Es wird wieder heiss in Tunis. Am Strand, im Fussballstadion. Stéphane Houcine Nater sitzt zu Hause, schaut aufs Meer hinaus und erzählt am Telefon, was er in den letzten neun Monaten erlebt hat. Im letzten Sommer hatte er dem FC St. Gallen tschüss gesagt und sich in ein Fussballland verabschiedet, dessen gute Spieler gewöhnlich nach Europa kommen und es eher selten ist, dass Europäer den umgekehrten Weg gehen. Aber Nater hatte sich dazu entschlossen. Angelockt von einem gut dotierten Vertrag beim Spitzenverein Club Africain aus der Hauptstadt, aber auch vom Versprechen, endlich das Heimatland seiner Mutter kennen zu lernen.

Fussball bei 45 Grad Celsius

Am 14. August letzten Jahres bestritt er bei einem 1:0-Sieg sein erstes Spiel in der Ligue 1. Im heissen Métlaoui, im Landesinneren, 400 Kilometer südlich von Tunis, wo das Thermometer vorgestern Freitag schon wieder auf 38 Grad geklettert ist. Nater sagt: «Manchmal spielen wir bei 45 Grad. Wenn dies auf Kunstrasen geschieht, ist es die Hölle.»

Siedend heiss ist aber auch die Ausgangslage im Endspurt um die tunesische Meisterschaft. Der Club Africain und Espérance Sportive de Tunis sowie Etoile Sportive du Sahel liefern sich zwei Runden vor Schluss ein dramatisches Titelrennen. «Es kann noch alles passieren», sagt Nater. Sein Verein, der Club Africain, wartet seit acht Jahren auf einen Erfolg. Im letzten Jahr hat er deshalb Spieler wie Nater verpflichtet, um unter dem französischen Trainer Daniel Sanchez der Durststrecke ein Ende zu bereiten. Der 31-Jährige ist schweizerisch-tunesischer Doppelbürger und hat im März 2014 gegen Kolumbien sein erstes Länderspiel für Tunesien bestritten.

Nater spielt regelmässig

Nater hat die Erwartungen zweifellos erfüllt. Er ist unumstrittener Stammspieler im zentralen defensiven Mittelfeld, und dass er bereits Vizecaptain ist, zeigt, wie hoch oben in der Teamhierarchie er steht. «Von mir wird mehr erwartet als von anderen», sagt Nater, «aber das war mir immer klar. Deshalb bin ich ja geholt worden.» Bei Schaffhausen, Servette und St. Gallen hatte er sich einen Namen als technisch feiner Führungsspieler mit einer guten Übersicht gemacht. «In Tunesien wird härter gespielt als in der Super League, und oft sind die Terrainverhältnisse katastrophal», sagt Nater, «ich habe mich dennoch schnell zurechtgefunden.»

Zuschauerbeschränkung wegen Angst vor Protesten

Auch sind die Reisen länger und die Fans heissblütiger als in der Schweiz. Immer mal wieder fliegen Steine und Flaschen in Richtung Spielfeld. Deshalb ist auch nicht absehbar, ob die Zuschauerbeschränkung aufgehoben wird, die von der Regierung während des Arabischen Frühlings eingeführt worden war. Aus Angst, die Stadien könnten bei Massenansammlungen Ausgangspunkt neuer Proteste und Aufstände sein. Der Anschlag im März auf ein Museum mit vielen Toten und Verletzten hat gezeigt, dass das Land noch weit von der gewünschten Stabilität entfernt ist. «Bis zu dieser Tragödie war es eigentlich immer ruhig hier», sagt Nater.

So werden am kommenden Dienstag beim grossen, vielleicht meisterschaftsentscheidenden, Derby zwischen dem Club Africain und Espérance statt 60 000 nur 15 000 Zuschauer eingelassen. «Die Rivalität zwischen diesen Klubs ist riesig», sagt Nater, «der Druck auf uns ist aber grösser, weil wir schon so lange nichts mehr gewonnen haben.»

Nur gut, kann sich Nater zwischendurch mal wieder zu Hause am Meer regenerieren. Das Programm ist hart, denn neben den Ligaspielen warten auf den Club Africain im CAF Konföderationscup noch die beiden Playoff-Partien gegen den ägyptischen Spitzenklub Al Ahly sowie später der Cup-Achtelfinal gegen Etoile du Sahel. «Am Ende der Saison, Mitte Juni, gibt es dann noch mit der Nationalmannschaft gegen Djibouti das erste Qualifikationsspiel für den Afrikacup 2017», sagt Nater.

Vorfreude auf die wohlverdiente Pause

Danach ist er froh, wenn er sich in der Schweiz von den Strapazen einer überaus anspruchsvollen ersten Saison in Tunesien erholen kann. Eine ohne Winterpause, weil Nater im Januar mit dem Nationalteam beim Afrikacup in Äquatorialguinea weilte. Und dort an der Seite von Captain Yassine Chikhaoui («er hat in Tunesien einen eigenen Stellenwert») beim bitteren Ausscheiden gegen die Gastgeber die Erfahrung machte, dass man in Afrika auswärts oft gegen mehr als nur elf Gegner kämpft.

«Im Moment interessiert aber nur die Meisterschaft. Alles andere ist zweitrangig», sagt Nater, in dessen Team mit dem von Luzern gekommenen Yassin Mikari ein weiterer Schweizer steht, und der mit seiner Familie im selben Wohnkomplex wie die Familie Nater lebt. «Uns ist oft erzählt worden, was hier los gewesen ist, als der Club Africain vor acht Jahren letztmals Meister wurde», sagt Nater. «Diese Begeisterung würde auch ich gerne erleben.»