Fussball

Er ist bereit für das grosse Schaufenster der Kleinen

Xavier Hochstrasser kann an der U21-Europameisterschaft um einen neuen Vertrag spielen. Er hofft – genauso wie viele seiner Mitspieler – auf sich aufmerksam zu machen. Die az hat Hochstrasser vor der EM getroffen.

Nicht alle mögen ihn. Xavier Hochstrasser ist ein freundlicher 23-Jähriger, ruhig, besonnen, spricht im Trainingsanzug der U21-Nationalmannschaft mit angenehmem Tonfall. Auf dem Fussballplatz aber ist er anders. Und war es schon immer. Laut seien sie gewesen, damals, als er im Genfer Vorort Onex mit Bruder Steve das Quartier zum Fussballplatz und die Nachbarn zu Feinden machte. Laut zu allen Tages- und Jahreszeiten. Die Hauswarte rundherum hätten die Knirpse gehasst. Ein Nachbar habe einmal gar ihren Ball geschnappt und ihn mit einer Gabel zerstochen.

Auch heute bleibt Xavier Hochstrasser für seine Gegner auf dem Rasen kein angenehmer Fussballer. Er ist ein giftiger Mittelfeldspieler, der in seiner Zeit bei den Young Boys auch gelegentlich als «Provokateur» auffiel - so zumindest bezeichnete ihn einmal die «Berner Zeitung». In der Bundesstadt stieg der Genfer schnell auf.

Am Tag nach der Promotion Servettes von der 1. Liga in die Challenge League erhielt der damals 18-Jährige im Jahr 2006 einen Vertrag bei YB. Schon in der zweiten Saison kommt er auf 29 Einsätze, in den nächsten zwei Spielzeiten knackt er die Dreissigermarke, gehört zum Stamm. Auch ab dem Sommer 2010 ist er in Europa League, Super League und Schweizer Cup oft im YB-Mittelfeld am Wuseln.

Gesetzt ist er allerdings nicht mehr. Je näher die Winterpause rückt, desto mehr erhärtet sich das Gerücht, dass Hochstrasser Bern verlassen wolle, weil er zu wenig spiele. «Ich hatte nicht zu wenig Einsätze», korrigiert Hochstrasser heute die damaligen Stimmen, «aber ich habe zu wenig Vertrauen gespürt.»

Dieses hat er auch an seinem neuen Arbeitsort nicht erhalten - in Padua, im Nordosten Italiens. Im Februar stiess er zum Serie-B-Verein vor den Toren Venedigs. «Ich kam aus der Vorbereitung mit YB», sagt Hochstrasser, «während in Italien die Meisterschaft seit mehreren Spielen lief und alle im Rhythmus waren.» In der erfolgreichen Rückrunde von Padova Calcio kam Hochstrasser nur achtmal zum Einsatz, nur dreimal von Beginn an.

Heute und am Sonntag spielen die Norditaliener gegen Novara den Playoff-Final um den Aufstieg in die Serie A. Hochstrasser wird nicht dabei sein. «Padova hat dem Schweizer Fussballverband einen Brief geschrieben, damit ich für die Playoffs bleibe und nicht zur U21 fahre», sagt der Romand in gutem Deutsch, «aber ich wollte direkt zur U21.»

Hochstrasser zuckt mit den Achseln. «Vielleicht ist es die einzige Europameisterschaft in meinem Leben.» Er wird aber bei einem allfälligen Aufstieg auch nicht in der Serie A spielen. Der Leihvertrag endet diesen Monat. «Padova hat die Kaufoption verstreichen lassen», sagt YB-CEO Ilja Kaenzig, «wie es weitergeht, ist noch nicht entschieden.» Lose Anfragen seien für Hochstrasser vorhanden, den Kaenzig als modernen Mittelfeldspieler bezeichnet, der sowohl verteidige wie auch angreife. Die Rückkehr zu YB ist nicht ausgeschlossen. Aber vorerst wird die U21-EM abgewartet.

Bei den Young Boys sind Hochstrassers Qualitäten bekannt. Die Europameisterschaft in Dänemark stellt aber für ihn ein gutes Schaufenster dar, in dem er sich nach dem unglücklichen Abstecher nach Padova für einen neuen Klub empfehlen kann. Hartnäckig, kämpferisch, so sei Hochstrasser schon als Kind gewesen, als er auch bei einem 0:5-Rückstand nicht aufsteckte, erinnert sich sein Vater, der ebenfalls Fussballer und dann Trainer bei Onex in der 2. Liga war.

Hartnäckig, so hat sich Hochstrasser auch in den vergangenen Tagen gezeigt, nachdem er sich in einem Testspiel am Freitag das Aussenband am linken Fuss angerissen hatte. Dass Hochstrasser gestern mit nach Dänemark reisen würde, schien fraglich. Erst am Dienstag war nach einem Belastungstest klar, dass er mitreisen durfte - so wie es sich Hochstrasser unbedingt gewünscht hatte.

Diesen Willen schätzt auch der U21-Nationaltrainer Pierluigi Tami an seinem Mittelfeldspieler Hochstrasser. «Er ist dynamisch, bringt viel Schwung ins Spiel und hat einen guten Schuss», lobt Tami. Mit einem Treffer im Hinspiel der Barrage gegen Schweden (4:1) und einem Assist zum 1:1 im Rückspiel hat Hochstrasser Entscheidendes zur Qualifikation der Schweiz beigetragen.

Nun soll die Erfolgsgeschichte weitergehen. Hochstrasser ist weder bescheiden noch verblendet. «Unsere U21 kann alles erreichen», sagt er, «auch der Titel ist möglich.» Mehr noch: «Das muss unser Ziel sein.»

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