Der Satz ist dramatisch. Er lautet: «Viele Menschen haben immer noch das Gefühl, schwul sein ist dasselbe wie pädophil.» Stille. Nachdenken. Unverständnis. Der Satz stammt von Pascal Erlachner, 38 Jahre alt, Fussball-Schiedsrichter, Politiker, Lehrer, Gastronom – und manchmal ganz einfach: Mensch. Herzlich, sehr höflich, auf den ersten Blick etwas schüchtern, aber der Eindruck täuscht, viel offener als Erlachner kann man kaum sein. Es ist Mittwochnachmittag, als er in seiner Bar in Wangen bei Olten empfängt, den Gästen Cappuccino offeriert. Im Hintergrund läuft Radio Antenne Bayern. Sofort beginnt er zu erzählen.

Bald ein Jahr ist es her, seit sich Erlachner der Fussball-Schweiz offenbarte. Er liebt Männer. Und hatte genug vom Versteckspiel. Zeit seines Lebens war er sich genau dies gewohnt: sich zu verstecken. Ein Doppelleben zu führen. Niemand durfte wissen, wen er warum traf. Erlachner hatte zwei Handys. «Manchmal hatte ich richtiggehend Paranoia, wollte nicht, dass meine Autonummer auf einem gewöhnlichen Parkplatz zu sehen war, weil ich fürchtete, aufzufliegen.»

«Bin glücklich, den Schritt gewagt zu haben»

Es ist nicht so, dass sich Erlachner in der Fussball-Welt blöde Sprüche hätte anhören müssen. Aber trotzdem war da dieses diffuse Gefühl, seine Gefühle nie ganz offenbaren zu können. «Wenn mein Partner an einen Match von mir kam, wollte ich auch ungezwungen mit ihm etwas trinken können danach, ohne mich ständig zu fragen, ob wir beobachtet werden.»
Darum entschloss sich Erlachner zum öffentlichen Outing. Im Rückblick sagt er: «Ich bin glücklich, den Schritt gewagt zu haben. Es hat viel Energie gekostet. Aber es hat sich gelohnt.» Erlachner war unter den Nominierten für den «Prix Courage».

«Ich, der Schiedsrichter und Tabubrecher» – SRF-Dok vom 21.12.2017:

Eines seiner Ziele war, Diskussionen anzuregen. Dazu beizutragen, dass «schwul sein» im Profisport enttabuisiert wird. Ist es gelungen? «Ich denke schon. Aber eines ist mir auch wichtig: Es wäre schön, wenn das Tabu auch im Breitensport fallen würde.» Anfeindungen, blöde Sprüche, unangemessene Fragen – Erlachner hat nichts Derartiges wahrgenommen seit seinem Outing. «Ich war einfach wieder der Schiri.» Vielleicht sagt er auch darum: «Ich würde jeden und jede ermutigen, zur Liebe zu stehen. Es tut gut.»

Rücktritt als Schiedsrichter?

Wenn Erlachner von seinem Leben erzählt, entsteht bald einmal der Eindruck: Da ist jemand ziemlich viel unterwegs und absorbiert. Er arbeitet weiterhin 60 Prozent als Lehrer, er ist Gemeinderat in Wangen bei Olten, nun eröffnete er zusammen mit seinem Partner Mike eine Bar. Das Projekt ist gut angelaufen, aber anstrengend. Noch ist es ein Risiko, deshalb ist der Aufwand zu zweit sehr gross. Es soll eine Begegnungszone für Alt und Jung sein. «Manchmal sind die Rollatoren in der Überzahl, manchmal sind wir auch ein Ort für Schlagerpartys.» Nur Fussball zeigen sie nicht, trotz fast übergrossem Bildschirm neben der Theke, «unsere Bar soll auch ein Begegnungsort für andere spannende Themen neben dem Fussball sein», sagt Erlachner.

Im Sommer musste Erlachner aber merken, dass er irgendwo kürzertreten muss, um sich nicht zu überfordern. Deshalb entschied er sich, als Schiedsrichter eine Pause einzulegen. Von September bis Ende der Hinrunde pfeift er keine Spiele mehr. Eines ist ihm wichtig, zu betonen: «Es hat null und nichts mit meinem Outing zu tun.» Im Januar möchte er noch einmal angreifen, geht ins Trainingslager der Schiedsrichter und plant, in der Rückrunde wieder zu pfeifen. Aber wie lange noch? «Momentan macht mir das Arbitrieren noch viel Freude – aber klar, zehn Jahre dauert die Karriere nicht mehr.»

Verwirrung um «Baby-Drama»

Wer seinen Eifer und seine Hingabe mit seinen Gästen beobachtet, der merkt: Da könnte jemand vielleicht eine weitere Berufung gefunden haben. Erlachner geht es immer um sein Gegenüber. Er will dazu beitragen, niemandem mit Vorurteilen zu begegnen. Mitten im Gespräch ruft er plötzlich: «Schaut da drüben auf der Strasse. Dieser junge Mann mit seiner wilden Erscheinung – er ist ein wunderbarer Papa. Aber niemand würde ihm das zutrauen. Das ist doch traurig.»

Papa sein. Es ist auch so ein Thema, das Erlachner von sich aus und sofort anspricht. Weil er kürzlich erstmals erfahren musste, wie der Boulevard funktioniert, wenn nicht gerade die exklusive Outing-Story ansteht. «Baby-Drama um Erlachner», las er plötzlich in einer Push-Nachricht. Erlachner und sein Partner hätten versucht, Eltern zu werden. Doch die Leihmutter habe das Baby verloren.

Ein Missverständnis

Die Geschichte ist nicht ganz falsch, aber eben auch nicht ganz richtig. Über drei Jahre ist es her, Erlachner war mit einem anderen Mann zusammen, das Paar versuchte mit einem befreundeten lesbischen Paar, ein Kind zu kriegen. Als es misslang, war es für ihn kein Thema mehr. Bis zur Push-Nachricht. Die entstand, weil Erlachner selbst in der «Schweizer Illustrierten» offen darüber sprach, es aber zu einem Missverständnis mit der Journalistin kam.

Überhaupt beschäftigt Erlachner das Thema «Öffentlichkeit». Es gibt Stimmen, die behaupten, er gefalle sich etwas gar gut in den Medien. Es gibt Menschen, die ihm via Leserkommentare vorwerfen, er benutze sein Outing zur Selbstvermarktung. Aber warum sich zurückziehen, wenn man so für seine Anliegen kämpfen kann? Der Nachmittag in der Bar neigt sich dem Ende zu. Erlachner verabschiedet sich, macht sich daran, die nächsten Fleisch- und Käseplättli zu servieren. Er weiss: Der Kampf um Normalität dauert schon noch ein bisschen an.