Rio Ferdinand stöhnte: «Wir sind meilenweit hinter der europäischen Konkurrenz», hielt der ehemalige englische Nationalverteidiger energisch fest, nachdem Chelsea (Aus gegen Paris Saint-Germain und Arsenal (chancenlos gegen Barcelona) in der diesjährigen Champions League im Achtelfinal die Segel streichen mussten.

Mit «wir» waren nicht nur die Londoner Klubs gemeint, sondern die ganze Premier League. Manchester United (geschätzter Umsatz in dieser Saison: 640 Millionen Euro) hatte nicht mal die Gruppenphase überstanden.

Die europäischen Wettbewerbe waren zuletzt kein Grund zur Freude für die englischen Mannschaften (hier im Bild: Manchester United)

Die europäischen Wettbewerbe waren zuletzt kein Grund zur Freude für die englischen Mannschaften (hier im Bild: Manchester United)



Das Qualitätsdefizit der englischen Spitzenklubs ist kein neues Problem. Seit die englischen Teams in der Saison 2007/08 die Königsklasse mit drei von vier Halbfinalisten dominierten, sind die internationalen Ergebnisse deutlich abgefallen. 2015 gab es keinen Premier-League-Vertreter im Viertelfinal, dieses Jahr nur einen: Manchester City.

Da es in den vergangenen fünf Jahren auch in der Europa League keine Erfolge zu feiern gab, ist die englische Liga in der Uefa-Wertung mittlerweile auf Platz drei hinter Spanien und Deutschland zurückgefallen. Eine beschämende Bilanz, angesichts des grossen finanziellen Vorsprungs.

Scherbenhaufen von London bis Manchester

Die Premier League nimmt in der kommenden Saison allein durch die Fernsehrechte drei Milliarden Euro ein, knapp das vierfache der 18 deutschen Profiklubs. Die Gründe sind vielschichtig und nicht nur von struktureller Natur. United befindet sich nach dem Abgang von Trainerlegende Alex Ferguson immer noch im Umbruch, im von amerikanischen Investoren geführten Verein fehlt das sportliche Know-how in der Führungsebene.

Der FC Chelsea wurde von José Mourinho in einer beispiellosen Egotour an die Wand gefahren. Arsenal leidet unter dem Wenger’schen Wohlfühlklima: Der Elsässer lässt seinen Spieler alle Freiheiten und schickt sie grösstenteils ohne detaillierte Anweisungen auf das Feld. Und Scheich-Klub Manchester City hat schlichtweg seine vielen hundert Millionen nicht geschickt ausgegeben und mit Manuel Pellegrini den farblosesten Trainer der Liga.

Unter Pep Guardiola wird City im kommenden Jahr besser werden und vielleicht bekommt ManUnited mit Mourinho ebenfalls einen neuen Trainer, der den sportlich abgewirtschafteten Riesen wieder auf die Beine stellt (und dabei garantiert ein Riesentheater veranstaltet).

Aus der zweiten Reihe rücken mit Liverpool (Jürgen Klopp), Tottenham (Mauricio Pochettino) und West Ham (Slaven Bilic) Klubs mit guten, jungen Übungsleitern und mehr Cleverness auf dem Transfermarkt nach. Überraschungsteam Leicester City, der wahrscheinliche Meister, hat es den prominenten Klubs vorgemacht: Man muss sein Geld nicht immer aus dem Fenster schmeissen, sondern kann auch mit sorgfältig gescouteten No-Name-Spielern grossen Erfolg haben.

Chelsea konnte in der diesjährigen Champions League nicht mit Paris St.Germain mithalten.

Chelsea konnte in der diesjährigen Champions League nicht mit Paris St.Germain mithalten.



Gegenüber absoluten Top-Vereinen wie Juventus Turin, Real Madrid, Barcelona und Bayern München werden es die Engländer aber auch in Zukunft schwer haben. Nirgendwo sonst werden so viele Spiele gespielt, so schnell und ruppig, und ohne Erholung zwischen den Jahren.

«Times»-Kolumnist Henry Winter, der einflussreichste Journalist des Landes, schreibt schon seit knapp zwei Jahrzehnten erfolglos gegen den ununterbrochenen Wahnsinns-Spielplan an. «Eines Tages wird es anders», glaubt der 52-Jährige.

Das Problem mit der Effizienz

So lange es der englische Fussball nicht schafft, die Zahl der selbstausgebildeten Profis in den Erstliga-Kadern deutlich zu erhöhen, helfen auch die märchenhaften Millionen nicht. Die daraus resultierende Explosion der Transfersummen und Gehälter ist nicht leistungsfördernd; «Es kann nicht gut sein, wenn ein 18-Jähriger nach Abschluss seines ersten Vertrages nie mehr arbeiten muss», sagt der ehemalige Liverpooler Didi Hamann.

Ausserdem bündelt die Inflation der Preise Mittel, die sich europäische Vereine mit höherem Anteil an Spielern aus der eigenen Jugend für Spitzenkönner aufheben können. Die 25 Millionen Euro, die Chelsea beispielsweise für den braven Rechtsverteidiger und Bankdrücker Abdul Rahman Baba an den FC Augsburg gezahlt hat, fehlen später, wenn es darum geht, echte Weltklassespieler an die Themse zu locken. Messi, Cristiano Ronaldo und Co. spielen lieber anderswo.

Wer nun glaubt, dass die Engländer ob der überschaubaren sportlichen Qualität ihres Premiumprodukts Premier League in Depressionen verfallen, irrt sich gewaltig. In Wahrheit hat man sich mit dem Status quo arrangiert.

Gerade weil die Guten derzeit nicht richtig gut sind und die Schlechten nicht richtig schlecht – selbst der Tabellenletzte gehört in der kommenden Saison zu den 30 reichsten Klubs der Welt – ist die Liga offen und unterhaltsam wie lange nicht mehr.

Die Fans interessieren sich in erster Linie, wie es ihren Teams in diesem wilden, unberechenbaren Wettbewerb in der Heimat ergeht, Niederlagen auf dem Kontinent können sie verschmerzen. Und im Ausland verströmen die weltbekannten Marken auch unabhängig von Uefa-Wertung und Champions League unendlich mehr Glanz als ein möglicher Halbfinalist namens VfL Wolfsburg.

Unter dem Strich steht ein Fazit, das den anderen grossen Ligen noch mehr Angst als die finanzielle Hegemonie machen wird. Dem englischen Fussball ist das Kunststück gelungen, auch ohne Erfolg erfolgreich zu sein.