Champions League
Ein Mann, ein Klub: Lebenslänglich Liverpool für Steven Gerrard

Mit Steven Gerrard läuft am Mittwochabend im St.Jakob-Park eine Ikone der «Reds» ein. Das Herz des 34-Jährigen gehört seit eh und je dem FC Liverpool – 176 Tore hat Gerrard für seinen Klub erzielt. Was ihm noch fehlt ist der Premier-League-Titel.

Markus Brütsch
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Steven Gerrard verfügt über eine Schusstechnik, wie sie selbst auf Stufe Champions League selten ist.

Steven Gerrard verfügt über eine Schusstechnik, wie sie selbst auf Stufe Champions League selten ist.

KEYSTONE

Die meisten von damals spielen nicht mehr. Von jenen, die am 12. November 2002 für das Jahrzehntspektakel zwischen dem FC Basel und dem FC Liverpool gesorgt hatten. John Arne Riise hat kürzlich zu Apoel Nikosia gewechselt, Djimi Traoré spielt bei den Seattle Sounders und Carlos Varela bei Köniz; die anderen sind im Ruhestand. Nur Steven Gerrard spielt auch zwölf Jahre nach dem 3:3-Highlight vom St. Jakob-Park noch immer auf der höchsten Stufe – der Champions League eben.

Zwar ist auch er älter geworden und mit 34 Jahren nicht mehr so sprintstark wie einst. Doch für den Liverpooler Trainer Brendan Rodgers unverzichtbar: «Steven ist brillant.» Gegen den FC Basel läuft Gerrard heute Abend zum 677. Mal in einem Pflichtspiel für die Liverpooler auf. 176 Tore liegen auf dem Konto. «Er kann alles, wirklich alles», sagt Stéphane Henchoz.

Der Schweizer stand sechs Jahre lang bei Liverpool unter Vertrag und hat die Bedeutung des Captains für den Traditionsverein mitbekommen. «Er kann im Mittelfeld auf der 6, der 8 oder der 10 spielen; er ist ein starker Aussenverteidiger und könnte problemlos in der zentralen Abwehr auflaufen», sagt Henchoz. «Als Mensch ist er ruhig und zurückhaltend. Auch in seiner Rolle als Captain hat er nicht besonders viel gesprochen.» Markus Babbel, auch er ein vormaliger Teamkollege von Gerrard, bestätigt: «In der Kabine habe ich ihn nie gehört. Dabei sass ich direkt neben ihm.»

Hamann: Ein kompletter Spieler

«Aber deswegen war er noch lange nicht ein schlechter Captain», sagt Henchoz, «denn auf dem Platz ging er mit unbändigem Einsatz voran. Jeder wusste: Wenn Steven so marschiert, dann muss auch ich Vollgas geben.» Gerrard sagt: «Ein Tackling ist eine Kollision, die den Mutigen vom Angsthasen trennt.» Auch Didi Hamann spielte jahrelang an der Seite von Gerrard im Mittelfeld. «Er ist ein kompletter Spieler, unheimlich schnell und so torgefährlich, wie Aufbauer nur noch selten sind.»

Vor allem aber zählt er zur aussterbenden Spezies der «One-Club-Man». Eine Karriere – ein Verein. Sein Papa hatte ihm die Leidenschaft zum FC Liverpool vorgelebt. Gerrard sagt in seiner 2006 erschienenen Autobiografie: «Wenn man meine Adern aufschneidet, blute ich liverpool-rot.» Seit er acht Jahre alt ist, trägt Gerrard die Farben des FC Liverpool. Er hat als Knirps am Fernsehen die Katastrophe von Hillsborough miterlebt, bei der sein 10-jähriger Cousin ums Leben kam. Mit 16 sass er als Ersatz auf der Bank beim FA-Cupfinal, mit 18 debütierte er in der Premier League, mit 20 in der Nationalmannschaft und mit 23 wurde er der Captain der «Reds», der er bis heute geblieben ist. Sich Gerrard im roten Trikot ohne die Binde am linken Arm vorstellen – unmöglich.

Gerrard war 2005 die treibende Kraft des CL-Siegers

Keine Frage, Gerrard würde gerne noch einmal die Champions League gewinnen. Er war 2005 die treibende Kraft des Teams gewesen, das im Final von Istanbul gegen Milan aus einem 0:3 ein 3:3 gemacht und danach das Penaltyschiessen gewonnen hatte. «Zusammen mit Kenny Dalglish ist Gerrard der beste Liverpooler aller Zeiten», sagt Alan Hansen, selber einmal Profi bei den «Reds» und heute BBC-Experte. Gerrard hat auch den Uefa-Cup gewonnen und zweimal den FA-Cup. Er war je dreimal bei einer WM und einer EM dabei und wurde 2004 in der Schweiz berühmt, nachdem ihm Alex Frei in Portugal gegen den Nacken gespuckt hatte. Mit der WM in Brasilien hat er nach 114 Partien seine Länderspiellaufbahn indes beendet.

Für Liverpool aber bleibt er am Ball. Obwohl die Liste mit seinen Verletzungen lang ist. Doch Gerrard wird getrieben vom Willen, wenigstens einmal in seiner Karriere diese verdammte Premier League zu gewinnen. Als Neunjähriger hatte er im Stadion miterlebt, wie Liverpool 1990 zum letzten Mal Meister wurde. In der letzten Saison schien der grosse Wurf zu gelingen, bis in der 36. Runde ausgerechnet Gerrard gegen Chelsea als letzter Mann ausrutschte, die entscheidende Niederlage einleitete und Manchester City den Weg zum Titel ebnete.

2009 hatte er noch gesagt: «In den grössten Drucksituationen kann ich immer am meisten aus mir herauspressen.» Im selben Jahr ist er vor Gericht gestanden, weil er einen DJ geschlagen hatte, nachdem sich dieser geweigert hatte, Phil Collins aufzulegen. Geschadet hat ihm die Geschichte nicht. Die Liverpooler lieben seine grenzenlose (gut bezahlte) Loyalität zum Klub viel zu sehr. Verheiratet mit einem Model und Vater von drei Töchtern, ist er für viele noch immer einer von ihnen. Der Inbegriff eines gewöhnlichen jungen Mannes, der auch mal mit seinen Freunden um die Häuser zieht. Den man öffentlich aber selten lächeln sieht. «Für ihn ist das Glas immer halb leer», schrieb der «Guardian».

Henchoz: «Gerrard ist eine Ikone»

Die Mitspieler sehen das anders. Adam Lallana sagte gestern in Basel: «Viele haben keine Erfahrung mit der Champions League. Da ist es wichtig, einen Captain wie Gerrard zu haben.» Trainer Rodgers erzählte, wie ihm Gerrard vor einiger Zeit von diesem 3:3 aus dem Jahre 2002 erzählt und von der grossartigen Atmosphäre im St. Jakob-Park geschwärmt habe.

«Gerrard ist eine Ikone», sagt Henchoz.

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