Gschobe #39
Ein Glas Tschianti per fawohre – oder was trinkst du Diego?

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 45 und 49, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell; David, Lehrer, Speicher AR; Tobias, Consultant, Zürich; Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG; François, Journalist, Windisch

François Schmid-Bechtel
Drucken
Teilen

Flavio: Eigentlich sollte ich mich als Italiener freuen, dass unser Erzrivale Deutschland rausgeflogen ist. Ausserdem mildert das Weiterkommen der Schweden unsere Schmach. Schliesslich können wir jetzt behaupten, wir seien in der WM-Qualifikation an einem wirklich starken Gegner gescheitert.

Pius: Aber?

Flavio: Jetzt fehlt die Dramatik. Natürlich ist das Vorrunden-Aus peinlich für die Deutschen. Aber es verhallt schon sehr bald. Stellt euch doch nur mal vor: Deutschland gegen England im Viertelfinal. Ein dramatisches, mitreissendes Spiel. Die Deutschen treffen fünfmal den Pfosten. Nach der regulären Spielzeit steht es 2:2. In der Verlängerung fliegt Boateng vom Platz. England geht 3:2 in Führung. Zehn Minuten vor Schluss gleicht Kroos mit einem Freistoss aus. England drückt, Deutschland aber rettet sich ins Penaltyschiessen und jubelt bereits über den Halbfinaleinzug. Denn sind wir ehrlich: Was kann da noch schiefgehen gegen die Engländer, die nie ein Penaltyschiessen gewinnen – erst recht nicht gegen Deutschland. Aber diese WM ist anders. Pickford hält zwei Elfmeter, die Engländer treffen allesamt. Darüber würden
wir bis zur nächsten WM reden. Nun sind die Deutschen raus, es rumpelt vielleicht noch ein paar Tage. Aber spätestens, wenn die Viertelfinals gespielt werden, spricht keiner mehr über Deutschland.

David: Und sie bevölkern bereits wieder gut gelaunt die italienischen Bars mit einem Glas Tschianti in der Hand.

Tobias: Wo wir schon beim Wein sind: Diego Maradona hatte vor dem Spiel seiner Argentinier gegen Nigeria offenbar ziemlich Durst.

Pius: Meinst du, weil er dermassen von der Rolle war und hinterher behauptete, man hätte ihm zu viel Weisswein serviert?

Tobias: Ja, wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass sie gleich ein ganzes Fass Weisswein in seine Loge gehievt haben. Nein, Diego hatte bestimmt andere Substanzen intus.

François: Können wir nicht das Thema wechseln, über wirklich relevante Dinge reden?

David: Warum? Ist doch nicht unerheblich, wenn der Fussballgott himself gestützt werden muss, wenn er aufsteht, die Augen hervorquellen, als seien sie an einer Feder befestigt, und zwei Mittelfinger in die Kamera streckt.

François: Schrecklich, diese Bilder. Mein Jugendidol. Der Mann, dem ich meine Fussballbegeisterung verdanke. Als mein Sohn die Szene gesehen hat, fragte er mich, wer das sei und warum er so komisch dreinschaue.

David: Was hast du geantwortet?

François: Ich sagte ihm, das sei Diego Maradona, der grösste Fussballer, den die Welt je gesehen hat. Natürlich glaubte er mir nicht.

David: Wie hast du deinem Sohn das bizarre Schauspiel erklärt?

François: Das tönt jetzt ziemlich billig: Aber ich habe ihm gesagt: Schuld daran sind die anderen.

Pius: Wer sind die anderen?

François: In letzter Instanz wohl Wladimir Putin. Vielleicht habt ihr es gar nie registriert oder bereits wieder vergessen. Aber für die WM hat Russland die Einfuhr – wenn man ein ärztliches Attest vorweisen kann – und den Konsum von Drogen legalisiert. Ich dachte damals: Warum tun sie das? Holland ist doch gar nicht dabei? Jetzt ist es mir klar: Alles für den Fussballgott.

Aktuelle Nachrichten