Frauen, Hallen und Hände ebneten den Weg. Die Frauen waren schon an grossen Fussballturnieren.

Neue Hallen wurden für den Nachwuchs gebaut. Und mit Händen griffen die Leute längst nach internationalem Ruhm, im Handball. Diese drei Dinge schufen ein Fussball-Wunder am Rand der Welt, in Island.

Ein Land mit 300 000 Einwohnern (zusammen Genf und Winterthur) nimmt erstmals teil an einer Fussball-EM. Die Erfahrung machte bereits das Frauenteam; eine Premiere also ist es für die Männer. Wer bitte? Wie hiess der Zwerg – Island? Die Gruppe F dürfte als erste spüren, dass Island kein Zwerg mehr ist. Also Ungarn, Portugal und Österreich.

Island feiert die Qualifikation für die Euro 2016

Mit der Höllenglut der Geysire

Den Österreichern gönnen wir die Isländer noch so gern. «Von Wikingern niedergemacht», dürfte die «Kronen-Zeitung» titeln am Tag danach.

Pikanter wird die Partie am 14. Juni gegen Portugal sein. In den Reihen Portugals spielt eine der grössten Pussys des Starfussballs, Cristiano Ronaldo. Ronaldo steht für Sportschlitten und Dauer-Gel, für Party auf der Jacht, für den Glauben, dass Muckis und Kohle Puppen ergeben, für Primatenmimikry vor jedem Freistoss. Kurz: für moderne Rasen-Dekadenz.

Dagegen steht Island wie ein Eisberg. Tritt an mit der Windstärke eines Halb-Jahr-Winters. Mit der Höllenglut der Geysire unter Europas dicksten Gletschern.

Mit tausend Jahren Geschichte. Hier sah Gott bereits am vierten Schöpfungstag, dass alles gut war.

Und liess das Land nahezu ohne Baum und Wald, ohne grosse Säuger. Hier entstand früh ein Heldenepos mit Weltrang, die Edda.

Worin es heisst: «Heil sér þú / ok í hugum góðum. / Þórr þik þiggi. / Oðinn þik eigi» (Gesund seist du / und guten Sinnes. / Möge Thor/Donar dich annehmen. / Möge Odin/Wodan dich zu eigen machen).

Dagegen wirkt Cristiano Ronaldo, als hätte Plastinator Gunther von Hagens für einmal keine Leiche, sondern eine lebende Wachsfigur präpariert. Einer der beiden Co-Trainer Islands, der Schwede Lars Lagerbäck, rühmte Ronaldo «als sehr talentierten Schauspieler». Lagerbäck hatte dessen mädchenhafte Bobo-Pantomimen am Champions-League-Final gesehen: «Ich mag so was nicht.»

Island hat das Zeug, in Frankreich zum Publikums-Liebling zu werden. Man mag solche blondmähnigen Troll-Truppen aus der Tiefe von Mittelerde, die gegen die verweichlichte Kommerz-Chilbi von Uefa und Fifa Sturm laufen. Im Jahr der AntiEstablishment-Wunder (mit Ausnahme der Langweiler Bayern und Basel) lohnt es sich vielleicht, auf Island zu wetten wie in England auf Leicester City.

1992 war «Danish Dynamite» an der Euro explodiert. Jugoslawien war disqualifiziert worden, Dänemark nachnominiert. Acht Tage hatten die Dänen, um sich vorzubereiten.

«Strategie», «eingedrillte Dispositive», «Rasenschach, gestützt auf Videoanalyse und Psychologie» – Pustekuchen!

Raus und zeigen, was eine Harke ist! Das war die Maxime der dänischen Wilden, bis in den Final (2:0 gegen Deutschland).

Islands ungeliebte Ex-Kolonialherren sind jetzt nicht dabei. Auch die grossen «Oranjes» nicht. Warum nicht? Ein Zwerg hatte sie in der Vorrunde zweimal gedemütigt – jawohl, Island.

Keine Wasserträger

Island hat nur 75 Fussballprofis. Es ist das mit Abstand bevölkerungsärmste Land, das je an einer EM teilnahm. Alle, die im Nationalteam aufgeboten sind, spielen im Ausland, zusammengetrommelt aus 22 Vereinen. Darunter gibt es Leute im besten Fussballalter, die eine jener Erfahrungen intus haben, die wohl am meisten beflügeln: Wie man Grossen ein Bein stellt.

Im August 2010 hatte die isländische U21 die Deutschen aus der EM-Qualifikation gekegelt; bei den Deutschen spielten immerhin Hummels, Höwedes und Grosskreutz mit.

Ist das den blasierten Etablierten eine Lehre? Der Teammanager der Deutschen, Oliver Bierhoff, sagte, er finde es nicht gut, dass bei der Euro nach neuem Modus so viele Neulinge dabei seien (Nordirland, Wales, die Slowakei, Albanien und Island).

Das «verwässere» das Turnier. In Bezug auf Island bleibt anzumerken: Das Land hätte sich auch im alten Modus unter 16 Teams qualifiziert. Sind eben Eismänner, nicht Wasserträger.

Sportlich ist Island eine Überraschung zuzutrauen. Als der schwedische Trainer Lars Lagerbäck das Team 2011 übernommen hatte, lag es noch auf Platz 108 der Weltrangliste, hinter Haiti und dem Sudan. Gegen das ungeliebte Dänemark kassierte man einst eine 1:14-Niederlage.

Heute steht Island auf Platz 35. Die Qualifikation für die WM in Brasilien hatte man 2013 knapp gegen Kroatien verpasst.

Einmal wurde Island Vize-Olympiasieger – 2008, im Handball. Konsequent versuchte man darauf, Fundamente für Erfolg auch im Fussball zu legen.

Vor allem, indem man Hallen baute. So geht das Training der Jungen immer weiter, auch wenn der Winter halbjährlich das Land verdunkelt.

Selbst Nester wie Vikingur Ólafsvík, tausend Einwohner, erst seit 1963 mit einer Strasse erschlossen, bekamen eine ganzjährig beheizte Halle. Prompt stieg Vikingur auf in die oberste Liga des Landes, nach einem Cola-Sponsor «Pepsideild» genannt.

Und wenn die Hoffnung platzt, ein Coup ausbleibt? Dann lieben wir sie trotzdem, ohne Island je wieder zu vergessen.

So wie die Iren: 2002, an der WM in Südkorea und Japan, scheiterten die im Achtelfinal beim Penaltyschiessen an Spanien.

Die irischen Fans im Stadion stimmten inbrünstig ein Lied an, das himmeltraurig schöne «Fields of Athenry», ein Lied über die Verdammnis des Exils.

Die spanischen Fans kriegten Hühnerhaut, vergassen ihre Schlachtchöre und sangen bald mit den Iren. Was bedeutet dagegen ein lausiger Sieg?

Auch Isländer legen Pathos in ihre Lieder, etwa in die Hymne: «Für dich ist ein Tag wie tausend Jahre, und tausend Jahre ein Tag.»

Da hat man stets den grösseren Bogen im Blick beim Punktuellen. Abgesehen davon, dass Island an der Euro 2016 bereits einen Titel ergattert hat: «Miss EM», dank Arna Yr Jonsdottir.