David da Costa
Ein Rauswurf wird zum Glücksfall

Beim FC Zürich wurde David da Costa aussortiert. Mit seinem neuen Club Novara Calcio ist er jetzt zu grosser Form aufgelaufen und liebäugelt nun mit der Serie A.

Markus Brütsch, Novara
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David Da Costa: «Ich habe mich ich in Italien vor allem im technischen Bereich weiterentwickelt.»

David Da Costa: «Ich habe mich ich in Italien vor allem im technischen Bereich weiterentwickelt.»

LaPresse

Domenico Cioffi zückt sein Handy. Er muss dringend ein paar Bilder zeigen, die er am Montag in Neapel beim Spiel gegen Milan geschossen hat. David Da Costa soll wissen, wie toll es im Stadion San Paolo ist.

Cioffi ist der Chef einer Pizzeria in Novara und ein glühender Napoli-Fan. Sein Stammgast Da Costa, seit gut einem halben Jahr der Goalie von Novara Calcio, ist soeben aus dem Stadion Silvio Pioli gekommen, wo eine Stunde zuvor auf Kunstrasen das «Reisderby» gegen Pro Vercelli vor 5900 Zuschauern mit einem 1:1 zu Ende gegangen war. Vercelli liegt wie Novara inmitten der riesigen Reisfelder des Piemonts. Deshalb gibt es im Sommer jeweils eine richtige Moskitoplage. «Man kann nicht draussen essen, ohne ständig nach einem dieser Viecher zu schlagen», sagt der Rezeptionist im Hotel. «Im Training muss man sich entsprechend schützen», sagt Da Costa. Das ist aber das Einzige, was er an seinem neuen Arbeitsplatz bemängelt.

Emotionalität der Menschen in Italien

Er hätte auch nach Deutschland oder Israel gehen können, wollte aber wegen der Emotionalität der Menschen nach Italien. «Auch ich bin so», sagt Da Costa. Er muss seinen Entscheid nicht bereuen. «Als Aufsteiger war das Ziel der Klassenerhalt», sagt der Torhüter, «aber dann spielten wir eine tolle Vorrunde und hoffen jetzt, dass wir mit unserem Teamgeist in die Playoffs um den Aufstieg kommen.» Was erstaunlich wäre, weil Sportdirektor Domenico Teti nach der Promotion eine ganz neue Mannschaft zusammengestellt hatte.

In dieser spielt Da Costa eine wichtige Rolle. Wer sieht, wie der Zürcher nach dem Spiel in Cioffis Ristorante begeistert abgeklatscht wird, der spürt, dass sich dieser in kurzer Zeit in die Herzen der Novara-Fans gespielt haben muss. Der den kleinen, an Diabetes erkrankten Mattia besucht und mit einem handsignierten Shirt überrascht hat. Einer, der sechs Sprachen spricht und dank seiner KV-Lehre in einem italienischen Reisebüro problemlos auch italienisch parliert.

Aber vor allem viele Bälle hält. In 25 Partien hat Da Costa nur 22 Gegentore kassiert. «Mein Goalietrainer ist ein Spinner, aber unglaublich gut. Ich habe im technischen Bereich viel dazugelernt», sagt Da Costa. «In Italien betrachtet man mich, den bald 30-Jährigen, noch als jungen Goalie.» Der beim FC Zürich im April letzten Jahres allerdings aussortiert und durch den blutjungen Yanick Brecher ersetzt worden ist. Aus sportlichen Gründen – offiziell.

Da Costa weiss noch immer genau, was beim FCZ läuft. Er sieht sich jedes Spiel mittels Livestream an. Doch er verzichtet darauf, gegen seinen früheren Trainer Urs Meier und den Präsidenten Ancillo Canepa nachzukarten. «Meier, mit dem wir ja Cupsieger geworden sind, hat uns viel Verantwortung übertragen, das haben wir geschätzt», sagt Da Costa, «und Canepa hat so viel Herzblut für den FCZ wie nur wenige.» Die Wunden über den Rauswurf sind verheilt; ja, im Nachhinein lässt sich fast sagen, er sei für Da Costa ein Glücksfall gewesen. «Nach Novara zu gehen, war ein Volltreffer», sagt der Goalie.

In der Super League gebe es zwar individuell bessere Spieler als in der Serie B, sagt Da Costa, dafür werde dort unglaublich intensiv gekämpft. Auch für manche Anekdoten sei die Liga gut. «Als wir in Ascoli 3:1 gewannen, konnte die Heimmannschaft die Kabine fünf Stunden lang nicht verlassen. Die Fans waren derart wütend», erzählt Da Costa. «Und als wir in Vercelli spielten, wurde ein Gegner wegen einer Schwalbe verwarnt, und ich staunte, wie verzweifelt er deswegen war. Ich erfuhr erst danach, dass in der Serie B Schwalben mit 1500 Euro gebüsst werden», sagt Da Costa.

Mit seiner Frau Daniela und den Kindern Nelio (3) und Mailena (fünf Monate) wohnt er am Rande von Novara. «Die Altstadt ist wunderschön, ich lebe aber gerne etwas ausserhalb», sagt Da Costa, der den freien Sonntag oft dazu nützt, um mit seiner Familie das nur eine halbe Autostunde entfernte Mailand zu erkunden. «Die Lebensqualität in Italien ist gross und alles ist etwas preiswerter als in der Schweiz», sagt Da Costa.

Die Serie A nimmt Notiz

Kein Zweifel, es läuft gut für ihn in Bella Italia. Und vielleicht bald noch besser. Der schweizerisch-portugiesische Doppelbürger ist von Sky Italia zum besten Serie-B-Goalie der Vorrunde gewählt worden. Es heisst, die halbe Serie A sei hinter ihm her. «Meine Mitspieler wissen darüber mehr als ich, sie lesen es in den Zeitungen», sagt Da Costa, der schon morgen Abend mit Novara in Cagliari antritt. «Aber klar, ich will hier etwas reissen. Ich lebe den Fussball und würde dies auch gerne in der Serie A tun.»

Man sagt, auch Napoli sei interessiert an ihm. Sollte Da Costa tatsächlich in den Süden wechseln, Domenico Cioffi würde platzen vor Stolz. Er ist es schliesslich gewesen, der dem Svizzero gezeigt hat, wie es im Stadio San Paolo aussieht.

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