Fussball
Ein Schweizer lanciert in Indien seine Karriere neu

Der 22-jährige Tiago Ribeiro hatte die Schnauze voll vom Fussball. Bis er nach Indien kam und ausgerechnet im Land des Crickets die Freude an seinem Sport wiederfand.

Markus Brütsch
Drucken
Teilen
Tiago Ribeiro im Trikot des Mumbay City FC: In Kalkutta hat er vor 65000 Zuschauern gespielt.

Tiago Ribeiro im Trikot des Mumbay City FC: In Kalkutta hat er vor 65000 Zuschauern gespielt.

Pal Pillai/ ISL/ SPORTZPICS

Wenn Tiago Ribeiro in diesen Tagen in die Schweiz zurückkehrt, dürfen sich seine Familie und Freunde auf packende Erzählungen freuen. Der 22-Jährige ist in Indien als Spieler des neu gegründeten Mumbay City FC hautnah beim Versuch dabeigewesen, mit der Einführung der Indian Super League (ISL) dem darbenden Fussball im Milliardenstaat einen Schub zu verleihen.

Als Ribeiro im September nach Mumbai flog, hatte er mit im Gepäck einen Kratten voll mit offenen Fragen: Wie hoch wird das Niveau, wie gross das Interesse sein? Kann ich mit Stars wie Nicolas Anelka, Frederik Ljungberg und Manuel Friedrich mithalten? Was für Reisestrapazen warten in diesem riesigen Land? Wie gut lässt sich in diesem feuchtheissen Klima Fussball spielen?

20 000 Zuschauer im Schnitt

Auf die allermeisten Fragen hat Ribeiro eine positive Antwort erhalten. Über 20 000 Zuschauer haben bisher im Schnitt die Spiele der Achterliga besucht, die während dreier Monate bis zum 20. Dezember ihren Meister ermittelt und mit den Halbfinals Kerala - Chennaiyin und Kalkutta - Goa nun in die entscheidende Phase geht.

«Ich habe viele Signale erhalten, dass es mit der ISL weitergeht», sagt Ribeiro, der in Kalkutta vor 65 000 Zuschauern aufgelaufen ist. Weil Ranbir Kapoor, der Präsident und Besitzer des Mumbay City FC, ihn persönlich gebeten hat, doch bitte zu bleiben, kann sich Ribeiro vorstellen, eine zweite «Saison» in Indien zu spielen.

Zumal er von Kapoor nach dem letzten Heimspiel die Klubfahne in die Hand gedrückt bekam, um sie noch einmal durchs Stadion zu tragen – eine besondere Wertschätzung. Wie andere Klubbesitzer ist auch Kapoor auf dem Subkontinent eine grosse Nummer. Der 32-jährige Schauspieler gilt als der Brad Pitt Indiens. Er dürfte es daher problemlos verschmerzen, dass die ISL vorderhand noch defizitär ist und jeder Klub zwei Millionen Dollar Verlust macht.

Anelka als Teamkollege

Tiago Ribeiro hätte es nichts ausgemacht, erst kurz vor Weihnachten heimzukommen. Er hätte nur zu gerne um den Titel mitgespielt. «Vor der Saison sind wir als Favorit gehandelt worden, doch vor allem die Verletzung von Anelka hat uns übel mitgespielt», sagt Ribeiro. So verpasste das siebtklassierte Mumbai den Halbfinalrang um drei Punkte.

«Unter dem Strich bin ich aber glücklich darüber, wie es für mich gelaufen ist», sagt Ribeiro. Weil das Reglement vorschreibt, dass nur sechs Ausländer auf dem Platz stehen dürfen und vier davon Stars sind, musste er hart um seinen Platz kämpfen. Doch die elf Einsätze – neun davon in der Starformation – unter dem kauzigen englischen Trainer Peter Reid sind eine gute Bilanz.

«Die Freude am Fussball ist zurück», sagt der Mittelfeldspieler. «Zu Beginn zweifelte ich zwar, ob ich dieses Klima aushalten würde. Aber ich gewöhnte mich bald daran.»

Keine Verwendung bei GC

Nachdem der Zürcher und portugiesisch-schweizerische Doppelbürger als 14-Jähriger von GC zu Benfica Lissabon gegangen war, dort später mit David Luiz und Angel Di Maria trainieren und in Freundschaftspartien sogar zusammenspielen durfte, kam er nach Abstechern zu Vizela und der 2. Mannschaft von Braga zurück nach Zürich. Verwendung für ihn fanden die Hoppers aber keine und Ribeiro dachte ans Karriereende.

Dank guten Beziehungen seines Beraters Christian Zenger erhielt er in der ISL die Chance, seine Laufbahn neu zu starten. Der Lohn sei zwar gut gewesen, wichtiger aber der Sport, sagt Ribeiro. Die ganze Mannschaft war im selben Hotel untergebracht und Ribeiro kann über einen Mitspieler wie Anelka nur positiv sprechen. «Ich dachte, er sei arrogant. Doch das stimmt überhaupt nicht.»

Besucher aus Deutschland haben Ribeiro erklärt, das Niveau der ISL entspreche knapp jenem der 2. Bundesliga. Dank den weiten Reisen durch ganz Indien bis hinauf an die Grenze zu Bhutan hat er einen guten Einblick ins Land erhalten. «Wir haben überall versucht, möglichst viel von der Stadt zu sehen», sagt Ribeiro.

Beeindruckt von Mumbai

Am meisten beeindruckt hat ihn aber Mumbai, die Zwölfmillionenstadt. «Unfassbar dieses Gewusel während 24 Stunden. Zu fünft sitzen die Inder manchmal auf einem Motorrad», sagt Ribeiro. «Wenn man das Hotel verlässt, ist man sofort umringt von Menschen, die alle etwas wollen. Man hat uns dringend abgeraten, jemandem etwas zu geben, weil dann fünfzig andere auch etwas haben möchten. Die Armut ist enorm.»

Zusammen mit dem Deutschen Friedrich hat Ribeiro einmal eine Zugfahrt gewagt. «Das Gedränge war so gross, dass es unmöglich war, an der gewünschten Station auszusteigen.» Seit er in einer grossen Fernsehshow aufgetreten ist, wird Ribeiro von den Indern auf der Strasse erkannt. «Das ist eine ganz neue Erfahrung und tut gut. Ich habe in den letzten drei Monaten in jeder Beziehung enorm viel profitiert», sagt Ribeiro.

Aktuelle Nachrichten