Zu Beginn der Saison ist keine Verletztenliste in der Super League so lang wie die der Young Boys. Christian Fassnacht, Miralem Sulejmani, Sandro Lauper, Ali Camara und Gianluca Gaudino sowie die Neuzugänge Vincent Sierro und Cédric Zesiger fehlten in Neuenburg. Nach gut einer halben Stunde musste Guillaume Hoarau mit Oberschenkelproblemen aufgeben. Addiert man zum Lazarett die Abgänge von Kevin Mbabu, Djibril Sow, Steve von Bergen und Loris Benito, so hat Trainer Gerardo Seoane insgesamt acht Spieler nicht oder nicht mehr zur Verfügung, die im Fanionteam des überlegenen Meisters standen.

Eine solche Schwächung können die Berner auf nationalem Niveau vielleicht überspielen wie gerade beim 1:0-Erfolg auf der Maladière. Geht es aber um den Einzug in Champions League via Playoffs (ab 20. August), wäre für YB mit dem derzeitigen Angebot an Spielern wohl kein Staat zu machen. Deshalb muss Seoane darauf zählen, dass die Versehrten in den nächsten Tagen und Wochen gesund zurückkehren - einer um den andern. Für Sandro Lauper, im Mai von einem Kreuzbandriss heimgesucht, wird dies nicht gelten. Aber für alle übrigen derzeit Abwesenden darf Seoane Hoffnung haben. Am Montag sollte klar werden, ob oder wie lange der Goalgetter und Schlüsselspieler Hoarau ausfällt.

Die Art, wie das 1:0 bei Neuchâtel Xamax zustande gekommen ist, könnte ein Indiz dafür sein, dass die Berner auch in dieser Saison über die grössten Möglichkeiten aller Mannschaften der Super League verfügen. Trotz der vielen Absenzen dominierten die Young Boys - besonders in der zweiten Halbzeit - auf eine Art, wie es den Xamaxiens im Jahr 2019 noch nicht passiert ist. Mit einer durchschnittlich guten Chancenauswertung hätte YB klar gewonnen. Seoane darf aus dem Auftritt schliessen, dass er sich auch auf die jüngeren und etwas schwächer eingestuften Spieler verlassen kann.

Während Seoane unfreiwillig nicht die beste Formation auf den Platz schickte, tat dies Kollege Marcel Koller vom Rivalen FC Basel freiwillig. Er sparte im Heimspiel gegen St. Gallen (1:2) Kräfte für das Rückspiel gegen Eindhoven in der Champions-League-Qualifikation vom Mittwoch. Die Absenzen von YB und Basel dürften sich die Waage gehalten haben. Der Leistungsunterschied indessen war beträchtlich. So gesehen, war das Spiel der Berner in Neuenburg möglicherweise eine Art Machtdemonstration.