Gschobe #34
Ein bisschen Ruanda im Wallis

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 45 und 48, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell, David, Lehrer, Speicher AR, Tobias, Consultant, Zürich, Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG, François, Journalist, Windisch.

François Schmid-Bechtel
Drucken
Teilen

Flavio: Habt ihr das auch mitgekriegt? Ausgerechnet Ruanda tritt als Sponsor des FC Arsenal London auf. Das ist etwa so absurd, als würde man Baschar al-Assad den Friedensnobelpreis überreichen.

François: Ist es nicht so, dass sich Gegensätze anziehen?

Pius: Arsenal erhofft sich wohl fussballerische Entwicklungshilfe aus Ruanda.

David: Und bestimmt wird sich Arsenal im Gegenzug jeweils in Ruanda auf die Saison vorbereiten, statt in den USA oder in den boomenden asiatischen Ländern auf Promotionstour gehen. Werbetrommel rühren.

Tobias: Ausserdem muss man bei Arsenal wohl ein Machtvakuum befürchten. Trainer Wenger hört bekanntlich nach 22 Jahren auf. Da kann es nicht schaden, wenn man auf den Rat eines autoritären Staatschefs zurückgreifen kann.

Flavio: Keine dummen Sprüche bitte. Das Thema ist zu ernst. Stellt euch doch mal vor: Ruanda, eines der zehn ärmsten Länder der Welt unterstützt Arsenal, einen der zehn reichsten Fussballklubs der Welt. Das soll einer verstehen.

François: Du hast im Prinzip recht. Aber macht Ironie solche und ähnliche Absurditäten nicht erträglicher?

Flavio: Wahrscheinlich schon. Aber in Ruanda leiden sie Hunger, haben die Menschen keine wirtschaftlichen Perspektiven, sind Menschenrechte und freie Meinungsäusserung stark eingeschränkt.

Tobias: Aber ich glaube nicht, dass die Bevölkerung durch das Sponsoring zusätzlich leidet. Die finden das vielleicht sogar toll, weil man Ruanda nun auch unabhängig von negativen Schlagzeilen in der Welt wahrnimmt. Und zwar in einem positiven Kontext. Ruanda hat dank Arsenal die Möglichkeit, sich in einer Hochglanz-Welt zu präsentieren. Würde das Geld nicht nach London fliessen, würde es in irgendwelchen anderen Kanälen versickern. Aber es würde sicher nicht der Bevölkerung zugutekommen.

David: Vielleicht hast du mit deiner These nicht vollkommen unrecht. Aber ich finde den Deal auch von der anderen Seite her betrachtet mehr als fragwürdig. Selbst der FC Arsenal sollte so viel Verantwortungsbewusstsein haben, um allein des Geldes wegen nicht jedes Geschäft abzuschliessen.

Flavio: Ja, und es würde mich nicht wundern, wenn selbst Entwicklungsgelder abgezweigt würden, um den Verpflichtungen nachzukommen.

Tobias: Wer weiss? Aber vielleicht kommt es auch in der Schweiz zu ähnlichen Fällen.

Flavio: Wie meinst du das?

Tobias: Dass öffentliche Gelder nicht dorthin fliessen, wo sie hinfliessen sollten.

Pius: Das sind ziemlich mutige Behauptungen.

Tobias: Hypothesen, würde ich sagen. Nehmen wir das Theater um Sion-Trainer Jacobacci und Präsident Constantin. Wegen finanzieller Differenzen können sie sich nicht auf einen Vertrag einigen. Constantin sagt daraufhin, Jacobacci sei in Sion Geschichte. Das Volk schreit auf. Die Promoter von Sion 2026 wollen aber jegliche Polemik verhindern. Denn die Olympia-Pläne und Constantin sind Brüder. Stunden später lässt Constantin verlauten: Jacobacci bleibt doch Sion-Trainer.

Flavio: Du meinst doch nicht etwa, der Bund kommt für die Differenz zwischen Jacobaccis Forderung und Constantins Angebot auf?

Aktuelle Nachrichten