EM-Qualifikation
Dringend gesucht: Lust und Tore

Vier Spieler und der Trainer der Schweizer Nati erzählen vor dem Spiel gegen Litauen über ihre Sorgen, Prognosen, Vorsätze und Hoffnungen

Etienne Wuillemin, St.Gallen
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Vorzeigekämpfer Valon Behrami macht sich trotz der nicht ganz einfach Ausgangslage keine Sorgen.

Vorzeigekämpfer Valon Behrami macht sich trotz der nicht ganz einfach Ausgangslage keine Sorgen.

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Die Ausgangslage ist einfach. Nur der Sieg zählt! Alles andere ist inakzeptabel. Weil die Schweiz ansonsten in noch grössere Schieflage gerät. Weil dann jedes Spiel automatisch zu einem Endspiel um die EM-Qualifikation wird.

Heute vor fünf Jahren wurde die Schweiz U17-Weltmeister. Das A-Team ist dafür verantwortlich, dass das Jubiläum nicht getrübt wird. Und vor allem muss es die Voraussetzungen schaffen, dass es heute in einem Jahr nicht zur Nervenprobe antreten muss – in der Barrage um die EM-Qualifikation.

Die Schweiz hat einen resultatmässig ernüchternden Herbst hinter sich, leistungsmässig gab es aber auch erfreuliche Anzeichen. Trotzdem: Es gibt einige Brennpunkte in dieser Auswahl.

Valon Behrami - Die Sorge um das Vorbild

Wer dieser Tage Valon Behrami gegenübersteht, blickt auch auf eine furchterregende Bandage um sein linkes Knie. Behrami und sein Körper, es ist eine fragile Geschichte. An diesem Morgen erzählt er, wie er in Neapel kurz vor Ende der letzten Meisterschaft mit ärztlichen Attesten bei Trainer Benitez vortraben musste, um zu beweisen, dass er wirklich verletzt ist. Das Vertrauen von Behrami in den Trainer tendierte bald gegen null, der Wechsel zu Hamburg war logisch. Auch nun sind immer wieder Gerüchte zu hören, Behrami könne nie mehr ohne Schmerzen Fussball spielen.

Das alles hindert den «Krieger», wie er genannt wird, nicht, für die Schweiz vollen Einsatz zu geben. Zu rennen. Zu kämpfen. Bälle zu gewinnen. Immer für das Wohl des Teams. Und in einem könnte sich sowieso so manch ein Schweizer eine dicke Scheibe von Behrami abschneiden. Nie sucht er Ausreden. Selbstkritik ist kein Fremdwort für ihn. Vor dem Schlüsselspiel gegen Litauen sagt Behrami nun: «Keiner sollte denken, wir seien besser als wir wirklich sind oder würden uns automatisch für die EM qualifizieren.»

Sorgen macht er sich gleichwohl noch nicht um das Team. «Eigentlich ist es unglaublich, dass wir in den ersten Spielen keine Tore geschossen haben», sagt er. Die Folge davon: «Unser Bonus ist aufgebraucht.» Das muss nicht nur Nachteil sein, findet Behrami, «wir haben mehrfach bewiesen, dass wir bei entscheidenden Spielen noch eine Spur konzentrierter und besser sind». Auch heute?

Vladimir Petkovic - Das schwere Erbe

Nein, man will es sich lieber nicht vorstellen. Was passiert, wenn die Schweiz gegen Litauen das Kunststück fertig bringt, nicht zu gewinnen. Im Sommer übernahm Vladimir Petkovic von Ottmar Hitzfeld. Er hat kein einziges Testspiel bestreiten können. Er kann seine Handschrift nur in homöopathischen Dosen vermitteln. Und auch er leidet unter demselben Problem wie schon viele Schweizer Trainer – wer schiesst regelmässig Tore?

Petkovic sitzt auf dem Podium in der St. Galler Arena. Er sagt: «Druck muss eine positive Sache sein.» Eines ist ihm bewusst: Die Schweiz erwartet ein Spiel, das jenem vor gut einem Monat in Slowenien ähnlich sein wird. Was passieren muss, dass der Trainer nach diesem Spiel zufrieden ist, lautet die Frage. «Dafür braucht es drei Punkte und ich möchte die Lust am Fussball gesehen haben», antwortet er.

Petkovic berichtet von grossem Willen, von grosser Konzentration und von grosser Zuversicht in den Schweizer Reihen. Warum ist das so? «Ich habe festgestellt, dass wir uns auch im Training vor dem Tor verbessert haben.» Fehlt nur noch die Bestätigung im Spiel.

Gökhan Inler - Wie lange geht das gut?

Im Nationalteam feiert Gökhan Inler heute ein Jubiläum. Er kommt zu seinem 80. Einsatz. «Eine riesige Ehre», sei das. Weniger gut läuft es beim Verein in Neapel. Einst unbestrittener Leader findet sich Inler derzeit häufiger als es ihm lieb sein kann auf der Ersatzbank wieder. Er gehört zur «Stammelf Europa League», das ist in Italien nie ein gutes Zeichen. Darauf angesprochen sagt er zuerst: «Wir reden hier über die Schweiz. Danke.» Und fügt dann doch an: «Wir haben so viele Spiele im Verein – da ist es wichtig zu rotieren.» Für seinen Status im Nationalteam hat die verringerte Einsatzzeit in Neapel noch keine Folgen. Die Frage ist nur: Wie lange?

François Moubandje - Die einmalige Chance

Es ist die Position im Nationalteam, auf der es die wenigsten Diskussionen überhaupt gibt – jene des linken Aussenverteidigers. Ricardo Rodriguez ist gesetzt. Nur ist dieser dummerweise erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit verletzt. Sein Ersatz heisst: François Moubandje.

Moubandje, 24, geboren in Kamerun, zog als 8-Jähriger zu seiner Mutter nach Genf.

Einst war er bei Meyrin linker Flügel. 2010 wechselte er zu Servette und wurde zum Verteidiger umfunktioniert. Mit den «Grenats» stieg er auf. Dann wieder ab. Weshalb er zu Toulouse in die Ligue 1 weiterzog. Nach einem schwierigen ersten Jahr erhielt er diesen August eine Chance – und packte sie. Die ersten Aufgebote für das A-Nationalteam waren der Lohn. Heute folgt die wohl einmalige Chance, sich im rot-weissen Trikot zu empfehlen.

Josip Drmic - Es ist kompliziert

Zumindest dies: Die Erinnerungen an St. Gallen könnten für Josip Drmic nicht besser sein. Anfang März dieses Jahres schoss er für die Schweiz im Testspiel gegen Kroatien gleich zwei Tore. Mit einer Kaltblütigkeit, die sehr an Alex Frei erinnerte. Es war in einer Saison, in der Drmic in Nürnberg mit 17 Toren begeisterte. Und an der WM in Brasilien teilweise herausragend mit Xherdan Shaqiri harmonierte.

Und jetzt? Beziehungsstatus «es ist kompliziert». Nach dem Wechsel von Nürnberg zu Bayer Leverkusen hat es Drmic nicht geschafft, einen Stammplatz zu erkämpfen. Ein einziges Mal durfte er in der Bundesliga bisher von Beginn an spielen. Ein einziges Tor hat er erzielt. «Ich musste erkennen: Meine starke letzte Saison und die WM sind ziemlich rasch vergessen worden», sagt er. Und auch: «Ich wünschte mir mehr Vertrauen.»

Das alles hat Auswirkungen. Auch auf das Nationalteam. Es scheint, als wäre sämtliches Selbstvertrauen wie weggeblasen. Im September sagte Drmic vor den Spielen in Slowenien und San Marino: «Jeder weiss, was Josip Drmic kann.» Er durfte zweimal beginnen. Er war zweimal eine Enttäuschung.

Wie weiter? Die Chance ist gross, dass Drmic vorderhand auf der Bank Platz nehmen muss. Die Prognose sei trotzdem gewagt: Aus der Bahn werfen wird das den schnellen und flexibel einsetzbaren Stürmer nicht.

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