WM-Rückblick1998

Die unglaubliche Geschichte von Thu-Thu

Nur zwei Tore hat Liliam Thuram in seiner Nati-Karriere geschossen - dafür umso wichtigere

Nur zwei Tore hat Liliam Thuram in seiner Nati-Karriere geschossen - dafür umso wichtigere

Verteidiger Lilian Thuram ging an der Heim-WM 1998 mit zwei Toren im Halbfinal in die französische Sportgeschichte ein.

Wer erinnert sich nicht an den kollektiven blau-weiss-roten Freudentaumel auf den Champs-Elysées am 12. Juli 1998? Frankreich war im Pariser Stade de France gerade erstmals Weltmeister geworden. 3:0 hatten die "Bleus" den Favoriten Brasilien im Final gedemütigt. Zinédine Zidane erzielte schon in der ersten Halbzeit zwei Treffer, seine beiden einzigen Tore des Turniers, und liess sich als Volksheld feiern.

Dass die Franzosen den Final gegen Brasilien bestreiten konnten, ist an sich schon eine schöne Geschichte, denn die Franzosen hatten im Vorfeld nicht zum Favoriten-Kreis gehört. Dass sie den Weg ins Endspiel aber dank Thuram fanden, der ausgerechnet im WM-Halbfinal gegen Kroatien die beiden einzigen Länderspiel-Tore seiner Karriere erzielte, ist beinahe unglaublich. "Thu-Thu" aus der Banlieue, der als Neunjähriger von der Karibik-Insel Guadeloupe nach Paris gekommen war, wurde innert zwanzig Minuten zum französischen Nationalhelden.

Dabei hatte Thuram, mit 142 Länderspielen in 14 Jahren französischer Rekord-Internationaler, gegen Kroatien in der 46. Minute noch wie der Buhmann der Nation ausgesehen, als er das Offside aufhob und dem späteren WM-Torschützenkönig Davor Suker das 1:0 ermöglichte. "Ich denke immer sehr viel über meine Fehler nach", gab Thuram später zu. "Ich weiss, dass ich bei Sukers Tor das Offside aufgehoben habe, und dachte in diesem Moment, dass ich meinen Fehler wieder gutmachen will."

Doppelschlag war "ein Unfall"

"Thu-Thu" liess seinen Gedanken nur 30 Sekunden später Taten folgen und traf zum 1:1 -- ausgerechnet er, der behauptete, nicht einmal im Training das Tor zu treffen. Kultstatus bei allen französischen Fans erlangte Thuram in der 69. Minute, als er den Ball an der Strafraum-Grenze eroberte, nicht lange fackelte, in die weitere Torecke traf und sich dann in Denkerpose feiern liess.

Später sagte Thuram über den Doppelschlag im richtigen Moment: "Das war ein 'Unfall'." Er sei kein Skorer, sondern defensiver Spieler. Verteidigen, das war etwas, was Thuram aussergewöhnlich gut beherrschte. Zusammen mit dem designierten französischen Nationaltrainer Laurent Blanc, Marcel Desailly und Bixente Lizarazu bildete Thuram zwischen 1996 und 2000 eine der besten Defensiven der Welt. Das Quartett wurde nicht nur 1998 Weltmeister, sondern zwei Jahre später auch Europameister. Die vier verloren übrigens kein einziges Spiel, wenn sie gemeinsam auf dem Platz standen.

Heute ist Thuram 38 Jahre alt. Eigentlich hätte er noch mit über 40 Jahren Fussball spielen wollen. Doch ein erblich bedingter Herzfehler, der 2008 diagnostiziert wurde und der bereits seinem Bruder das Leben gekostet hatte, zwang ihn zum Rücktritt. Thuram, der genauso wie Zidane nicht als Mann der grossen Worte auf dem Fussball-Feld gegolten hat, nimmt seitdem umso lauter den Kampf gegen den Rassismus in Frankreich auf.

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