Während draussen eine garstig kalte Bise durchs Stadion pfeift, sitzt Guillaume Hoarau im Bauch des Stade de Suisse und nimmt sich Zeit, um über sich und sein Leben zu sprechen. «Ich bin ein glücklicher Mensch. Ich erwache am Morgen im Bewusstsein, wie gut es mir geht und wie schön das Leben ist», sagt der YB-Stürmer.

Am nächsten Montag wird er 34 Jahre alt. Für ihn ist das aber noch lange kein Grund, an den Abschied vom Spitzenfussball zu denken. Im Gegenteil. «Ich liebe meinen Beruf je länger desto mehr und freue mich auf jedes Spiel», sagt der Franzose. «Ich weiss, dass in zwei Jahren vielleicht alles vorbei ist und geniesse deshalb jeden Augenblick, den ich auf dem Platz verbringen kann. Am liebsten würde ich spielen, bis ich vierzig bin.»

Mit YB Geschichte schreiben 

Seine tiefe Zufriedenheit hängt natürlich auch damit zusammen, dass er mit seinen Young Boys gerade die beste Zeit erlebt, seit er vor dreieinhalb Jahren aus Bordeaux in die Schweiz gekommen ist. «Ich verspüre eine grosse Lust, mit YB Geschichte zu schreiben und Bern wieder einmal einen Titel zu bescheren. Es ist schön, dass wir in der Super League im Vorsprung liegen und auch im Cup gute Chancen haben. Doch es wäre dumm, sollten wir uns schon nahe am Ziel wähnen», sagt Hoarau. «Gerade wir, die in den vergangenen Jahren nicht konstant genug waren, dürfen jetzt nicht genügsam werden.»

Guillaume Hoarau

«Ich bin keiner, der gerne im Mittelpunkt steht. Deshalb fühle ich mich im ruhigen Bern so wohl.»

Guillaume Hoarau

Es hat Leute gegeben, die es dem Franzosen nach der schweren Verletzung im vergangenen Jahr nicht zugetraut haben, so stark und erfolgreich auf den Rasen zurückzukehren. «Ich selber hatte nie Zweifel», sagt Hoarau, der seinen Stellvertreter Jean-Pierre Nsame wieder auf die Ersatzbank verdrängt hat, obwohl sich dieser an die Spitze der Torschützenliste geschossen hatte.

Sechs Tore in vier Spielen 

Mit seinen sechs Toren in den vier Spielen seit der Winterpause sitzt er Nsame sowie den beiden anderen YB-Goalgettern Miralem Sulejmani und Roger Assalé bereits im Nacken. «Das ist mir aber nicht wichtig. Ich bin aus dem Alter raus, darin einen Wettbewerb zu sehen. Ich habe mich zu einem Teamplayer entwickelt, der auch defensiv mitarbeitet», sagt Hoarau.

«Aber klar, ich werde vor allem dafür bezahlt, Tore zu schiessen. Und gelingt mir wieder eines, dann bin ich erleichtert, weil ich weiss, meinen Job erledigt zu haben.» Der bisher wichtigste Treffer seiner Karriere sei noch immer der, mit dem er 2010 den französischen Cupfinal gegen Monaco in der Verlängerung zugunsten des PSG entschieden habe.

«Ich fühle mich nicht als Star»

Was dazu führte, dass medial der Teufel um ihn los war. «Es war der Wahnsinn. Aber ich bin keiner, der gerne im Mittelpunkt steht. Deshalb fühle ich mich im ruhigen Bern auch so wohl», sagt Hoarau. Man nimmt ihm ab, dass er nicht kokettiert, wenn er sagt: «Ich führe ein normales Leben und fühle mich nicht als Star. Ich weiss, dass ich privilegiert bin, weil ich mit meinem Hobby in ganz kurzer Zeit viel Geld verdienen kann. Ich bin zwar stolz auf meine Karriere, denn die ist nicht vom Himmel gefallen. Aber ausser Fussball spielen kann ich nicht so viel.»

Guillaume Hoarau

«Ich führe ein normales Leben und fühle mich nicht als Star.»

Guillaume Hoarau

Er sagt, er bewundere Menschen, die an jene denken, denen es nicht so gut geht und sich für diese einsetzen. Das seien die wahren Stars. Es ist schon zu spüren, dass Hoarau nicht in dieser berühmten Blase lebt wie viele seines Metiers. Kommt er auf seinen neunjährigen Sohn zu sprechen, der in Bordeaux bei der Mutter lebt, jetzt aber bei ihm zu Besuch weilt, wird das besonders deutlich. «Für mich ist es wichtiger, ein guter Papa zu sein als ein guter Fussballer.»

Spielt er oder spielt er nicht?

Was ihn natürlich nicht daran gehindert hat, sich über seinen matchentscheidenden Treffer gegen Sion zu freuen. Getrübt allerdings durch eine kleine Blessur, die offenlässt, ob er heute Abend im Cuphalbfinal gegen Basel auflaufen kann.