Die Vergangenheit. Im Fussball ist sie ein Tabuthema. Spieler sagen nach dem Schlusspfiff, dass der Fokus ab sofort nur der nächsten Partie gelte. Trainer sagen, dass Meriten aus der Vergangenheit keinem Spieler das Recht geben, auf einen Stammplatz zu pochen.

Beim FC Basel scheint dieses Gesetz vor dem Auftakt in die Champions League ausser Kraft gesetzt. Die Vergangenheit ist präsenter denn je, der Blick zurück ausdrücklich erwünscht. Was damit zu tun hat, dass der heutige Gegner der FC Chelsea ist. Schon wieder, nachdem die Basler vor etwas mehr als vier Monaten nur knapp im Halbfinal gegen den späteren Sieger der Europa League ausgeschieden sind. Ausschlaggebend für das Weiterkommen der «Blues» waren damals deren brutale Effizienz und im Rückspiel der kräftige Tritt aufs Gaspedal zu Beginn der zweiten Halbzeit.

«Wir wurden überrollt», erinnert sich Goalie Yann Sommer an die neun Minuten, in denen Chelsea aus dem 0:1 ein 3:1 machte. «Aber das Gute ist, dass die Erinnerungen sehr präsent sind. Das hilft dabei, nicht wieder die gleichen Fehler zu machen.» Übrig geblieben vom Vorstoss in den Europa-League-Halbfinal sei eine grosse Portion Routine, die es nun in der höherklassigen Champions League umzusetzen gelte. «Ich schätze uns stärker ein als im Frühling», sagt Sommer.

Schlau und mutig

Murat Yakin sagte gestern auf dem Weg nach London, die Spiele gegen Chelsea seien eine Lehrstunde gewesen. Eine, die bis heute nachwirkt. Der Trainer hat die damaligen Schlüsselszenen in der Vorbereitung für die heutige Partie einfliessen lassen. Hat seiner Mannschaft vor allem eingetrichtert, dass sie sich cleverer verhalten müsse.

Wie hat Chelsea 2012 die wichtigste Trophäe des europäischen Klubfussballs gewonnen? Mit von vielen Seiten verachtetem, destruktivem Fussball, an dem sich die Ballkünstler aus München und Barcelona die Zähne ausbissen. Yakin, dem auch schon die Vernachlässigung des schönen Spiels vorgeworfen wurde, sagt: «In der Champions League geht es um Resultate, durchgesetzt haben sich immer die schlausten Teams.»

Schlau – das bedeutet für den FCB, im Stadion Stamford Bridge die richtige Mischung zwischen Offensive und Defensive zu finden. Nur den eigenen Strafraum verbarrikadieren, das will man als krasser Aussenseiter dann doch nicht. «Wer auswärts gegen Chelsea nur verteidigt, wird bestraft», sagt Yakin.

Das Ziel heisst Achtelfinal

Wie viele Beobachter hat auch der FCB-Trainer ausgemacht, dass das Defensivbollwerk von Chelsea durch den Trainerwechsel von Rafael Benitez zu José Mourinho schlanker geworden ist und sich seither für die Gegner Räume auftun. Entsprechend mutig lässt Yakin heute spielen. Marco Streller, Mohamed Salah, Giovanni Sio und Valentin Stocker bilden das Basler Offensivquartett. Streller findet, «das könnte interessant werden, weil wir alle Zug in den Strafraum haben.» Hinter den vier «S» werden Marcelo Diaz und Fabian Frei erwartet – auch sie ziehen das vertikale Zuspiel dem Querpass vor.

«Ja, das ist sehr offensiv», sagt Yakin. Aber – das wird auch er sich gedacht haben – wo sonst, wenn nicht im Stadion des haushohen Gruppenfavoriten, hat der FCB Gelegenheit, etwas zu riskieren? Das erklärte Ziel heisst Achtelfinal. Um dieses zu erreichen, ist Basel wohl wie 2011, als aus den zwei Partien gegen Manchester United vier Punkte resultierten, auf einen Exploit angewiesen.

Im Frühjahr, da war die Partie in London die letzte einer aufregenden Europacup-Saison. An gleicher Stätte nimmt der FC Basel nun Anlauf, ein neues Kapitel zu schreiben. Dieses Mal in der Champions League, mit der auch dem sonst so coolen Murat Yakin eine Schwärmerei zu entlocken ist. «Gegen Chelsea, gegen José Mourinho zu starten – was will man mehr», sagt er, der heute als Trainer sein Debüt in der Königsklasse begeht.