96 Menschen werden am Zaun um das Spielfeldes zu Tode gedrückt, zertrampelt oder in der Masse der panischen Fans zerquetscht. Es ist der 15. April 1989, der Tag, der als der Tag der grössten Tragödie im Fussball eingehen wird.

Es hätte ein Fussballfest werden sollen, einem FA-Cup-Halbfinale würdig. Der FC Liverpool und Nottingham Forest treffen sich auf neutralem Boden im Sheffielder Hillsborough-Stadion. Eine Spielstätte, dessen Namen heute auch Nicht-Fussballfans ein Begriff ist.

Obwohl an dem Samstagnachmittag vor 25 Jahren viel mehr Fans aus Liverpool in den Norden Englands anreisten, wurden sie zum kleineren Leppings Lane Block im Westen des Stadions geleitet.

Um 14.30 Uhr waren die Ränge direkt hinter dem Tor bereits überfüllt. «Als ich mich umsah, sah ich ältere und deutlich erfahrenere Fans nervös werden», erinnert sich der Liverpool-Fan Adrian Tempany.

Vor dem Stadion warteten zu dieser Zeit noch immer tausende Liverpool-Fans auf den Einlass, der Druck an den Eingangstoren stieg. Keiner wollte den Anpfiff des Spiels verpassten, drängte auf den Einlass.

«Hier gibt es Tote!»

Um die ungeduldigen Fans ins Stadion zu bringen, wurde das Tor C geöffnet, eine Türe, die eigentlich als Ausgang diente. Ein fataler Fehler. Dadurch strömten innerghalb von Minuten rund 2000 Fans in den ohnehin schon überfüllten unteren Liverpooler Fansektor im Hillsborough Stadium, auf den Stehtribünene 3 und 4 bricht angesichts des Gedränges eine Massenpanik aus. Die Leute in den vordersten Reihen werden gegen die Abschrankungen gedrückt, andere in Panik zertrampelt.

«Einen Meter von mir entfernt gab es Tote, sie wurden stehend erdrückt», berichtet Tempany. «Tausende Menschen riefen um Hilfe, sie brüllten 'Hier gibt es Tote!'»

Das Spiel war in der Zwischenzeit bereits im Gange, die Polizei hatte den Anpfiff nichtsahnend genehmigt. «Nach vier Minuten traf ich die Torlatte», erinnert sich der Liverpooler Stürmer Peter Beardsley. «Im Rückblick bin ich froh, dass es kein Tor war» - die Leute, die noch draussen standen, hätten ansonsten das Gebrüll gehört und wären dann noch mehr auf die Ränge gedrängt.

Das Spiel wurde erst unterbrochen, als die ersten Fans bereits tot waren – nachs sechs Minuten. Endlich öffnete die Polizei ein Tor des überfüllten Blocks zum Spielfeld.

Halb erstickte Fans strömten auf den Rasen, hunderte Verletzte mussten versorgt werden, in der Not wurden Reklamewände zu Tragen umfunktioniert. Nur eine einzige Ambulanz wurde aufs Spielfeld gelassen - Symbol für die vielen Fehlentscheidungen der Polizei an diesem Tag.

Polizei vertuscht ihre Fehler

Fehlentscheidungen, die die britische Regierung und die Polizei bis noch vor wenigen Jahren konsequent von sich wiesen. Fehlentscheidungen, von denen auch das Boulevardblatt «The Sun» nichts wissen wollte. Wenig später berichtete der Chefredaktor fälschlicherweise, betrunkene Liverpool-Fans hätten die Panik ausgelöst. Auch die Polizei schob die Schuld Hooligans zu.

Die Fans hätten die ambulante Behandlung der verletzten auf dem Spielfeld verhindert, auf Polizisten uriniert und gar ein kleines Mädchen missbraucht.

Die Aufarbeitung der Vorfälle in Hillsborough ist auch heute noch nicht abgeschlossen. Wäre es nach den Verantwortlichen mit der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher gegangen, wäre dies längst passiert - oder eben genau nicht. «Im Krieg, so heisst es, stirbt die Wahrheit zuerst. In Hillsborough war sie das 97. Opfer», beschrieb es das deutsche Magazin «11 Freunde» einst passend.

Denn erst eine Onlinepetition, die erste in der Geschichte der englische Demokratie, mit dem Namen «Justice for the 96» brachte das Unterhaus des Parlaments im Oktober 2011 überhaupt dazu, die unter Verschluss gehaltenen Akten endlich freizugeben. Nach der berührenden Rede des Bruders eines in Hillsborough ums Leben gekommenen Fan geschah dies ohne eine einzige Gegenstimme.

Fast die Hälfte hätte gerettet werden können

Premierminister David Cameron entschuldigte sich im September 2012 bei den Hinterbliebenen für die Vertuschungen von Behörden - unter anderem entfernten sie negative Passagen aus Berichten - und die schweren Fehler von Polizei- und Rettungskräften. Gemäss einem unabhängigen Gutachten hätten 41 der 96 Opfer gute Überlebenschancen gehabt, wenn sie schneller medizinische Hilfe erhalten hätten.

Erst vor gut zwei Wochen haben die neuen Untersuchungen zur Tragödie von Hillsborough begonnen. Allein die Anhörungen könnten bis zu zwölf Monate dauern.

Im Gedenken an die 96 Todesopfer von Hillsborough wurden die Spiele vom vergangenen Wochenende im FA-Cup, in der Premier League und in den weiteren drei englischen Profiligen sieben Minuten (sechs Minuten als «Zeichen des Respekts» sowie eine anschliessende siebte Schweigeminute) später angepfiffen.

Ein Leben für den verstorbenen Cousin

Eines dieser Spiele war der Spitzenkampf zwischen dem FC Liverpool und Manchester City, die dieses Jahr wohl die Meisterschaft unter sich ausmachen werden.

Der FC Liverpool konnte sich in einem dramatischen Spiel mit 3:2 durchsetzen. Nach 24 Jahren ist für die Reds der Titel wieder in Griffnähe. 25 Jahre nach den grauevollen Geschehnissen in Sheffield.

Im Fokus stand an diesem Sonntag vor allem ein Mann: Steven Gerrard. Der Captain der Scousers vergoss nach dem Abpfiff Tränen. Nicht Tränen der Freude, sondern Tränen der Trauer. Einer Trauer, die Gerrard seit 25 Jahren in sich trägt. Die ihn antreibt, jeden Tag besser zu werden. Für den Titel zu kämpfen. Nicht nur für sich, sondern für Jon-Paul Gilhooley, seinen Cousin. 

Am 15. April 1989 war Jon-Paul mit seinen 10 Jahren das jüngste Opfer von Hillsborough. An diesem Tag hat Gerrard sich geschworen, im Dress des Vereins den er und Jon-Paul so sehr liebten, den Titel zu gewinnen.

25 Jahre nach der Tragödie kann Gerrard es endlich schaffen.