Montagsinterview
Ex-Nati-Trainer Gilbert Gress: «Frankreich? Das ist mehr Hass als Liebe»

Er liebt Barcelona, langweilt sich manchmal über den Schweizer Fussball und entzückt die TV-Zuschauer. Eine Woche vor Beginn der neuen Saison spricht Gilbert Gress (73) über den Zirkus Fussball.

François Schmid-Bechtel, Strassburg
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Gilbert Gress posiert zu Hause in Strassburg – die Brille ist moderner geworden, sein Schalk geblieben.»

Gilbert Gress posiert zu Hause in Strassburg – die Brille ist moderner geworden, sein Schalk geblieben.»

Margrit Müller

Wir sitzen in einem Café beim Dom in Strassburg. Der Stadt, in der Gilbert Gress geboren, als Fussballer eine Legende und als Trainer sogar französischer Meister geworden ist. Irgendwann während des Interviews bleibt ein junger Mann an unserem Tisch stehen. Gress schaut auf und fragt mit einem herzlichen Lachen: «Wollen Sie ein Foto?» Er will. «Woher kommen Sie? Ah, aus Basel.» Gress steht auf, legt dem jungen Mann den Arm um die Schulter und lässt sich von dessen Vater fotografieren. Später, als wir durch die Stadt flanieren, wird der ehemalige Schweizer Nationaltrainer immer wieder auf der Strasse angesprochen. Aber ausschliesslich von Schweizern.

Sie sind etwas untergetaucht im Fussballgeschäft. Kein Verein möchte Sie mehr als Trainer engagieren und – leider – auch das Schweizer Fernsehen hatte das Gefühl, es müsse Sie austauschen. Schmerzt das?

Gilbert Gress: Gar nicht! Wenn ich sehe, wie viel Post ich von 7-, 8-, oder sogar 15-Jährigen erhalte, dann kann das gar nicht schmerzen. Ich war noch nie so prominent wie in den letzten fünf, sechs Jahren.

Zur Person

Geboren am 17. Dezember 1941 in Strassburg, hat sich Gress nach einer langen und erfolgreichen Karriere als Fussballspieler und Trainer zur TV-Kultfigur entwickelt. Der Elsässer analysierte während 13 Jahren fürs Schweizer Fernsehen Spiele der Champions League. In diesem Frühjahr war Gress, der Ferien verabscheut, aber Kartenspiele mag, als Juror in der Sendung «Die grössten Schweizer Talente» tätig.

Das stimmt.

Eben. Und Sie fürchten, ich sei traurig (lacht). Ich muss schon sagen, wenn das Fernsehen nicht gewesen wäre, hätte ich mich mehr um einen Verein bemüht. Andererseits: Wenn meine Frau heute ab und zu den Fussball beobachtet, sagt sie mit Recht: «Sei bloss froh, dass du nicht mehr Trainer bist.»

Warum? Woran denken Sie?

Schauen Sie sich die ganze Hektik an im heutigen Fussball! Spieler, Manager, Transfers, alles immer im maximalen Tempo. Es gibt keine Pausen mehr, kaum ist ein Spieler da, will er schon wieder weg. Ja wo sind wir denn!

Dank dem neuen Fernsehvertrag kassiert in England der Absteiger immer noch 140 Millionen – mehr als Bayern München. Ist das krank?

Warten Sie! Ich muss noch etwas anfügen: Nach einem 5:0 mit Barcelona gegen Real Madrid hat Pep Guardiola gesagt: «Ich widme diesen Sieg Johan Cruyff! Er hat mich inspiriert.» Was bedeutet das? Der moderne Fussball, von dem heute reflexartig alle reden, sobald einer einen geraden Pass spielen kann, existierte schon vor 25 Jahren. Moderner Fussball – ich kann es nicht mehr hören!

Sehen Sie, darum vermissen wir Sie, wenn wir Champions League schauen im Fernsehen. Wie Sie erzählen, wie Sie ins Feuer kommen!

Da müssen Sie wohl beim Fernsehen vorstellig werden. Wissen Sie, ich habe einige Briefe erhalten, in denen mir Leute schrieben, sie würden von nun an die Fernsehgebühren nicht mehr bezahlen.

Könnte man Sie zurückholen?

Ich weiss es nicht. Ich bin dem Fernsehen jedenfalls nicht böse. Sie sagten mir, ich sei auf dem Zenit, das sei doch die beste Zeit, um zu gehen. Aber da müssten jetzt die Deutschen Weltmeister wie Neuer oder Müller auch aufhören mit Fussball (lacht). Trotzdem: Ich war mehr überrascht als enttäuscht. Und nur acht Tage später kam das Unterhaltungsressort und fragte mich an, ob ich bei den «Grössten Schweizer Talenten» in der Jury sitzen möchte.

Hat das Spass gemacht?

Ja klar! Das war etwas ganz Neues. Ich bin ja kein grosser Sänger. Anfangs habe ich sehr geschwitzt. Es war schwieriger als gegen Bayern München zu spielen.

Sie scherzen!

Doch. Ich spreche nicht englisch. Aber es singen ja alle englisch. Und ich sollte dann sagen, was nicht stimmt.

Aber Musik – das ist Hören und Fühlen.

Einverstanden. Aber wenn Sie die Worte auch verstehen, hilft das.

Waren Sie nervös?

Das erste und zweite Mal, ja. Da dachte ich: Soll ich da wirklich weitermachen? Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht alles beherrschen kann. Also im Fussball schon. Aber Musik? Ab dem dritten Abend lief es dann besser. Und im ersten Halbfinale, da war ich grandios.

Kürzlich sahen wir Sie im TV sogar kochen – dabei können Sie das doch gar nicht!

Richtig. Nicht einmal Kaffee oder Eier.

Was wären Sie ohne Ihre Frau?

Wir sind seit 51 Jahren verheiratet. Ich muss zugeben: Das ist zu 95 Prozent das Verdienst meiner Frau und zu fünf Prozent meines.

So extrem?

Ja, sie hat viele Opfer erbracht, musste auf vieles verzichten. Es sind nicht nur die Trainer, die einstecken müssen, die Familien hinter ihnen genauso. Einmal, als ich in Strassburg entlassen wurde, hatte mein Sohn kurz darauf plötzlich schlechte Noten wie noch nie.

Wann erhielten Sie das letzte Angebot von einem Fussballklub?

Was soll ich jetzt sagen? Die letzten zwei, drei Jahre nicht mehr. Warum? Ich hatte nie einen Agenten. Heute ist es nicht mehr möglich ohne Agent. Die erzählen dann jedem Präsidenten, dass sie nur die besten Spieler im Angebot hätten. Heute ist jeder ein Guardiola, ein Zidane oder Messi.

War es ein Fehler, keinen Agenten zu haben?

Nein. Ich hatte immer wieder Angebote, ob Dortmund, Stuttgart, Monaco, Paris, Benfica Lissabon. Aber der liebe Gress ist immer geblieben, bei den zwei Vereinen seines Herzens, Strassburg und Xamax. Es war mein Traum, einmal mit einem dieser Vereine in einen Europacup-Final zu kommen. Und einmal hätte ich es fast geschafft, 1982 mit Xamax. Mein Sohn zeigte mir kürzlich Videos. Es ist mir noch heute unerklärlich, wie wir aus so vielen Chancen keine Tore erzielen konnten.

Sie erwähnen Wert wie Treue und Verlässlichkeit. Waren Sie als Trainer auch zu lieb mit Ihren Spielern?

Ich hatte eher den Ruf, zu streng zu sein. Arbeit ist Arbeit. Ich sage immer: Schauen sie mal aufs Tennis. Sehen Sie Federer am Lachen auf dem Platz? Nie! Und die Franzosen, Monfils oder Tsonga, die lachen pausenlos. Wer gewinnt am Ende?

Wenn man Sie so reden hört, hat man stets das Gefühl, zwischen Ihnen und Frankreich herrscht eine Art Hassliebe.

Das stimmt. Mehr Hass als Liebe.

Was kritisieren Sie an Frankreich?

Alles!

Alles? Das kann nicht sein.

Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Kurz vor der WM 1966 in England. Ich war französischer Nationalspieler. Wir waren auf dem Weg ans letzte Testspiel in Moskau. Ich war damals mehrheitlich Ersatz. Der Trainer kam zu mir, sagte: «Gilbert, in Moskau spielen Sie!» Zwei Tage später kommt er wieder, sagt: «Das Büro Fédéral aus Paris lässt ausrichten, Sie müssen zuerst zum Friseur.» Ich erwiderte: «Hören Sie, ich habe lange Haare und die behalte ich auch!» Ich spielte nicht. Und durfte danach auch nicht zur WM.

Was nervt an Frankreich ausserhalb des Fussballs?

Das Land hat fast jeden Monat 15 000 Arbeitslose mehr. Und das Gouvernement sagt: Es geht besser! Es geht aufwärts! Dabei haben manche Leute Mühe, mit dem Geld bis Ende Monat durchzukommen.

Und trotzdem möchte Präsident François Hollande den Griechen helfen.

Ein Freund von mir – ein Bankier – erzählte mir kürzlich von einem griechischen Kunden. Sehr reich, aber bezahlt keine Steuern. Er bekam ein schlechtes Gewissen, ging zur Regierung und sagte: Hören Sie, ich habe mein Geld im Ausland, können Sie es besteuern? Ein Jahr später ist immer noch nichts passiert! Und die Armen in Frankreich fragen sich, weshalb sie so lange in die Schule gehen, um dann Geld nach Griechenland zu schicken.

Worauf freuen Sie sich in der kommenden Fussballsaison?

Auf den FC Barcelona! Warum? Ich vergleiche den Verein immer etwas mit dem französischen HandballNationalteam. Beide gewinnen fast immer. Aber sie beweisen Stil im Sieg. Wenn Sie einen Xavi, Iniesta oder auch Messi sehen, sie alle sind einfache Leute geblieben.

Woran stellen Sie das fest, bei Messi zum Beispiel?

Schauen Sie einmal, wie viel er pro Spiel gefoult wird – etwa 20-mal. Er steht immer auf, macht weiter. Ich weiss, wie das ist. Wenn ich zurückdenke: Nach dem dritten Foul kam es vor, dass ich sagte: «Noch einmal – und ich habe die Schnauze voll.»

Kommen wir zum Schweizer Fussball. Langweilt Sie der?

Schwierig zu sagen. Zu meinen Zeiten bei Xamax, da spielten die besten Schweizer Spieler alle in der Schweiz. Heute sind die 40 besten alle im Ausland. Und die Ausländer, die kommen, sind auch nicht immer die allerbesten. Deshalb bedaure ich umso mehr, dass einer wie Marco Streller jetzt zurücktritt. Er war die prägende Figur der Liga.

Wird der FC Basel zum siebten Mal in Serie Meister?

Was soll ich sagen? Sieht so aus. Jedes Jahr müssen Sie einen Umbruch bewältigen. Und trotzdem sind Sie auch im Europacup weit vorne präsent. Die Politik des Vereins ist überzeugend.

In Bern ist der Tenor: Jetzt muss es endlich klappen! Ist YB reif für einen Meistertitel?

Sie wissen ja, wo YB das letzte Mal Meister wurde, oder?

Auf der Maladière, bei Ihrem Xamax.

Genau. Darf ich was sagen? In jener Saison war Xamax eigentlich besser. Es war das Jahr, als wir im Europacup gegen Real Madrid spielten. Rund um diese beiden Spiele verloren wir die entscheidenden Zähler. Am Ende hatte YB zwei Punkte mehr.

Und wann findet die nächste
YB-Meisterfeier statt?

Die Frage ist: Ist das einfach immer nur Pech? Ich fürchte, das kann nicht nur Pech sein. Irgendwo fehlt es. Wo, weiss wohl niemand.

Was trauen Sie dem FCZ zu? Dem Verein, bei dem Sie Ihren letzten grossen Triumph feierten?

Also Entschuldigung, den FC Aarau zu retten, das war auch ein grosser Triumph!

Stimmt. Aber der letzte Titel war 2000 der Cup mit Zürich.

In meinen Notizen steht ein grosses Fragezeichen hinter dem FCZ. Aber nicht einmal wegen des Trainers.

Apropos Trainer: Ihr ehemaliger Spieler Urs Fischer steht in Basel vor einer grossen Herausforderung. Trauen Sie es ihm zu, diese zu meistern?

Wichtig ist nicht, ob ich ihm das zutraue. Wichtig ist, dass er überzeugt ist, das zu schaffen. Warum sollte er es nicht schaffen?

Heute in einem Jahr sitzen wir hier und schauen die Fussball-Europameisterschaft in Frankreich. Sehen wir Sie dann auch wieder im Schweizer Fernsehen? Das kann ja nicht sein, eine EM in Frankreich ohne Gilbert Gress. . .

Das wäre schon eine Überraschung! Wobei: Zuerst sagen, es sei Zeit für die Pension, und dann doch noch ein Comeback?

Vielleicht haben die Verantwortlichen einfach nicht realisiert, dass die EM in Frankreich stattfindet.

Das hätte ich beinahe auch noch erwähnt. Aber dann war es schon zu spät.

Teilen Sie die Meinung, dass Frankreich der grosse Titelkandidat ist?

Sie können es schaffen, aber gross sind die Chancen nicht.

Warum nicht? Sie sind so kritisch mit den Franzosen!

Gegen wen haben sie die letzten zwei Spiele schon wieder verloren? Albanien und Brasilien.

Gut, gegen Brasilien darf man verlieren.

Die Deutschen haben auch nicht verloren, oder? 7:1 – das sagt doch alles. Dass Frankreich zu Hause spielt, ist ein Vorteil. Aber ich sehe andere Länder vorne. Deutschland, Spanien wieder. Beinahe hätte ich noch Argentinien erwähnt, aber wir sind ja in Europa (lacht).

Wobei: Uefa-Boss Michel Platini ist alles zuzutrauen. Irgendwann kommt bestimmt eine EM ergänzt mit Brasilien und Argentinien.

Das stimmt. Wobei, ehrlich gesagt, finde ich, Brasilien ist ziemlich uninteressant geworden. Ich mag ihnen seither nicht mehr zuschauen.

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