Gut möglich, dass bei manchen Augsburger Fussballfans die Bundesligatabelle als Teletextstandbild durch die gute Stube flimmert. Und vielleicht sogar beim einen oder anderen Spieler. «So schön es auch ist, den FC Augsburg so weit oben zu sehen, bei mir ist der Fernseher deswegen nicht im Dauerbetrieb», schmunzelt Torhüter Marwin Hitz.

Seit letztem Samstag und dem 2:1-Auswärtssieg gegen Köln stehen die Augsburger erstmals in der Klubgeschichte auf Rang drei. Dort angekommen sind sie nach vier Bundesligasiegen in Folge; auch dies eine Premiere. Und so kommt heute Samstag der Besuch des grossen FC Bayern zum schwäbisch-bayrischen Derby gerade Recht. «Dritter gegen Erster, und das am 15. Spieltag, das ist für Augsburg schon eine Sensation», sagt Trainer Markus Weinzierl.

Natürlich brennt jeder seiner Spieler nur darauf, dem ganzen Weltmeisterland zu zeigen, was er und der FCA drauf haben. Das würde gewiss auch Hitz gerne tun, doch seit er sich am 23. November beim 1:0-Sieg in Stuttgart einen Teilriss des hinteren Kreuzbandes zugezogen hat, muss er von der Tribüne aus zuschauen, wie seine Teamkollegen erfolgreich am Augsburger Bundesligamärchen weiterschreiben.

Kann man die Bayern erneut ärgern?

Hitz hofft, dass er beim Rückrundenstart Ende Januar wieder zwischen den Pfosten steht. «Für Verletzungen gibt es nie einen richtigen Zeitpunkt, dennoch ist es gerade jetzt sehr ärgerlich, weil ich mich richtig gut gefühlt habe», sagt der Ostschweizer. Er hatte nach einer starken ersten Saison beim FCA auch in dieser Spielzeit super gehalten.

In blendender Verfassung war Hitz auch am 5. April dieses Jahres gewesen, als er sein Tor gegen Mario Mandzukic, Claudio Pizarro, Mario Götze und Thomas Müller rein hielt und dafür sorgte, dass Sascha Mölders Tor genügte, um Rekordmeister Bayern München 1:0 zu schlagen.

Es war dessen erste Niederlage nach 53 Spielen. «Das war schon speziell, bei uns hat alles zusammengepasst», sagt Hitz. «Jetzt ist die Ausgangslage ähnlich, wieder können wir den Bayern die erste Niederlage beifügen. Dies zweimal hintereinander zu schaffen, wäre ein grosses Kunststück.»

Einst die Bundesliga als grosses Ziel

Wenn der Aufstieg der Augsburger in die Beletage der Bundesliga zu Recht als Märchen bezeichnet wird, dann hat dies vor allem auch mit der Gesamtentwicklung des FCA zu tun. Als Walther Seinsch 2000 vor 14 Jahren Präsident wurde und ankündigte, er wolle den Verein in die Bundesliga und in ein neues Stadion führen, da war das Tummelfeld der Amateurkicker noch die vierte Liga und das alte Rosenau-Stadion.

Die Vision von Seinsch, der vor zehn Tagen sein Amt altershalber abgetreten hat, ist längst Realität. Die 30 000 Zuschauer fassende SGL Arena wurde 2009 eingeweiht, der erstmalige Aufstieg in die 1. Liga 2011 gefeiert.

Dass im Winter 2012 der neue Manager Stefan Reuter am 39-jährigen Jungtrainer Weinzierl festhielt, obwohl die Augsburger nach der Vorrunde nur neun Punkte hatten, war der Schlüssel zum bis heute anhaltenden Aufschwung. «Der Trainer hat klare Ideen, welche die Mannschaft gut umsetzt», sagt Hitz. Und zusammen mit Bayern am meisten Zweikämpfe gewinnt.

Nur Positives über Bobadilla

Obwohl die Augsburger im Sommer ihren besten Torschützen und Nationalspieler André Hahn an Mönchengladbach verloren und es die Stürmer Raul Bobadilla (3), Nikola Djurdjic (1), Sascha Mölders (0) und Tim Matavz (2) bisher zusammen auf nur fünf Stürmertore brachten, läuft es wie geschmiert.

«Wir messen sie eben nicht nur an ihren Toren», sagt Hitz, «wir loben sie immer wieder für ihre vorzügliche Defensivarbeit. Und was lässt sich über den bei YB und Basel in Ungnade gefallenen Bobadilla sagen? «Auf jeden Fall nur Positives», sagt Hitz. «Raul hat gespürt, dass wir ihm helfen möchten und hat sich super entwickelt.»

Dass der Argentinier vor ein paar Wochen beim Augsburger Presseball in eine handgreifliche Auseinandersetzung verwickelt gewesen sein soll, hat höchstens im Umfeld zu Irritationen geführt.» Der Teamgeist um Captain Paul Verhaegh zählt zu den Erfolgsfaktoren. «Jeder mag dem anderen den Erfolg gönnen», sagt Hitz. «Das heisst jedoch nicht, dass wir uns täglich in den Armen liegen.»

Was bei einem Sieg aber heute fraglos der Fall wäre. Sollte der finanziell kerngesunde David (Umsatz 47,5-Millionen Euro) den Goliath (528) schlagen und weiter auf einem Champions-League-Platz liegen, würde Reuter bei den Fans definitiv auf taube Ohren stossen, wenn er sagt: «Wir dürfen nie von etwas träumen. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir bestraft werden.»