Fussball
Die Spiele müssen weitergehen: Fussball in Zeiten des Krieges

Die Krise zwischen der Ukraine und Russland hat sich längst auch auf die Spielfelder übertragen. Unklar ist die Situation der Clubs auf der vom Kreml annektierten Krim-Halbinsel. Der ehamlige Uefa-Cup-Sieger Schachtjor Donetsk spielt derweil im Exil.

Michael Meier
Drucken
Teilen
In der Ostukraine herrscht Krieg. Die Stars von Schachtjor Donetsk sind nur auf einem Plakat zu bewundern. Sie spielen 1000 Kilometer fern der Heimat.

In der Ostukraine herrscht Krieg. Die Stars von Schachtjor Donetsk sind nur auf einem Plakat zu bewundern. Sie spielen 1000 Kilometer fern der Heimat.

Keystone

Der ukrainische Fussballverband ist sauer. In einem öffentlichen Brief appelliert man an die Fifa und Uefa, die Russen für die Eingliederung dreier Krim-Vereine in die dritte russische Liga zu bestrafen. Im Brief heisst es, der Vorstand des russischen Verbandes habe «illegal und willkürlich die Klubs von der Krim eingegliedert, und weder Fifa noch Uefa offiziell über diese Entscheidung informiert».

Russland annektiert drei Fussballvereine

Die Annexion der Halbinsel Krim durch Russland im März hat auch Konsequenzen für den Fussball in der Ukraine. Der russische Fussballverband Verband gliederte Anfang August die drei Krim-Vereine aus den Städten Simferopol, Sewastopol und Jalta in die dritte russische Liga ein. Mittlerweile haben sie mehrere Meisterschaftsspiele und eine Partie im russischen Cup absolviert. Doch ist dies in Ordnung?

Paragraf 84 der Fifa-Richtlinien sieht bei einem Verbandswechsel von Klubs die Zustimmung beider Nationalverbände sowie der Fifa vor. Der Weltverband hat bisher aber ebenso nicht zugestimmt wie die Uefa, weshalb diese die Ergebnisse der Vereine auf der von Russland annektierten Krim vorderhand nicht anerkennt. Angesichts der schwierigen und komplexen Lage könne man derzeit die Resultate dieser Vereine nicht werten, bis eine einvernehmliche Lösung zwischen Russland und der Ukraine gefunden werde, teilte die Uefa mit.

Die Uefa spielt auf Zeit

Besagter Paragraf 84 sieht Sanktionen vor. Ob diese folgen, darf bezweifelt werden. In den Uefa- und Fifa-Gremien sitzen russische Vertreter in entscheidenden Positionen. Interessenskonflikte sind vorprogrammiert. Fifa und Uefa schieben das Problem vor sich her, ohne eine klare Stellungnahme zu formulieren.

Offenbar hat man grossen Respekt davor, einen Präzedenzfall zu schaffen. Denn es ist eine delikate Situation. Mit einer Anerkennung der drei Vereine als russische Klubs würde man quasi eine völkerrechtswidrige Annexion legitimieren. Andererseits möchte die Fifa Unstimmigkeiten mit dem Gastgeber der WM 2018 – Russland – vermeiden. Ganz zu schweigen davon, dass der Werbevertrag mit dem russischen Erdölgiganten Gazprom der Uefa jährlich knapp 50 Millionen Franken einbringt.

Uefa-Boss Michel Platini hatte für Donnerstag einen runden Tisch mit den Verbänden Russlands und der Ukraine einberufen, um nach einer sportlichen Lösung für die Krim-Klubs zu suchen. Im Trubel um die Vergabe des Europa-League-Finals 2016 nach Basel und der Spielortsvergabe für die EM 2020 ging die Berichterstattung zu diesem Treffen beinahe unter. Kein Wunder. Die Uefa konstatierte lediglich, es sei eine konstruktive Besprechung gewesen. Doch konkrete Massnahmen oder gar Entscheidungen blieben aus. Einzig eine Arbeitsgruppe wurde gegründet, welche in ungefähr einem Monat Bericht erstatten soll. Es scheint als wolle die Uefa Zeit schinden, um die heikle Entscheidung aufzuschieben.

Skepsis auch in Russland

Die Aufnahme der drei Vereine war auch in Russland äusserst umstritten. Dies zeigt die Abschrift einer Tonaufnahme, die der Zeitung «Nowaja Gaseta» zugespielt wurde. Die Präsidenten führender Klubs des russischen Fussballs bringen gegenüber Wladimir Jakunin – ein enger Vertrauter Putins – ihre Befürchtungen zum Ausdruck, die Weltmeisterschaft zu verlieren. Zudem sorgen sie sich, dass russischen Teams die Teilnahme an europäischen Wettbewerben verboten werden könnte, und dass Spieler und Trainer Russland verlassen werden. Kurz; dass «das Kartenhaus zusammenfällt».

Jakunin stellt aber direkt klar, die Aufnahme der Klubs sei eine «politische Frage». Mit der Aufnahme der Krim sei «im Prinzip» jede Diskussion beendet. Das heisst: Aus der Annexion ergibt sich alles andere von selbst. Auch, dass die Krim-Klubs in einer russischen Liga spielen.

Ostukrainische Klubs im Exil

In der Ukraine machen derweil nicht nur die Krim-Vereine Sorgen. Die neue Meisterschaft wird ohne Simferopol und Sewastopol mit 14 statt wie im Vorjahr mit 16 Klubs bestritten (Jalta spielte vorher nicht einer vom ukrainischen Verband ausgerichteten Meisterschaft). Und weil im Osten des Landes weiterhin gekämpft wird, suchen ostukrainische Teams Zuflucht im Westen.

Schachtjor Donetsk beispielsweise – vor sechs Jahren Uefa-Cup-Sieger und seither regelmässiger Champions-League-Gast – hat seine Spieler nach Kiew abgezogen. Hier wird trainiert, die Heimspiele trägt man rund 1000 Kilometer fern der Heimat in Lemberg aus. Das Heimstadion, die ultramoderne und sündhaft teure Donbass-Arena, wurde Mitte August bei Gefechten zwischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten beschädigt.

Bereits einige Wochen zuvor hatten sich sechs Profis – allesamt Ausländer – nach einem Testspiel gegen Olympique Lyon in Ostfrankreich abgesetzt. Nach wenigen Tagen und saftigen Drohungen des Klubpräsidenten kehrten sie wieder nach Donetsk zurück.

Spielball der Reichen

Agenten und Berater standen in diesem Sommer Schlange bei den Verantwortlichen ukrainischer Klubs. Fast alle wollten ihre Spieler aus den Krisenregionen im Osten des Landes herausholen. Doch weil durch die Krise auch der ukrainische Transfermarkt lahmt, wurden bis vor dem Saisonstart lediglich rund acht Millionen Euro umgesetzt. In einem Markt, der zu Spitzenzeiten dreistellige Millionensummen generierte.

Ausserdem spielen die Auslandprofis in der Premjer Liha, in der sich Oligarchen auch mittels Profifussball ihr regionales Machtrefugium sichern, allesamt zu hohen Gagen. Abnehmer sind für sie somit schwer zu finden.

Die Fussballklubs in der Ukraine standen für ihre Mäzene und Besitzer immer auch als Symbol für den Machterhalt in der jeweiligen Region. Die Oligarchen hielten die Zügel in der Hand. Sie bestimmten das tägliche Leben. Den Fussball gebrauchten sie als Ablenkung von den Problemen des Alltags.

Dass die Premier-Liha trotz aller Bedenken Ende Juli ihren Betrieb aufnahm, geschah auch auf Druck ebendieser Oligarchen. Jener Menschen, gegen die sich die Proteste des Euromaidan ursprünglich gerichtet hatten. Der die Selbstbedienungsmentalität der Oberschicht und die Korruption attackierte.

Und nun, viele Eskalationsstufen weiter, sind die Oligarchen immer noch da. Versuchen über den Fussball, das Festhalten am Spielbetrieb, gesellschaftliche Kontinuität zu vermitteln. Ihr Festhalten am Fussball steht auch für das Festhalten an der Macht, das ihnen bis heute zu gelingen scheint.