FC Aarau
Ex-Profi Lunde über sein Leben nach dem Abpfiff: «Der Lars, der kann nicht mehr Fussball spielen»

Lars Lunde spricht über sein Leben nach dem Abpfiff. Seine erfolgreiche Fussballkarriere nahm ein jähes Ende. Mit 26 Jahren musste der ehemalige Spieler des FC Aarau die Karriere aufgrund eines Autounfalls beenden.

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Der ehemalige Profi-Fussballer Lars Lunde.

Der ehemalige Profi-Fussballer Lars Lunde.

Mario Heller

Es war April 1988: Ich kam mit meiner damaligen Mannschaft, dem FC Aarau von einem Auswärtsspiel im Berner Wankdorf mit dem Bus zurück. Spiele gegen den ehemaligen Club waren immer sehr schlimm. Beide versuchten, dass der andere möglichst schlecht aussieht. Wir gewannen zwar 2:1, aber ich schoss kein Tor, es war für mich ein verlorenes Spiel.

Ich stieg in mein Auto beim Stadion Brügglifeld und fuhr los. Ich war völlig frustriert und abgelenkt. Ab diesem Zeitpunkt kann ich mich an nichts mehr erinnern. Mein damaliger Trainer Ottmar Hitzfeld erzählte mir später, dass ich an ihm vorbeifuhr und zuwinkte. Ein seitlich heranfahrender Zug rammte mein Auto. An diesem Tag fand meine Karriere als Fussballer ein jähes Ende. Mit 26 Jahren.

«Ich sagte dem Arzt, dass ich aus dem Fenster springe»

Schädel-Hirn-Trauma. Man versetzte mich in ein zwölftägiges künstliches Koma. Ich erwachte im Spital, mein Bruder, der in Dänemark wohnt, war da. Mir wurde erzählt, dass ich einen Unfall hatte. Nach und nach begriff ich die Situation. Ich verlor in den nächsten Wochen stark an Gewicht und war schwach. Es begann eine harte Zeit für mich. Die beklemmende Atmosphäre in meinem Zimmer hielt ich nicht aus. Irgendwann sagte ich dem Arzt, dass ich aus dem Fenster springe, wenn ich nicht nach Hause gehen darf. Am nächsten Tag konnte ich gehen.

Das Leben nach dem Abpfiff

In loser Folge richten wir den Blick auf spannende Persönlichkeiten aus dem Fussballbusiness. Wir lassen sie aus dem Leben nach der Karriere erzählen. Dieses Mal mit Lars Lunde (53). Er spielte von 1984 bis 1986 für YB und schaffte dann den Sprung in die Bundesliga zu Bayern München. Nach der Rückkehr in die Schweiz zum FC Aarau endete seine Karrie 1988 nach einem Autounfall. Der Däne lebt noch heute in der Schweiz und arbeitet als Operationsassistent.

Vor zwanzig Jahren lancierte ich eine zweite berufliche Karriere als Operationsassistent. Seit sechs Jahren lebe ich wieder in Bern und arbeite in der Klinik Beau. In Aarau hatten wir viele Patienten in Behandlung, welche Opfer von Autounfällen waren. Das hat mich immer sehr berührt. Es hätte alles so viel schlimmer kommen können. Wenn die Leute mir sagen, dass ich einfach grosses Pech habe, widerspreche ich: Ich hatte unglaubliches Glück.

In Bern gibt es nur wenige Notfälle. Ich bereite die Operationen vor: Um sieben Uhr morgens kommt meist der erste Patient, den ich dann auf dem Operationstisch in den Operationssaal fahre. Sehr oft werde ich erkannt von den Patienten und wir reden über Fussball. Damit kann ich von der Angst vor der Operation ablenken. Wenn die Narkose dann wirkt, lagere ich den Patienten so um, dass er direkt operiert werden kann.

Vor zwanzig Jahren lancierte Lunde eine zweite berufliche Karriere als Operationsassistenz.

Vor zwanzig Jahren lancierte Lunde eine zweite berufliche Karriere als Operationsassistenz.

Mario Heller

Nach der Operation fahre ich ihn wieder hinaus und bringe ihn zu seinem Zimmer. Mir wurde nie langweilig bei diesen Aufgaben. Am Anfang war es natürlich schon etwas komplett anderes. Fussball spielen zu dürfen, war für mich die grösste Leidenschaft – und Operationsassistent war eben Arbeit.

Dabei lief eigentlich alles so gut. Bevor ich zu Aarau kam und den Unfall hatte, holte mich Uli Hoeness von den Young Boys Bern zum FC Bayern München. Ich schoss bei den Young Boys Bern damals enorm viele Tore und wir wurden Meister. Es kamen danach täglich Anrufe von Spieleragenten. Deutschland und Schweiz, das war wie Tag und Nacht. In der Schweiz machte ich Ferien. In Deutschland spielte ich Fussball. Ein ganz anderes Niveau.

Ich erinnere mich an das erste Auswärtsspiel in Berlin. Wir kamen beim Stadion an mit dem Bus und die anderen Spieler sagten zu mir: «Lars, du trägst jetzt die Koffer.» Mit den Deutschen kannst du keinen Spass machen. Bei den Schweizern sagst du etwas, sie überlegen einige Sekunden, während du schon einen Schritt weiter bist. Bei den Deutschen funktioniert das nicht. Solche Kleinigkeiten waren nicht gut für mein Selbstvertrauen.

Erstes Tor in München

Das Training war sehr fordernd. Mein erstes Tor in München schoss ich erst nach einem halben Jahr. Was in der Schweiz leicht war, fühlte sich plötzlich schwierig an. Ich konnte alleine vor dem Tor stehen und traf die Eckfahne, selbst wenn kein Torhüter vor mir war.

In Deutschland bist du nur gut, wenn du Tore schiesst. Ich erinnere mich an einen Montagmorgen am Kiosk, in der „Bild“ auf der ersten Seite: Lars Lunde, der Versager. Uli Hoeness legte mir bald nahe, den Verein zu verlassen: «Aber bloss nicht zurück in die Schweiz, sonst kannst du deine Karriere an den Nagel hängen!»

Ich ging trotzdem zurück in die Schweiz, als Leihgabe zum FC Aarau. Dort lief es wieder besser. Ottmar Hitzfeld sagte mir: «Lars, du kannst hier wieder wachsen und du wirst Tore schiessen.» Und so war es auch. Endlich sah ich wieder die Angst in den Augen der Gegner, wenn ich auf sie losrannte. Das gab mir Selbstvertrauen.

YB Trainer Aleksander Mandziara, Mitte, Stuermer Lars Lunde auf den Schultern feiern zusammen mit der Mannschaft von YB den Sieg der Meisterschaft.

YB Trainer Aleksander Mandziara, Mitte, Stuermer Lars Lunde auf den Schultern feiern zusammen mit der Mannschaft von YB den Sieg der Meisterschaft.

Keystone

Eine Weile nach meinem Unfall kam ich bei Uli Hoeness unter, ich wohnte in seinem Haus bei München. Er hat alles für mich getan, damit ich wieder auf die Beine komme. Ich war ein Teil seiner Familie. Als ich mich dazu bereit fühlte, ging ich zurück nach Aarau.

Das erste Training, ich kann mich genau erinnern. Alle freuten sich über meine Rückkehr. Viel machen konnte ich allerdings sowieso nicht. Irgendwann machte ich einen Kopfball, am nächsten Tag konnte ich fast nicht mehr aus dem Bett steigen. Mein Kopf fühlte sich an wie ein riesiger Stein.

Natürlich habe ich weiterhin trainiert. Mit der Zeit wurde mir aber bewusst, dass ich einfach nicht mehr der Gleiche bin. Es fehlte immer die entscheidende Bewegung beim Dribbling, die punktgenaue Koordination des Schusses.

Die letzte Station beim FC Baden

Die Leute sagten: «Der Lars, der kann nicht mehr Fussball spielen.» Ich hielt dagegen: «Natürlich kann ich Fussball spielen! Einfach nicht mehr so gut.» Doch das wurde nicht akzeptiert. Vor meinem Unfall konnte ich manchmal ein Arschloch sein zu jüngeren Spielern oder Spielern, welche nicht auf meinem Niveau waren. Einige Spieler taten nun dasselbe mit mir. Wenn du deine Stärke nicht mehr ausspielen kannst, bist du wie ein verletztes Tier.

Meine letzte Station als Spieler war der FC Baden, der damals unter Raimondo Ponte spielte. Ponte war unsympathisch, aber er war der einzige Trainer seit meinem Unfall, der mir die Wahrheit sagte. Er machte Übungen mit mir, welche mir besonders deutlich zeigten, dass meine Leistung auch beim FC Baden nicht mehr reicht. Jeden Abend nach dem Training musste ich 1 gegen 1 Trainingseinheiten absolvieren. Nach drei Monaten hatte ich die Schnauze voll und beendete meine Karriere.

Der YB Stuermer Lars Lunde, Mitte, jubelt am Samstag, 24. Mai 1986 zusammen mit Dario Zuffi, links, ueber ein Tor gegen Xamax Neuchatel.

Der YB Stuermer Lars Lunde, Mitte, jubelt am Samstag, 24. Mai 1986 zusammen mit Dario Zuffi, links, ueber ein Tor gegen Xamax Neuchatel.

Zur Verfügung gestellt

Ich lernte bald eine Dänin hier kennen. Da sie keine Aufenthaltsbewilligung bekam, zogen wir ein halbes Jahr nach Dänemark. Ich fühlte mich sehr unwohl in diesem Land. Die Schweiz war meine neue Heimat. Wir kehrten zurück in die Schweiz und heirateten. Irgendwann fragte mich der Mannschaftsarzt des FC Aarau, Professor Bürgi: «Lars, was machst du eigentlich die ganze Zeit, seit du nicht mehr Fussball spielst?»

Ich zuckte mit den Schultern, denn neben Tennis und Rumhängen machte ich nicht viel. Ich bin ein Typ, der nicht sein eigener Chef sein kann. Stellt man mir Aufgaben, dann bin ich gut. Mein ganzes Leben lang schrieb ich nie eine Bewerbung, das hat mich verwöhnt gemacht. Professor Bürgi versprach mir, einen Job für mich zu finden. Vielleicht in der Küche oder der Gärtnerei eines Spitals: Ich wurde Operationsassistent.

Der Wandel des Fussballs

Nebenbei war ich sporadisch als Jugendtrainer tätig, aber das lag mir nicht so. Alles, was ich früher als Spieler nicht gerne tat, musste mein Team nun machen. Und ich machte vieles nicht gerne. Wenn ich damals anders getickt hätte, wäre ich vielleicht die 5% besser gewesen, die es beim FC Bayern München benötigt hätte. Aber so ist das Leben. Wir würden wohl vieles anders machen, wenn wir jung wären mit unserer Erfahrung. Die Jahre beim FC Bayern München waren die zwei schönsten meines Lebens. Es gibt für mich keinen besseren Verein.

Der Fussball heute hat sich stark gewandelt. Die Spieler geniessen keine Freiheiten mehr. Sie werden ständig überwacht. Früher konnte man nach einem Spiel auch mal saufen gehen, heute würde das als Skandal gelten. Ich finde auch, dass Fussballer heute zu verwöhnt sind. Wenn die Karriere zu Ende geht, kann man doch nicht erwarten, dass jemand das Leben für einem meistert.

Die Young Boys müssen froh sein, dass sie überhaupt noch existieren, nach den Schwierigkeiten in den 90er-Jahren. Sie hatten ja durchaus Möglichkeiten, Meister zu werden, etwa mit Petkovic. Aber Basel hat einfach immer besser gearbeitet. Erst wenn die Mannschaft gut genug ist und zusammengewachsen ist, kannst du sagen, dass du Meister werden willst.

Für Lars Lunde war Fussball die grösste Leidenschaft.

Für Lars Lunde war Fussball die grösste Leidenschaft.

Mario Heller

Als ich mit damals mit YB Meister wurde, waren wir zwar nicht die beste Mannschaft der Schweiz, aber wir hatten eine unheimliche Harmonie untereinander. Ich habe für jedes Heimspiel zwei Tickets zu Gute, oft gehe ich sie mir anschauen.

Für diese Saison habe ich ein gutes Gefühl, ich glaube zwar nicht, dass YB Meister wird, allerdings haben sie clever agiert auf dem Transfermarkt und Spieler geholt, welche besser zur Mannschaft passen als die, die gingen.