Medienchef des Schweizer Fussballverbandes schickt an diesem Nachmittag zwei Spieler zu den Journalisten: Gelson Fernandes und Fabian Schär. Während Fernandes etwas verloren dasteht, stapeln sich vor Schär die Mikrofone und Notizblöcke. Verständlich: Der Innenverteidiger zeigte an der EM in Frankreich starke Leistungen. Dabei rückte er zuvor als Unsicherheitsfaktor ins Vorbereitungscamp ein. Doch das Vertrauen des Trainers und das Siegtor gegen Albanien wendeten das Blatt: Mittlerweile ist der 24-jährige Wiler ein Schlüsselspieler in der Mannschaft von Vladimir Petkovic.

Fabian Schär, die WM-Qualifikation startet gleich mit dem schwerstmöglichen Spiel gegen Europameister Portugal. Gut oder schlecht?

Fabian Schär: Ob wir zum Auftakt oder erst im fünften Spiel gegen sie antreten, ist für mich nebensächlich. Wir gehen gegen Portugal wie in jedes Spiel: Wir wollen gewinnen. Wir versuchen, am Dienstag die Ersten zu sein, die den Europameister besiegen.

Granit Xhaka hat gesagt, er wünsche sich eine bessere Qualifikation als die letzte, welche die Schweiz als Gruppenzweiter abgeschlossen hat. Was heisst das in Ihren Augen?

Ganz einfach: Unser Ziel ist Platz 1 und die direkte Qualifikation für die WM in Russland.

Portugal tritt morgen ohne Ronaldo an. Was heisst das für die Schweiz?

Bei Portugal geht es immer um Ronaldo, Ronaldo, Ronaldo. Alles andere interessiert fast nicht. Dabei hat man im EM-Final gesehen: Sie sind vor allem eine starke Gemeinschaft. Nach der Verletzung von Ronaldo haben sie im Kollektiv brilliert. Sie sind auch ohne Ronaldo stark. Auf das müssen wir aufpassen und gut vorbereitet sein.

Sie spielten persönlich eine tolle EM. Was haben Sie aus Frankreich mitgenommen?

Sehr viel. Ich bin mit grossem Selbstvertrauen in die Vorbereitung mit Hoffenheim eingerückt und konnte mein Niveau halten. Jetzt hoffe ich, dass es so weitergeht.

Ist nach den Leistungen in Frankreich auch in der Nationalmannschaft Ihr Stellenwert gestiegen?

Ich habe in der Nationalmannschaft schon vorher bewiesen, dass auf mich Verlass ist, wenn es mich braucht. Aber klar, eine solche EM stärkt den Rücken.

Sie geniessen bei Vladimir Petkovic viel Vertrauen – auch in Phasen, in denen es im Klub nicht nach Wunsch läuft.

Vertrauen ist für mich das Wichtigste. Ohne Vertrauen und die entsprechenden Worte des Trainers fühle ich mich nur halb so gut.

Vor der EM standen Sie in der Kritik. Dann der Steigerungslauf in Frankreich. War das das Verdienst von Petkovic?

Vor dem ersten Spiel gegen Albanien waren wir ja bereits länger zusammen. In dieser Zeit habe ich mir viel Selbstvertrauen geholt und das dann umgesetzt auf dem Platz. Zudem hatte ich während der schwierigen Phase in Hoffenheim immer Kontakt mit Vladimir Petkovic, das hat mir viel bedeutet. An der EM ging es super los für mich mit dem Tor gegen Albanien, danach war ich im Flow.

Die Abwehr ist mittlerweile der gewünschte Stabilisator der Mannschaft. Eine Folge dessen, dass Petkovic mit Sommer, Lichtsteiner, Djourou, Rodriguez und Ihnen konsequent auf die gleichen fünf Spieler setzt?

Ach, wissen Sie, Fussball ist schnelllebig: Wenn wir gegen Portugal zwei Tore kassieren, heisst es, die Abwehr ist der Schwachpunkt. Wir haben bewiesen, dass wir auch verteidigen können – nicht nur die Verteidiger, sondern die ganze Mannschaft. Wenn alle an die Defensive denken, ist es nur logisch, dass es funktioniert.

Die Defensive funktioniert – nur Tore schiesst die Nati kaum. Ein Fall für Sie mit Ihrer fantastischen Torquote. Wissen Sie, wie oft Sie für die Schweiz schon getroffen haben?

Sieben Mal.

Genau, in 24 Spielen. Im Klub hingegen war es in der vergangenen Saison in gleich vielen Spielen nur ein Tor. Warum?

Ich kann mir das auch nicht erklären: Eigentlich sollte es ja umgekehrt sein, weil die Automatismen im Klub besser funktionieren. In der Nationalmannschaft hatte ich bisher das Glück, oft am richtigen Ort zu stehen und dass die Standards so gut getreten werden.

Themawechsel: Warum spielen Sie eigentlich immer noch in Hoffenheim?

Nun, es gab einige Anfragen in der Sommerpause. Aber ich fühle mich nach wie vor sehr wohl in Hoffenheim.

Waren Sie zu teuer für andere Klubs?

(lacht) Das weiss ich nicht. Es gab Gespräche mit den wenigen Vereinen, die für mich interessant waren. Ich habe mir immer gesagt: Wenn ich wechsle, dann muss es ein markanter Schritt vorwärts sein.

Sie sind erst vor einem Jahr vom FC Basel in die Bundesliga gewechselt und hatten bei Hoffenheim keine einfache Saison. Wäre ein Wechsel in diesem Sommer nicht zu früh gekommen?

Es war ja nicht so, dass ich mit aller Macht auf einen Wechsel gedrängt habe. Es gab Anfragen von Vereinen, bei denen jeder Spieler sich Gedanken macht. Der Wechsel zum Verein, der mich interessiert hat, war dann aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Ich bin froh, in Hoffenheim zu sein und weiterhin in der Bundesliga zu spielen und hoffentlich bessere Leistungen zu zeigen als in der letzten Saison.

Um welchen Verein handelte es sich?

Der FC Valencia hatte Interesse und ich und mein Umfeld führten auch Gespräche mit den Spaniern. Zum Zeitpunkt, als die Gespräche stattgefunden haben, war es aber nicht möglich, den Transfer sofort abzuwickeln. Noch einmal: Es ist für mich überhaupt kein Problem, in Hoffenheim zu sein. Im Gegenteil: Ich freue mich sehr auf die neue Saison mit unserem jungen Trainer, der im Sommer erstmals eine komplette Vorbereitung mit uns absolviert hat und seine Ideen einbringen konnte.

Julian Nagelsmann ist mit 29 der jüngste Trainer in einer Bundesliga und gerade mal fünf Jahre älter als Sie. Wie war es, als er das erste Mal vor die Mannschaft stand?

Die erste Ansprache eines Trainers hat grosses Gewicht. Er hat da auf Anhieb die richtigen Worte gefunden und allen das Gefühl gegeben, dass sie wichtig sind.

Als Nagelsmann übernahm, war Hoffenheim gefühlt abgestiegen. Es war mutig, in dieser Situation einen so jungen Trainer zu installieren.

Ich fand es cool und wurde vom ersten Tag an bestätigt. Das Verhältnis zuvor mit Huub Stevens war ja ein bisschen schwierig. Julian ist in einer sehr schwierigen Situation gekommen und hat die Mannschaft schnell aus dem Keller geholt. Das beweist seine Klasse und dass er die absolut richtige Wahl war.

Sie haben es angetönt: Unter Vorgänger Stevens spielten sie kaum. Wie hat Nagelsmann Sie wieder stark gemacht?

Das Wichtigste für mich war, dass ich wieder auf dem Platz stehen durfte. Julian hat auf mich gesetzt, sein spielerischer Fussball passt gut zu mir. An der EM konnte ich nochmals einen Schritt nach vorne machen und hatte dann eine gute Vorbereitung. Ich habe ein gutes Gefühl: Wenn ich meine Leistungen abrufe, wird Julian auf mich setzen.

Sie duzen den Trainer?

Ja, alles andere wäre bei seinem Alter komisch. Das hat aber null Einfluss auf seine Autorität. Er ist als Trainer voll und ganz respektiert.

Hat Nagelsmann Ihren Abgang verhindert?

Das weiss ich nicht mal so genau.