Fussball-Söldner
Ex-GC-Spieler Kehl-Gomez: Schritt für Schritt in Richtung Bubentraum

Nachdem er bei GC nicht mehr weitergekommen ist, sucht Marco Kehl-Gomez sein Fussballglück im Weltmeisterland. Beim Chemnitzer FC muss er nach einem wahren Traumstart um seinen Platz kämpfen.

Markus Brütsch
Drucken
Teilen
Ein grosser Moment für Marco Kehl-Gomez: Der Schweizer überwindet im Pokalspiel der ersten Runde den Mainzer Torhüter Loris Karius und erzielt das 5:4 für den Chemnitzer FC

Ein grosser Moment für Marco Kehl-Gomez: Der Schweizer überwindet im Pokalspiel der ersten Runde den Mainzer Torhüter Loris Karius und erzielt das 5:4 für den Chemnitzer FC

imago/Sven Simon

Es war eine Pokalnacht wie gemalt für einen Debütanten. Ein Erlebnis wie geschaffen, um später einmal den Enkelkindern erzählt zu werden. Nein, den 15. August 2014 wird Marco Kehl-Gomez nie vergessen. Jenen Abend, als er erstmals in der Startformation des Chemnitzer FC stand und auf der anderen Seite Mainz 05 aus der Bundesliga. Als 10 287 Zuschauer ein derart denkwürdiges Spiel zu sehen bekamen, dass Kehl-Gomez sagt: «Das war ein Jahrhundertspiel!» Eines, das ihm noch immer eine Gänsehaut beschert, wenn er an den grössten Tag seiner bisherigen Karriere denkt.

Die Mainzer führten 2:0 und 3:2; nach 90 Minuten stand es 3:3 und Kehl-Gomez hatte zum zweiten Tor die Vorarbeit geleistet. Die Verlängerung war dann an Dramatik nicht zu überbieten. 4:4 stand es nach 109 Minuten, und als Kehl-Gomez in der 119. Minute das 5:4 schoss, schien die Sensation perfekt und der Schweizer der umjubelte Matchwinner. Doch die Mainzer glichen mit einem Schuss aus der eigenen Platzhälfte aus: 5:5, Elfmeterschiessen. Alle Chemnitzer trafen, auch Kehl-Gomez. Ein Mainzer scheiterte: 10:9 für den Underdog. Einen besseren Einstand hätte sich der Stadtzürcher aus Wiedikon nicht wünschen können. Zumal es auch in der Meisterschaft der 3. Liga blendend lief. Trotz eines gewaltigen Umbruchs im Sommer mit mehr als einem Dutzend Zu- und Abgängen gab es erst am sechsten Spieltag die erste Niederlage.

Fanreise aus Zürich

Im Oktober setzte es dann im Pokal gegen Werder Bremen – Kehl-Gomez spielte durch – ein 0:2 ab, und in der Liga fielen die Sachsen nach zwischenzeitlicher Tabellenführung ins Mittelfeld zurück. Aktuell stehen sie auf Rang 6 und haben weder mit dem Auf- noch mit dem Abstieg etwas zu tun. Das Saisonziel von 45 Punkten ist jedoch schon sechs Runden vor Schluss übertroffen worden. Als die Chemnitzer im November im Süden bei der SG Sonnenhof Grossaspach spielten, waren Fans aus Zürich angereist, um die Fanfreundschaft zwischen dem Chemnitzer FC und GC zu pflegen und Kehl-Gomez zu sehen.

Momentan Reservist

Dieser befindet sich nach der anfänglichen Euphorie allerdings mittlerweile auf einer Durststrecke. In der Vorrunde regelmässig eingesetzt, hat der 22-Jährige in diesem Jahr erst fünf Teileinsätze bekommen. «Ich würde gerne mehr spielen. Es ist hart, aber ich muss Geduld zeigen», sagt Kehl-Gomez. Er denkt, es könnte im Moment ein Nachteil sein, dass er auf vielen Positionen einsetzbar ist und bei Trainer Karsten Heine nicht einen fixen Platz in der Aufstellung hat. «Ich habe im offensiven und defensiven Mittelfeld und in der Innenverteidigung gespielt», sagt Kehl-Gomez. Am wohlsten fühlt er sich im zentralen Aufbau als Nummer 6. «Ich werde hart trainieren und mich wieder ins Team kämpfen.»

Debüt unter Sforza

Bei den Junioren von YF Juventus hatte Kehl-Gomez mit dem Fussball begonnen, danach bei den Grasshoppers alle Nachwuchsstationen durchlaufen, ehe er im Herbst 2011 unter Trainer Ciriaco Sforza als 19-jähriger Innenverteidiger seine Super-League-Premiere feierte. Es kamen zwar fünf weitere Ligapartien dazu, doch so richtig vom Fleck kam der Youngster nicht mehr. Eine halbjährige Ausleihe an den FC Lugano verlief enttäuschend. Im Sommer 2013 löste Kehl-Gomez seinen Vertrag mit GC auf. Und hatte Pech, dass sich sein damaliger Berater verzockte und keinen Verein für ihn fand. Er musste schliesslich froh sein, beim süddeutschen Regionalligisten SC Pfullendorf unterzukommen. «Das war zwar ein Schritt zurück», sagt Kehl-Gomez, «doch es war der richtige Entscheid. Der Mannschaft lief es nicht gut, mir persönlich aber schon, und vor allem stand ich in Deutschland in einem gut beachteten Schaufenster.»

Gefallen an Ostdeutschland

Am Ende der Saison ging es für Pfullendorf nach unten, für Kehl-Gomez aber nach oben. Er erhielt beim Chemnitzer FC einen Vertrag bis 2016 und die Gelegenheit, im Land des Weltmeisters Profifussball zu spielen. Bei einem Verein notabene, der als FC Karl-Marx-Stadt in der DDR 1967 Meister geworden war und im Europacup mitmischte. Bei einem Klub, der 2016 in ein neues Stadion einzieht und den Aufstieg in die 2. Bundesliga im Visier hat. «Ich fühle mich wohl hier und komme mit den Menschen gut klar. Sie sprechen zwar eine besondere Sprache und haben ihren eigenen Kopf. Aber sie sind direkt und sagen einem offen ins Gesicht, was Sache ist. Ich mag das», sagt Kehl-Gomez. «Und wenn mich einmal jemand kleiner machen will, als ich bin, dann gebe ich dank meinem spanischen Temperament den Tarif durch», sagt der Sohn einer spanischen Mutter und eines Schweizer Vaters. Kehl-Gomez lebt mit seiner Freundin ein paar Autominuten vom Stadtzentrum entfernt und sagt: «Wir haben hier alles, was wir brauchen. Man darf einfach nicht alles an Zürich messen, der besten Stadt der Welt.»

Ziel: Bundesliga

Wichtiger für ihn aber ist ohnehin der Fussball. Und der ist gut hier. Auch in der dritten Liga. Wie jüngst der Pokalsieg von Arminia Bielefeld gegen Borussia Mönchengladbach wieder bewiesen hat. Kehl-Gomez will sich durchsetzen, Schritt für Schritt. Von der vierten in die dritte Liga hat er es geschafft. Das Ziel ist nun die zweite Bundesliga, und schliesslich soll es auch noch in die erste gehen. «Darauf arbeite ich hin. Schon als Junge habe ich davon geträumt», sagt Kehl-Gomez.

Da hat es sich doch gut getroffen, dass er sein bisher einziges Ligator ausgerechnet in Dortmund gegen Borussia II geschossen hat. Unter den Augen von Bundesligatrainer Jürgen Klopp und von Manager Michael Zorc. «Leider hat danach aber keiner der beiden angerufen», sagt Kehl-Gomez. Und lacht.

Aktuelle Nachrichten