WM-Kolumne
Ein Tor für die Ewigkeit

Ehre muss sein: TV, Radios, Onlinemedien und alle Zeitungen widmen nach dem 1:1 gegen Brasilien ihre grossen Geschichten Torschütze Steven Zuber. Die Schweizer wissen nun, dass Zuber auf einem Bauernhof im Tösstal aufgewachsen ist. Dass er als Flexitarier Fleisch UND Gemüse mag. Oder dass während der Hochzeitsnacht mit Mirjana im Nobelhotel Baur au Lac gleichenorts ranghohe Fifa-Funktionäre verhaftet wurden.

Sebastian Wendel
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Wir erinnern uns: Gelson Fernandes erzielte gegen Spanien an der WM 2010 den Siegestreffer.

Wir erinnern uns: Gelson Fernandes erzielte gegen Spanien an der WM 2010 den Siegestreffer.

PETER KLAUNZER

Ein Tor ist längst nicht mehr nur ein Tor. Es kann zur Folge haben, dass die Essgewohnheiten, das Lieblingsauto und die Tätowierungen des Torschützen in den Vordergrund drängen. Und im Fall von Zuber die sportlich relevante Frage, ob das Tor überhaupt regulär war, in den Hintergrund. Ein Tor wie das von Zuber gegen Brasilien kann ein Leben verändern, es ist ein Tor für die Ewigkeit. Tipp an Zuber: Fragen Sie doch mal bei Gelson Fernandes nach!

Vor acht Jahren gewann die Schweiz an der WM in Südafrika das Startspiel gegen den späteren Weltmeister Spanien. Eine Sensation, der erst wieder der Coup am Sonntag gegen Brasilien das Wasser reichen konnte. Torschütze damals gegen Spanien: Gelson Fernandes, dem es wie in diesen Tagen Zuber erging. Die Medien kramten den Menschen hinter dem Fussballer hervor, der Hype um den auf den Kapverden geborenen Walliser war riesig. Obwohl sein Tor letztlich wertlos war, weil die Schweiz nach der Gruppenphase ausschied, verfolgt es Gelson bis heute.

Gelson? Das ist doch der, der uns zum Sieg gegen Spanien geschossen hat! Aber wissen Sie, dass die Schweiz ohne Gelsons Tor im Qualifikationsspiel in Moldawien vielleicht gar nicht nach Südafrika geflogen wäre? Oder dass Gelson mit Ausnahme von Spanien in allen vier Topligen Europas gespielt hat? Etwas, das sonst kein Schweizer geschafft hat.

Gelson weiss wie kein Zweiter, wie es ist, auf ein einzelnes Tor reduziert zu werden. Die These, Gelson sei nur deswegen bis heute Nationalspieler und an jeder Endrunde dabei gewesen, kursiert schon lange. Von ungefähr kommt das nicht: Gelson hat seit dem Tor gegen Spanien in der Nationalmannschaft keine Spuren mehr hinterlassen; nach der WM 2010 stand er nur noch zwei Mal in einem Pflichtspiel in der Startformation.

Frohnatur Gelson lächelt die Skepsis weg und kokettiert mit der Rolle des Spassvogels. Ob der scheue Steven Zuber das auch kann, sollte ihn in den nächsten Jahren das gleiche Schicksal wie Gelson ereilen? Kaum. Hoffen wir darum für Zuber, dass Brasilien nur der Anfang war und er viele weitere Sternstunden im Trikot der Schweizer Nationalmannschaft folgen lässt.

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