Als wir Benjamin Lüthi treffen, sitzt er im «Café Gutgelaunt», direkt hinter dem Bahnhof Bern. Mit der Herbstsonne im Rücken machen wir uns auf den Weg durch die wunderbaren Gassen und Ecken Berns. Auf der Suche nach dem perfekten Foto (einziger Wunsch: nicht zu viel Kitsch) und auf der Suche nach den Ursachen einer erstaunlichen Geschichte.

Schwierigste Phase seines Lebens

Benjamin Lüthi wird im November 26 Jahre alt. Er kommt also in ein Alter, das gemeinhin als der Beginn der «besten Fussballer-Jahre» gilt. Aber Lüthi steht gerade in der schwierigsten Phase seines Lebens. Er ist arbeitslos. Und das, obwohl er zu den fünf besten Aussenverteidigern der Schweiz gehört.

Lüthi wächst in einem Vorort von Bern auf. Seit er 15 ist, spielt er beim FC Thun. Zu YB durften nur die Allerbesten der Regionalauswahl. Der Durchbruch gelingt ihm, dem früheren Mittelfeldspieler, als Aussenverteidiger. Egal, ob der Trainer Peischl, Saibene, van Eck, Yakin, Challandes oder Fischer heisst, sie alle schätzen den Fussballer Lüthi. Und sie schätzen noch mehr den Menschen Lüthi.

Die Welt von Lüthi besteht aus mehr als Ball, Playstation und Handy. Lüthi interessiert sich für andere Kulturen, für Musik, auch für Literatur. Als wir an der Münstergasse vorbeigehen, erinnert er sich: «Mitte des dritten Gymi-Jahres musste ich diese Ecke zeichnen. Die Note 2 hätte gereicht, um wenigstens genügend zu sein. Aber ich erhielt eine 1,5.» Lüthi wurde deswegen nur provisorisch promoviert. Ein kleiner Umweg, mehr nicht, im Sommer 2007 schliesst er mit der Matura ab.

«Ich muss weg»

Sieben Jahre erlebt Lüthi als Profifussballer in Thun. Teilweise sind sie turbulent. Finanzprobleme hier, Sexskandal da, Abstieg, Aufstieg, Wettskandal. Der FC Thun ist auch eine Familienangelegenheit. Seit 2008 ist Vater Markus Lüthi im Verwaltungsrat, seit 2012 gar Präsident. Er ist massgeblich dafür verantwortlich, dass es ruhiger wird um den FC Thun.

In Mürren besitzt die Familie Lüthi eine Ferienwohnung. Wenn sich Benjamin Gedanken über seine Karriere macht, tut er das gerne dort. Im vergangenen März fasst er in Mürren den Entschluss: «Um als Mensch weiterzukommen, muss ich noch etwas anderes sehen.» Lüthi möchte ins Ausland wechseln. Manchmal fragt der Vater: «Bist du sicher, was du tust?» «Ja, ich bin sicher», antwortet der Sohn.

Erster Gang zum Arbeitslosenamt

Mittlerweile sind sechs Monate vergangen. Und Lüthi ist immer noch in Bern. Er hat bis heute keinen neuen Vertrag unterschrieben. Und soeben seinen ersten Gang zum Arbeitslosenamt hinter sich. «Immerhin weiss ich nun auch, wie so etwas funktioniert. Natürlich fühlt sich das komisch an. Aber ein schlechtes Gewissen habe ich nicht, schliesslich zahlte ich jahrelang dafür.» Der Vater leidet mit.

Wir laufen über die Nydeggbrücke, vorbei am Bärengraben und setzen uns in den nahen Biergarten. Wenn Lüthi seine Geschichte erzählt, dann tönt er nicht wie einer, dem es schlecht geht. «Ich kann das ganz gut überspielen», sagt er, «aber in mir drin, da sieht es anders aus.» Zwei Dinge betont er ziemlich schnell. Erstens: «Ich würde alles wieder genau gleich machen. Auch wenn ich weiss, wie es herausgekommen ist.» Und zweitens: «Auch wenn einiges schieflief, ich bin verantwortlich für meine Situation.»

Anfällig auf Verkäufer

Schiefgelaufen? Immer wieder spricht Lüthis Agent von Vereinen im Ausland, die Interesse hätten. In Deutschland, Schottland, Dänemark, Italien, Spanien. Immer wieder betont er, dass es sicher einen neuen Arbeitgeber gebe. Immer wieder sind die Hoffnungen vergebens. Lüthi blickt zurück: «Ich bin anfällig auf ‹Verkäufer›. Wenn ich einen Fernseher brauche, in einen Laden gehe und eine schöne Frau sagt mir: ‹Hey, dieses Gerät ist wegen dem und dem und dem super›, dann kaufe ich den Fernseher sofort.»

Im Spätsommer verordnet sich Lüthi eine Deadline. «Entweder finde ich bis Mitte Oktober einen neuen Verein – oder ich trete zurück und beginne zu studieren.» Dann erhält er einen Telefonanruf des Sportchefs vom FC Nürnberg.

Flüssigkeit im Becken

Er darf zu den medizinischen Tests. Und fällt durch. «Flüssigkeit im Becken», heisst es. Rätselhaft für Lüthi. Der Verein hat Angst, weil einst ein Stürmer mit derselben Diagnose eineinhalb Jahre verletzt ausfiel.

Als Lüthi mithilfe eines Spezialisten die Flüssigkeit bekämpfen kann, meldet sich Nürnberg noch einmal. Mit der Kunde, einen anderen Verteidiger verpflichtet zu haben. «Als hätte ich noch einmal eins auf den Deckel gebraucht.»

Mitte September, an der WG-Party seiner Schwester, erzählen Lüthi Leute aus der Nachbarschaft von ihren kommenden Ferien in Bordeaux. Lüthi schliesst sich spontan an. «Eine Woche die Gedanken fliessen lassen am Meer, dazu viele Leute kennen lernen, das hat gutgetan.» Er beschliesst, die Frist für einen neuen Fussballverein bis in den kommenden Sommer nach hinten zu verschieben. Bis dahin will er sich noch Zeit lassen. Und die Zeit geniessen.

Die nächste Krise folgt bestimmt

Benjamin Lüthi wirkt zuversichtlich. Warum auch nicht? Die nächste Krise – in welchem Verein auch immer – folgt bestimmt. Und sonst? «Ich muss nicht Fussball spielen, nur um Fussball zu spielen. Die Welt steht mir offen.» Es wäre trotzdem schade. Typen wie Lüthi kann es, gerade im Fussballbusiness, nie genug geben.