Quo vadis, Helvetia? Wohin des Weges, Schweiz? Mit dem ersten Spiel gegen England in der EM-Qualifikation beginnt für die Schweiz eine neue Ära. Die Ära Vladimir Petkovic. Die Ära nach Ottmar Hitzfeld. Und es dominiert die eine Frage: Aufstieg oder Abstieg?

Zuerst einmal: Was bedeutet Aufstieg, was Abstieg? Nach dem Achtelfinal-Out bei der WM in São Paulo gegen Argentinien kann es für die Schweiz nur ein Ziel geben. Endlich wieder einmal ein K.-o.-Spiel an einer Endrunde gewinnen. Zum ersten Mal seit 1938. Zum ersten Mal im modernen Fussball überhaupt. Der EM-Viertelfinal wäre also ein Aufstieg.

Eine hohe Forderung ist legitim

Ein Aus in der EM-Gruppenphase (16 von 24 Teams kommen in den Achtelfinal) wäre dagegen ein Abstieg. Ein Aus in der Qualifikation sowieso. Denn an der EM 2016 dürfen erstmals in der Geschichte 24 Teams teilnehmen. 24 von insgesamt 54 Teams Europas, das sind 44 Prozent. Gruppenrang 2 reicht bereits zur direkten Qualifikation. Der Dritte darf noch in die Barrage.

Trotzdem: Darf die Schweiz von diesem Team einen EM-Viertelfinal fordern? Natürlich! Betrachtet man in der Fifa-Weltrangliste nur die Europäer, ist die Schweiz an fünfter Stelle klassiert. Hinter Deutschland, Holland, Belgien und Spanien. Aber unter anderem vor Frankreich, Portugal, Italien, Kroatien oder England. Derweil gibt es für alle Spitzennationen sowieso nur ein Ziel: den Titel. Mindestens aber der Final.

Das Interessante an einem Trainerwechsel sind immer die Rückschlüsse auf die Arbeit des Vorgängers. Die Zeit zwischen 2014 und 2016 wird auch über die Arbeit von Ottmar Hitzfeld richten. Sie dient als Hilfe auf der Suche nach der Wahrheit.

Die Wahrnehmung der Leistungen des Schweizer Nationalteams in den letzten Jahren könnten unterschiedlicher nicht sein. Selbst unter den Spielern ist so etwas wie eine kleine Debatte ausgebrochen, wie die vergangene WM zu werten sei.

Stephan Lichtsteiner sagt: «Mit einem WM-Achtelfinal muss man auch einmal zufrieden sein. Ansonsten müssten wir ja immer Weltmeister werden, um zufrieden zu sein. Das ist für die Schweiz unrealistisch.» Valon Behrami aber sagt: «Wir haben an der WM nichts an der Geschichte des Schweizer Fussballs verändert. Wir sind die Schweiz geblieben und haben genau das erreicht, das man von uns erwartet hat.»

Der grossartige Ottmar Hitzfeld

Wer sich die «Positiv-Brille» aufsetzt, der denkt: «Es ist ein Wunder! Mit dieser Mittelmass-Truppe hat sich die Schweiz zeitweise bis auf Rang 6 der Weltrangliste vorgearbeitet. Sie hat dank Leidenschaft und Disziplin all ihre vielen Mängel wettgemacht. Und deswegen an der WM beinahe den späteren Vize-Weltmeister Argentinien gestürzt. Dafür verantwortlich: der grossartige Ottmar Hitzfeld.»

Wer sich aber die «Negativ-Brille» aufsetzt, der sieht: «Es ist ein Jammer! Über Jahre spielt die Schweiz immer gleich. Und immer ängstlich. Das viele Talent und die Kreativität werden unterdrückt. Gegen ein schwaches Ecuador duselt sich das Team zum Sieg. Gegen die Grossen wie Frankreich ist es überfordert, wenn es wirklich zählt. Oder erstarrt in Ehrfurcht wie gegen Argentinien. Dieses Team hat genau das Minimum erreicht. Keinen einzigen Sieg mehr. Dafür verantwortlich: der übervorsichtige Ottmar Hitzfeld.»

Nicht nur Resultate zählen

Vieles war eine Frage des Blickwinkels. Ab morgen, ab dem Spiel gegen England, zählt nicht mehr, was war. Sondern nur noch, wie die Entwicklung weitergeht. Macht Sommer den Rücktritt von Benaglio vergessen? Kann Shaqiri eine Führungsrolle übernehmen? Sind die Ersatzspieler in der Lage, ihre Chancen, die sie ohne Zweifel erhalten werden, zu nutzen? Die ersten Antworten liegen auf dem Rasen des St.-Jakob-Parks.

Petkovic hat letzte Woche betont: «Auch für mich zählen nur Resultate.» Er irrt. Für einmal ist eines viel wichtiger: Die Art und Weise, wie die Schweizer auftreten.