WM14
Die Versöhnung des verrückten Pferdes

Kämpfer Valon Behrami bestreitet bereits seine dritte WM. Behrami und WM - das passte bislang nie. In Brasilien kämpft er gegen die eigenen Erinnerungen.

Etienne Wuillemin, Porto Seguro
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Die Schlussminute gegen Ecuador mit Valon Behrami
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Das Foul: Gruezo stellt sich Behramins Sturmlauf in den Weg.
Der Sturz: Behrami fliegt, steht wieder auf und rennt mit Ball weiter.
Der Jubel: Behrami feiert das Tor von Haris Seferovic.

Die Schlussminute gegen Ecuador mit Valon Behrami

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Valon Behrami sitzt am Strand nahe des Schweizer Teamhotels in Porto Seguro. Am liebsten möchte er jetzt über das nahende Spiel gegen Frankreich sprechen.

Die nächste Herausforderung wartet. Die nächste Möglichkeit für Behrami zu beweisen, dass die Beziehung zwischen ihm und einer WM doch ganz gut werden kann.

Dann lächelt Behrami. Eigentlich weiss er, dass nichts Falsches dabei ist, noch einmal auf den letzten Sonntag zurückzublicken. Auf sein famoses Tackling. Auf seine 20 Sekunden. «Auf einen Moment des Glücks, wie ihn dir nur der Fussball geben kann», wie er sagt.

Valon Behrami und die WM, das war eine Beziehung, die bis zum letzten Sonntag ziemlich belastet war. In Brasilien bestreitet der 29-jährige Tessiner schon seine dritte Weltmeisterschaft.

Aber 2006 litt er an einer Leistenverletzung, kam nur eine Minute gegen Südkorea zum Einsatz. 2010 ging er ebenfalls angeschlagen ins Turnier. Gegen Chile im wegweisenden zweiten Spiel wurde er mit dieser fatalen roten Karte bestraft, von der sich die Schweiz nicht mehr erholte.

«Nein, nicht wieder die rote Karte!»

Gegen Ecuador nun also der nächste Versuch zum ersten gelungenen Kapitel in dieser Geschichte.

92 Minuten lang geht bei Behrami vieles schief. Pässe kommen nicht an. Zweikämpfe gehen unglücklich verloren. Es passieren ungewohnte Missverständnisse.

Aber dann kommt die 93. Minute. Dieser Sprint zurück. Dieses Tackling. Behrami ruft sich das alles in Erinnerung, er sagt: «Zwei, drei Stunden später ging mir auch durch den Kopf, dass ich eigentlich zu spät war. Dass ich zu früh hingefallen bin. Dass es im dümmsten Fall auch Penalty hätte geben können. Und wieder eine rote Karte.»

Behrami ist nicht zu spät. Nein, er pflügt sich nach vorne. In Stile des «cavallo pazzo» («verrücktes Pferd»). So nannten ihn seine Mitspieler früher wegen seiner Art, der Linie entlang zu stürmen. Dann kommt dieses rüde Foul. «Ich schaue den Schiedsrichter an und sehe: Er hat die Pfeife im Mund. Ich denke: ‹Mein Gott, bitte nicht!› Der Schiedsrichter nimmt Augenkontakt auf mit mir. Er erkennt: Ich bin bereit, weiterzulaufen. Und lässt das Spiel weiterlaufen. Dafür gebührt ihm grösstes Lob.»

Der Rest ist Geschichte. Ein Bild für die Ewigkeit. Das Tor. Der Jubel. Behrami liegt in der Mitte des Platzes, «ich kriegte ja kaum mehr Luft». Bald ist er begraben von Diego Benaglio und Steve von Bergen. «Wie Valon diesen Angriff zuvor verteidigt hat, das ist eigentlich alleine ein halbes Tor wert», sagt Benaglio.

Behrami und die WM. Es ist eine erste Versöhnung. «Wenn irgendjemand auf der Welt mich als Fussballer nicht kennt, ja, dann kann man ihm diese Szene zeigen und sagen: ‹So spielt Valon.›» Es ist sogar der «Süddeutschen Zeitung» einen Bericht wert.

«Jetzt beginnt ein neues Leben»

Mit fünf Jahren kommt Valon Behrami mit seiner Familie in die Schweiz, nach Stabio ins Tessin. Er erinnert sich: «In unserer Wohnung stand ein roter Sessel mit Kunststoffleder. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Ich streichelte immer wieder über den Sessel. Und ich begriff: Jetzt beginnt ein neues Leben.»

Die ersten sportlichen Aktivitäten seiner Karriere macht Behrami in der Leichtathletik. Den Fussball entdeckt er mit 13. In der Deutschschweiz ist sein Name lange kein Begriff. Auch weil Behrami schon mit 18 nach Italien zu Genoa wechselt. Im Oktober 2005 debütiert er im Nationalteam. Der Gegner? Derselbe wie am Freitag in Salvador: Frankreich. So richtig in die Herzen der Fans spielt sich Behrami am 12. November 2005. Drei Minuten nach seiner Einwechslung erzielt er im WM-Barrage-Hinspiel gegen die Türkei das 2:0. Ohne dieses Tor würde die Schweiz nicht an die WM nach Deutschland fahren.

Im Internet kursieren Videos von euphorisierten Fans. Er ist Held und Identifikationsfigur für viele Kosovaren in der Schweiz. Es ist eine Zeit, in der Spieler mit Migrationshintergrund im Nationalteam noch die Ausnahme sind.

Was hätte es gekostet? Nichts!

Doch Behrami hat es nicht leicht. Er ist weder akzeptiert noch integriert im Team. Er sagt: «Ich war ein junger, wilder, extrovertierter Typ. Ich konnte nicht gut mit Geld umgehen und trug meine Nase ein wenig zu hoch. Aber es war niemand da, der mir half. Der mir sagte: ‹Valon, schau, diese Aussage oder jenes Verhalten kommt nicht so gut an bei Mitspielern.› Was hätte es gekostet, dies zu tun? Nichts!»

Die Folge davon: Behrami schottet sich komplett ab. Wenn die Schweiz zu Auswärtsspielen fliegt, dann erscheint er mit riesigen Kopfhörern am Flughafen. Er trägt immer eine Sonnenbrille, egal wie dunkel es schon ist. Im Rückblick betont Behrami aber auch die eigenen Fehler: «Wenn wir früher verloren haben, schaute ich, ob andere Spieler Fehler gemacht haben. Ich habe die Verantwortung abgegeben. Dann lernte ich, dass ich vor allem ein Problem mit mir selbst habe, wenn ich die Fehler bei anderen suche.» Manchmal hat man das Gefühl, Behrami schmerzen die Erinnerungen an diese Zeit noch immer.

Die Wandlung, die Valon Behrami seit jener Zeit durchgemacht hat, ist erstaunlich. Als Mensch und als Fussballer. Vielleicht hat alles bei West Ham United begonnen. Nach einer schweren Knieverletzung funktioniert ihn Gian-Franco Zola vom Flügel zum defensiven Mittelfeldspieler um. Behrami beginnt, seinen wilden Stil zu zügeln. Er spielt jetzt überlegt wie nie. Und trotzdem noch so aufsässig wie kaum ein Schweizer sonst.

Die neue Rolle hilft ihm auch im Nationalteam. Seit August 2012 setzt Trainer Ottmar Hitzfeld auf Behrami neben Captain Gökhan Inler. Einmal, nach dem 1:0-Sieg über Brasilien, dem vielleicht besten Auftritt, den Behrami je gezeigt hat, sagte Hitzfeld: «Behrami ist wohl der wertvollste Spieler im defensiven Mittelfeld der Schweizer Geschichte.» Behrami sagt: «Auch Hitzfeld hat einen grossen Anteil daran, dass ich meine innere Ruhe gefunden habe.»

«Die Jungen müssen mich spüren»

Wer Valon Behrami rund um das Nationalteam beobachtet, merkt schnell: Sein Auftreten, seine Aura und seine Sätze erinnern an einen Captain. Es würde nicht überraschen, wenn Behrami nach der WM unter Vladimir Petkovic in dieses Amt berufen würde. Träumt er davon? «Wissen Sie, die Binde verändert meine Persönlichkeit nicht. Ich bin immer derselbe. Die Spieler hören auf mich. Und ich nehme diese Verantwortung gerne wahr. Aber eines ist mir sehr wichtig: Die Jungen müssen mich spüren. Spüren, dass ich ihnen zuhöre, dass ihre Meinung genauso Gewicht hat.» Behrami will nicht, dass andere jetzt erleben müssen, was ihm selbst widerfahren ist.

Noch zwei Tage dauert es bis zum Spiel gegen Frankreich. Valon Behrami ist bereit für die nächsten positiven Kapitel seiner persönlichen WM-Geschichte. Wie auch immer es herauskommt, die 93. Minute gegen Ecuador bleibt so oder so unvergessen.