Fussball

Ex-FCB-Goalie Tomas Vaclik im Interview: «Ich dachte: Ich bin nicht gut genug»

Seit Sommer ist Ex-FCB-Goalie Tomas Vaclik die Nummer 1 beim fünfachen Europa-League-Sieger FC Sevilla. Bei unserem Besuch in seiner neuen Heimat spricht er über Zweifel, die Faszination Lionel Messi und welche Ziele er in der Primera División hat.

Tomas Vaclik empfängt uns auf dem Trainingsgelände des FC Sevilla. Es liegt etwas ausserhalb der Stadt. Mit seiner Frau und seiner Tochter wohnt er nicht unweit davon. Er hat ein Haus bezogen, mit einem Pool, wie es hier alle haben, die es sich leisten können. «Es ist wundervoll. Hier kannst du mehr als das halbe Jahr baden. So warm ist es hier. Als ich her kam, waren es 42 Grad! Es ist wirklich schön hier.»

Aber auch jetzt klettert das Thermometer in der Sonne bereits auf 31 Grad. «Die Leute werden nicht glauben, dass Sie Ende Februar hier waren, wenn sie mich in kurzen Hosen sehen!» Es ist eine andere Welt. Aber nicht nur deshalb. Sondern auch sportlich. So dauert es nur wenige Minuten im Gespräch, bis Tomas Vaclik erstmals sagt: «Der Schritt hier hin war riesig. Das habe ich von der ersten Sekunde an gemerkt.»

 

Inwiefern hat sich das bemerkbar gemacht?

Tomas Vaclik: Als ich die Jungs das erste Mal gesehen habe, konnte ich es kaum glauben. Du siehst ausschliesslich hohe Qualität: Das Tempo ist enorm hoch, ihre ersten Ballkontakte, die Technik eines jeden Einzelnen. Ich habe mir vorher nie vorstellen können, dass das Niveau so viel höher ist, der Schritt so gross sein würde. Ich meine, wir haben mit Basel in der Champions und der Europa League jeweils einen guten Job gemacht. Aber das hier ist unglaublich. Daher waren die ersten zwei Trainingswochen auch wirklich verrückt. Und schlimm.

Schlimm? Weshalb?

Ich dachte mir ganz ehrlich die ganze Zeit in den Trainings, dass ich dafür doch nicht gut genug bin. Dazu kam, dass ich im Hotel war, meine Familie war nicht da. Ich war einen Monat getrennt von ihnen, so lange wie noch nie. Dazu kamen 40 neue Leute um mich, neue Trainer, neue Trainings und dann noch eine neue Sprache. Ich fühlte mich wirklich nicht gut. Es war hart.

Wie lange dauerte diese Phase an?

Glücklicherweise nur zwei Wochen. Danach hatten wir nicht mehr zwei Mal täglich Training, sondern begannen die Testspiele. Von da an fühlte ich mich gut. Ich hatte wieder das Leben, das ich kannte, konnte meinen Job machen, kam in den Rhythmus, war wieder klar im Kopf und die Situation und ich wurden besser und besser. Wir qualifizierten uns für die Europa League und kletterten in der Liga an die Tabellenspitze.

Und Sie feierten ein starkes Debut im Supercup gegen Barcelona und Lionel Messi.

Das war wirklich ein guter Einstand. Ich konnte gleich zeigen, was ich kann, rettete diverse Male. Auch bei einer Grosschance von Messi.

Tomas Vaclik feierte am 12. August im spanischen Supercup sein Pflichtspieldebüt für Sevilla. Der Gegner? Der FC Barcelona.

Tomas Vaclik feierte am 12. August im spanischen Supercup sein Pflichtspieldebüt für Sevilla. Der Gegner? Der FC Barcelona.

Gegen ihn erlebten Sie bislang aber auch ihr schlechtestes Spiel, Ende Februar. Sevilla führte 2:1, Sie machten einen Fehler, Messi traf drei Mal und Sevilla verlor 2:4.

Das war bislang mein Tiefpunkt hier. 75 Minuten zeigst du ein super Spiel, und dann das. Gegen ein anderes Team wäre es nicht so gravierend gewesen. Aber Messi ist ein kleines Genie. Der bestraft so etwas. Er hat in den beiden Ligaspielen vier Tore gegen mich erzielt und zwei Assist gegeben. Das ist natürlich hart. Aber man muss auch sagen: Ihm zuschauen zu können ist ein reines Vergnügen. Er rennt nicht viel in einem Spiel, und doch kann er es immer entscheiden. Er macht einen immensen Unterschied. Im Hinspiel waren wir Tabellenführer und gastierten im Camp Nou. Nach nur zwölf Minuten stand es 2:0 für sie, er hatte ein Tor und einen Assist verbucht. Wenig später brach er sich den Arm, ging raus, und von da an hatte ich das Gefühl, als wäre das Spiel plötzlich ausgeglichen.

Haben Sie schon realisiert, dass Sie Woche für Woche gegen ein paar der Weltbesten Spieler antreten dürfen?

Ja, aber es ist verrückt. Ich bin in der gleichen Liga wie Weltmeister oder mehrfache Champions-League- oder Europa-League-Sieger. Das sind enorme Herausforderungen. Aber es ist auch eine riesige Motivation. Ich will mit ihnen mithalten können. Auch auf meiner Position spielen ein paar der besten der Welt: Asenjo, Neto, Courtois, der zum besten Keeper des letzten Jahres gekürt wurde, oder die beiden Monster ter Stegen und Oblak. Aber klar, Messi ist etwas anderes. Der Typ ist nicht von hier.

Und folglich in Ihren Augen besser als Cristiano Ronaldo. Gegen ihn spielten Sie in der Champions League mit Basel.

Cristiano ist für mich ein Topscorer, der von überall treffen kann. Aber Messi macht Dribblings, gibt Schlüsselpässe, lässt vier, fünf Mann stehen. Er kann alles. Daher ist er für mich der Beste.

Vaclik im Zweikampf jenem Spieler, den er «als kleines Genie und nicht von hier» bezeichnet: Lionel Messi.

Vaclik im Zweikampf jenem Spieler, den er «als kleines Genie und nicht von hier» bezeichnet: Lionel Messi.

Das Spiel gegen Barça war Ihr Tiefpunkt bislang. Aber es läuft dem Team seit Jahresbeginn nicht mehr gut. Wieso?

Ich weiss es nicht. Wir haben so gut begonnen, waren nach 13 Runden Erster. Aber jetzt leiden wir nur noch. Vor allem in Auswärtsspielen. Anfangs kamen wir immer mit mindestens einem Punkt heim. Jetzt aber fahren wir zu einem Auswärtsspiel und verlieren fast nur noch. Zu Hause haben wir auch Probleme. Im neuen Jahr konnten wir nur zweimal gewinnen. Alles hat sich gedreht. Machten wir zu Saisonbeginn jeweils mit der ersten Chance ein Tor und ich vereitelte die erste Chance, machen wir jetzt keine Tore mehr und die gegnerischen Chancen landen immer im Tor …

Was dazu führt, dass Sevilla in der Tabelle abgerutscht und der Vorsprung auf die Teams auf den nächsten Rängen enorm geschmolzen ist.

Und genau das ist das grösste Problem. Dass wir über einen langen Zeitraum oder gar die ganze Saison zuvorderst bleiben würden, das hat niemand erwarten können und dürfen. Aber ja, die Teams hinter uns kommen immer näher. Und für uns ist es enorm wichtig, dass wir es auf einen Champions-League-Platz schaffen. Oder die Europa League gewinnen (lacht)!

Darin ist Sevilla ja Experte.

Das ist so. Kein anderes Team hat diesen Wettbewerb öfters gewonnen. Aber es wird schwierig. Chelsea wird es in der Liga auch nicht in die Top 4 schaffen und entsprechend auf die Europa League hoffen. Napoli hat ebenfalls einen grossen Rückstand auf Juve und die Top 4, und diverse andere, grosse Teams wollen das auch schaffen. Für uns kommt jetzt eine wichtige Phase mit dem Spiel gegen Prag in der Europa League und dann mit fünf Spielen gegen Teams direkt hinter uns. Dort können wir diesen so wichtigen Abstand wieder ausbauen. Für mich zeigt aber diese Nähe der Teams gleich hinter der Spitze, wie kompetitiv und stark diese Liga ist.

Ist es die beste Liga der Welt?

Für mich ist das schwer zu sagen. Ich habe bislang nur in der Schweiz und Tschechien gespielt. Man sagt immer die Premier League sei die beste Liga, weil die Budgets, die Löhne und die Ablösen immens sind. Aber hier in Spanien habe ich einfach das Gefühl, dass jedes Team guten Fussball spielen kann und will. In jedem Mittelfeld hat es Spieler, die speziell sind und den entscheidenden Pass spielen oder ein Match alleine entscheiden können.

Wie viel schwerer ist das für Sie?

Definitiv schwieriger. Vor allem mental. Ich hatte diese Erfahrungen auf diesem Niveau bislang ja nur aus unseren Spielen in der Europa und der Champions League.

Und doch haben Sie sich enorm schnell adaptiert.

Ich hoffe dass das so ist! (lacht)

Was mussten Sie anpassen?

Gar nicht so viel. Dass ich alle drei Tage meine Leistung zeigen muss, dafür wurde ich auch ausgebildet. Und dass ich das kann, habe ich denke ich auch bereits in Basel bewiesen. Es ist viel mehr der höhere Druck, an den man sich gewöhnen muss. Ich habe 40 gute Spiele gemacht. Jetzt mache ich einen Fehler und plötzlich prasselt enorm viel Kritik auf mich ein. Fussball bedeutet hier enorm viel, in ganz Spanien.

Wie gehen Sie damit um?

Ich habe nur die Reaktionen auf Twitter und Instagram gesehen. Aber ich besinne mich dann einfach darauf, was ich die ersten sechs Monate hier geleistet habe und arbeite hart weiter.

Vielleicht ist es auch gut, dass Ihr Spanisch noch nicht perfekt ist. So verstehen Sie noch nicht alles.

(lacht) Das kann man so sagen, ja! Aber ich bin daran es zu lernen, mittels Online-Kurs und einem Sprachlehrer. Es ist eine schöne Sprache und mit all den spanischen Liedern und Serien wie Narcos und dem Boom der letzten zwei Jahre auch eine, die alle lernen wollen. Es ist überall. Hier ist es aber auch zwingend, es zu lernen. Es wird nur Spanisch gesprochen. In der Schweiz hatte ich immer das Hintertürchen Englisch. Ich konnte in eine Tankstelle gehen und Englisch sprechen. Hier ist das nicht so, auch in den Läden nicht. Du musst es können.

Auch auf dem Platz und im Training?

Ja. Der Staff kann Englisch, das weiss ich, aber sie bevorzugen Spanisch. Auch der Míster. Bislang hat er kein einziges Mal Englisch mit mir gesprochen.

Wie haben Sie das anfangs gehandhabt?

Ein paar Spieler wie Roque Mesa der in Swansea gespielt hat oder Simon Kjaer sprechen englisch und haben mir geholfen. Und zum Glück sprechen die Spieler gleich vor mir, also die Verteidiger und die defensiven Mittelfeldspieler, ebenfalls Englisch. Aber ich bin ja auch nicht ganz blöd und nehme viel mit, was auf dem Platz auf Spanisch gesprochen wird. Probleme habe ich erst, wenn wir gemeinsam am Tisch sitzen und sie untereinander reden. Dann ist fertig.

Mittlerweile sind sie seit mehr als einem halbem Jahr hier. Welches war Ihr Höhepunkt?

Das war mit Sicherheit der Award für den besten Spieler des Monats, den ich im November gewonnen habe. Den kann mir keiner mehr nehmen. Der steht Zuhause im Schlafzimmer. Ich habe so etwas noch nie gewonnen, weder in der Schweiz noch in Tschechien. Und jetzt gewinne ich ihn hier, in einer Liga mit Messi, Luis Suárez oder Antoine Griezmann. Das ist eine Riesensache.

Tomas Vaclik wurde im November 2018 als bester Spieler der spanischen Liga ausgezeichnet.

Tomas Vaclik wurde im November 2018 als bester Spieler der spanischen Liga ausgezeichnet.

Haben Sie erwartet, dass es Ihnen so gut laufen würde?

Nein, nein, keines Falls. Wenn mir jemand im FCB-Trainingslager am Tegernsee gesagt hätte, dass ich in vier Monaten als bester Spieler von La Liga ausgezeichnet werde, hätte ich das mit Sicherheit nicht geglaubt!

Vom Tegernsee sind Sie damals direkt nach Sevilla gereist. Die Gerüchte kamen auf, als Sie vor dem ersten Testspiel ein Dan Browns Buch «Origin» lesend fotografiert wurden, statt sich aufzuwärmen. Das Buch spielt unter anderem in Sevilla. Wussten Sie damals schon, dass Sie wenige Tage später hier hin wechseln würden?

Das Bild war auch hier in Spanien Gesprächsstoff rund um meinen Transfer. Aber nein, ich habe mir das Buch vor dem Trainingslager gekauft, weil ich mir so die Zeit vertreiben wolle. Ich habe seit dem «Da Vinci Code» alle Dan-Brown-Bücher gelesen und mag sie sehr. Dass in «Origin» tatsächlich Szene hier in der Kathedrale von Sevilla, in Bilbao und Barcelona spielen, war purer Zufall.

Tomas Vaclik liest vor dem ersten FCB-Testspiel im Trainingslager im Sommer 2018 ein Buch, statt sich mit den Noch-Kollegen aufzuwärmen.

Tomas Vaclik liest vor dem ersten FCB-Testspiel im Trainingslager im Sommer 2018 ein Buch, statt sich mit den Noch-Kollegen aufzuwärmen.

Wann war denn klar, dass Sie sich Sevilla anschliessen würden?

In den Ferien habe ich erstmals gehört, dass ich einer auf der Liste bin. Mehr war da aber noch nicht. Ich habe die Vorbereitung normal begonnen, bin normal ins Trainingslager gereist. Dort wurde mir dann gesagt, dass die Verhandlungen intensiver geworden seien. Von da an habe ich nur noch mit Goalietrainer Massimo Colomba separat trainiert, beim Spiel wurde mir gesagt, ich solle besser nicht spielen. Und dann war ich an einem Tag im Training mit Massi, war gerade dabei, Sprünge zu üben, dann sah ich Kaderplaner Remo Gaugler auf uns zulaufen und wusste: Meine Zeit hier ist zu Ende. Ich werde den FCB verlassen.

Mit Sergio Rico und David Soria waren zwei weitere potentielle Stammkeeper im Kader. Wussten Sie bei Ihrem Transfer schon, dass Sie die Nummer eins sein würden?

Man hatte mir gesagt, dass die zwei gehen würden, wenn ich käme. Sicher ist man sich natürlich nie. Im Trainingslager waren wir zu viert, Sergio Rico und ich haben und in den ersten Spielen jeweils die Minuten aufteilen müssen. Nach und nach gingen Sie und ich wurde zur Nummer 1.

Zu einer starken Nummer 1. Sie haben sich mit einem Jahr Verspätung und dem geplatzten Benfica-Deal den Ausland-Traum erfüllen können und sind erst noch sehr erfolgreich.

Ja. Vor Saisonstart hatte man mir noch gesagt, dass man mich nicht gehen lassen werde, auch wenn seit dem letzten Spiel der vergangenen Saison – jenem gegen Luzern –  schon klar war, dass man Jonas Omlin holen will. Der FCB wollte aber wieder Meister werden und sah mich als wichtigen Teil davon an. Als dann aber Sevilla kam haben alle gemerkt, dass es kaum mehr besser werden würde. Und nachdem sie im Sommer zuvor schon Benfica gestoppt hatten, haben sie mich dieses Mal gehen lassen. Dass es mit Benfica nicht geklappt hat, ist im Nachhinein das Beste, was mir passieren konnte.

Es klingt, als fühlen Sie sich rundum wohl. Auch neben dem Platz.

Ich mag es wirklich sehr hier, ja. Die Stadt ist sehr, sehr schön. Es hat viele Monumente, vieles, das sich für Sightseeing anbietet. Beispielsweise die Kathedrale, in der Kolumbus begraben ist oder der Alcázar, wo Game of Thrones gedreht wurde. Oder die Orte, welche ich aus dem Dan-Brown-Buch kenne und die ich nun visualisieren konnte. Es ist wirklich toll. Das Wetter und die Bedingungen sind perfekt. Und die Plaza de España ist einer der schönsten Plätze, die ich jemals gesehen habe.

Die Plaza de España. Laut Tomas Vaclik einer der schönsten Plätze der Welt.

Die Plaza de España. Laut Tomas Vaclik einer der schönsten Plätze der Welt.

Ihrer Familie gefällt es auch?

Sehr, ja. Meine Frau mag dieses Wetter und die Stadt und auch meine Tochter Nicole ist glücklich. Sie ist in einer tollen Schule und spricht schon gut Spanisch. Da es aber schon ihre vierte Sprache ist, hat sie manchmal noch ein ziemliches Durcheinander im Kopf und mischt Englisch, Tschechisch und Spanisch.

Wie geht es Ihrer Tochter eigentlich? Hat sie sich vom Sturz aus dem zweiten Stock erholt?

Ja, sie ist wieder komplett gesund. Es war ein harter Tag und ein Wunder, aber es ist alles wieder gut.

Spätestens seit diesem Tag und ihrer gleichentags starken Leistung beim 3:0 über Real Madrid kennt Sie hier jeder. Können Sie problemlos in die Stadt gehen?

Normalerweise ja. Aber es gab einen Moment, wo ich mir ein Kappe und eine Sonnenbrille aufsetzen und schnell weg gehen musste. Es war kurz vor Weihnachten und ich habe mit meinem Bruder eine Stadiontour gemacht und wollte in der Mall nebenan etwas mit ihm essen gehen. Da haben mich viele Leute entdeckt. Meine hellere Hautfarbe und meine blonden Haare haben es ihnen aber auch leicht gemacht (lacht).

Sie werden bald 30 und spielen bei einem europäischen Topklub. Haben Sie alles erreicht, was Sie sportlich wollten?

Mit meinem Alter habe ich schon mehr als die Hälfte meiner Karriere durch. Jetzt kommt der zweite Teil meiner Karriere. Es geht alles sehr schnell. Ich hatte immer dieses Verlangen, zu zeigen, dass ich in einer grossen Liga spielen kann. Das habe ich geschafft. Aber ich will mich vorwärts pushen bis zu den grossen Namen, die hier auf meiner Position spielen. Ich will auf deren Level kommen. Sie gehören zu den Weltbesten. Ich möchte mit ihnen verglichen werden. Das ist es, was ich noch erreichen will.

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