Fifa-Skandal

Dieser Südafrikaner könnte Blatters Fifa erben

Das Apartheid-Regime setzte ihn hinter Gitter, dann machte er Karriere: Nun lockt Tokyo Sexwale das Fifa-Präsidium.

Das Apartheid-Regime setzte ihn hinter Gitter, dann machte er Karriere: Nun lockt Tokyo Sexwale das Fifa-Präsidium.

Nach Bestechungsvorwürfen bei der WM 2010 soll ausgerechnet der Südafrikaner Tokyo Sexwale die Fussballwelt retten. Doch hat der Mann eine reine Weste?

An Fussball verschwendete Tokyo Sexwale vermutlich keinen Gedanken, als nachts die Brandung vor Kapstadt durch die Gitterstäbe rauschte. 13 Jahre lang sass er als politischer Häftling an der Seite Nelson Mandelas auf der Gefängnisinsel Robben Island ein. Jetzt übernimmt der Südafrikaner vielleicht bald schon die Präsidentschaft des Fussball-Weltverbandes Fifa.

Rauschende Unterstützung erhielt der 62-Jährige diese Woche von der Fussball-Lichtgestalt Franz Beckenbauer. Der Deutsche Fussball-Bund kenne die «Qualität der Südafrikaner und den Wert von Tokyo Sexwale» und werde die Kandidatur mit hoher Wahrscheinlichkeit unterstützen, so der Ex-Fifa-Funktionär. Sexwale (sprich: «Sechwale») blickt auf eine lange Zeit mit dem Fussballbund zurück: In der Vergangenheit diente er in der Fifa Task Force gegen Rassismus und Diskriminierung, arbeitete als Berater bei Weltmeisterschaften und sass bei der WM 2010 im lokalen Organisationskomitee. Am Donnerstag waren Sexwales Chancen erneut gestiegen, als die Fifa-Ethikkommission mit Joseph Blatter auch dessen potenzielle Nachfolger Michel Platini und den südkoreanischen Funktionär Chung Mong Joon vorübergehend suspendierte.

«Aura von Neutralität»

Sexwale selbst hat seine Kandidatur noch nicht bekannt gegeben, erinnert aber: «Die Deadline ist nicht vorüber. Noch haben wir ein paar Tage.» Bis spätestens am 26. Oktober müssen sich Interessierte bewerben. Gewählt wird der neue Fifa-Präsident Ende Februar. Der «Kaiser» Beckenbauer befürwortet eigenen Worten nach einen Kandidaten aus Wirtschaft oder Politik mit fundiertem Sport-Hintergrundwissen. Zudem besitze Sexwale, was viele seiner Mitbewerber vermissten: die «Aura von Neutralität».

1953 geboren, wuchs Sexwale in den Unruhen der Rassentrennung auf. In seiner Heimat Soweto, dem grössten Township Südafrikas, kam er bald mit der Widerstandsbewegung gegen die Weissen in Kontakt und trat dem African National Congress (ANC) bei. Zusammen mit seinem Freund Mandela kämpfte er gegen die Apartheid. 1977 wurde Sexwale verhaftet und wegen Terrorismus und versuchtem Regierungssturzes zu 18 Jahren Haft verurteilt. Noch Jahre später sollte dem Aktivisten sein politisches Engagement zum Verhängnis werden: 2013 reiste Sexwale nach New York. Dort wurde er von der Flughafenpolizei verhaftet, da die USA seinen Namen nie von ihrer Terrorliste gestrichen hatten. Für den diplomatischen Fauxpas forderte Südafrikas Regierung eine offizielle Entschuldigung von Washington.

Nach den ersten freien Wahlen 1994 wurde Sexwale Premier der Johannesburger Provinz Gauteng. Als Geschäftsmann erwirtschaftete er ausserdem Millionen durch den Abbau von Diamanten sowie ranghohe Posten im Banken- und Energiesektor. Mit einem Nettovermögen von 200 Millionen US-Dollar ist er heute der drittreichste Südafrikaner. 2008 erwarb er für 70 Millionen US-Dollar Quilalea Island, eine Insel vor Moçambique.

Dass nach dem Bestechungsskandal um die WM 2010 ein Südafrikaner die Spitze der Fifa einnehmen soll, empfinden viele Beobachter als ironisch. Soll doch Südafrika 10 Millionen US-Dollar an die Fifa gezahlt haben, um die Kaprepublik als Austragungsort zu sichern. Wie in Zürich, ist die als «Spende» deklarierte Zahlung auch im Gastgeberland längst nicht aufgearbeitet. Letzte Woche reichte die Opposition Klage gegen den Präsidenten des Südafrikanischen Fussballbunds, Danny Jordaan, und dessen Vorgänger, Molefi Oliphant, ein. Jetzt ermittelt die Polizeisondereinheit «Hawks».

«Wir sind alle betroffen über die jüngsten Ereignisse in der Fifa», sagte Sexwale und nannte die Anschuldigungen gegen seine Landsmänner «bedenklich». Im Interview mit der BBC bezweifelte der Funktionär offen, dass es sich bei der Transaktion um eine Spende gehandelt habe. «Wo sind die Dokumente, die das belegen? Wo sind die Rechnungen, die Budgets, die Projekte vor Ort?»

Mehr Politik?

Unter Sexwales Leitung müsste sich die Fifa darauf einstellen, in Zukunft klare politische Positionen zu beziehen. Denn Sexwale gilt als Anführer, der selbst delikate Probleme offen anprangert. «Es ist inakzeptabel, dass zwischen Israel und Palästina eine Situation der Feindschaft weiter besteht, die sich auch im Sport wiederfindet», sagte er bei einem Besuch in den palästinensischen Autonomiegebieten im Mai. Gegen Rassismus im Sport setzt sich Sexwale seit 2013 aktiv ein. Im Juni dieses Jahres übernahm er den Vorsitz über die Fifa-Kontrollkommission Israel/Palästina.

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