Die Küste in Reykjavík bietet einen imposanten Ausblick aufs Meer. Versteckt sich die Sonne hinter den Wolken, und das tut sie oft, dann erhält das Wasser einen fast schwarzen Anstrich. Und ziemlich häufig steht ein Regenbogen mittendrin.

Der Regenbogen als Verbindung zwischen Himmel und Erde. Das passt. Zumindest für die Schweizer Fussballer, die seit Sonntag in Island zu Gast sind. Sie möchten irgendwann gerne den Himmel erklimmen. Konkret: An einem grossen Turnier einmal einen Viertelfinal erreichen. Oder wenigstens bald wieder eine grosse Fussballnation schlagen. Noch befinden sie sich auf der Erde. Und sind auf der Suche nach dem richtigen Weg.

Ein stiller Schmerz

Je länger das dauert, desto mehr werden die Schweizer erinnert an all die Möglichkeiten, die sich ihnen geboten haben. Gegen Argentinien (WM 2014). Gegen Polen (EM 2016). Gegen Schweden (WM 2018). Es liegt ein stiller Schmerz über dieser Mannschaft. Einer, der von Zeit zu Zeit wieder zum Ausdruck kommt.

Siege zum falschen Zeitpunkt

Vor gut zwei Jahren gab es den Sieg gegen Europameister Portugal, 2:0, beim Gegner fehlte Ronaldo. Vor der WM gab es das 1:1 gegen Spanien. An der WM das 1:1 gegen Brasilien. Das alles sind tolle Resultate, sehr tolle sogar. Aber eben immer auch zum falschen Zeitpunkt – nämlich dann, wenn es nichts zu gewinnen gibt. Wenn der Beweis dagegen zu erbringen ist, einen Schritt nach vorne gemacht zu haben, scheitern die Schweizer regelmässig.

Die Sehnsucht nach dem grossen Wurf spürt man insbesondere dann, wenn es eine Niederlage wie jene gegen Belgien zu erklären gilt. Nicht, dass dieses 1:2 besonders schlimm wäre, das war auch das 0:1 in England nicht, zumal die Leistungen ansprechend waren. Und trotzdem sagt Granit Xhaka: «Irgendwann müssen wir solche Spiele auch mal gewinnen.»

Wobei es für die Entwicklung dieses Teams vielleicht gar nicht so schlecht ist, im Moment gegen ein Belgien oder ein England zu verlieren. Es zeigt nämlich auf, dass es weiterhin Unterschiede gibt zwischen der Schweiz und grossen Fussballnationen.

Hoffen auf die Herausforderung

Nun sind die Schweizer also nach Island gereist. Und treffen damit auch auf die guten eigenen Erinnerungen. 6:0 haben sie im September gewonnen. Es war zum Ende der Woche der grossen Aufarbeitungen nach Doppeladler und Doppelbürger ein kleiner Befreiungsschlag. Es war ein Abend, der ziemlichen Seltenheitswert hat. Weil alles gelang, was die Schweizer versuchten. Und sie dabei auch noch auf einen Gegner trafen, der gewiss schon mit mehr Biss aufgefallen ist und weniger von Verletzungen geplagt war.

Gewinnen ist Pflicht

Das Resultat vom September darf also keineswegs zu grosse Erwartungen schüren für das heutige Spiel. Für die Schweizer gilt trotzdem: Gewinnen ist Pflicht. Nur dann haben sie eine Chance auf den Gruppensieg in der Nations League. Es würde im November schwierig genug, Belgien zu Hause zu schlagen. Aber es wäre ziemlich schade, sich diese schöne Herausforderung entgehen zu lassen.

Wie denken die Schweizer ob dieser Ausgangslage? Am Tag davor treten Trainer Vladimir Petkovic, Ricardo Rodriguez und Xherdan Shaqiri vor die Mikrofone. Neun Minuten später als angekündigt kann die Medienkonferenz beginnen. Das ist eigentlich kaum der Rede wert, die Verspätungen an der WM betrugen wahlweise: 45 Minuten. Dann 52. Dann 13. Dann 35. Dann wieder 50 Minuten.

Braucht die Schweiz einen Lukaku?

Bemerkenswert ist es aber schon, dass die Veranstaltung vier Minuten später schon zum Ende kommen soll. Petkovic hat bis dahin wiederholt, wie wichtig Prinzipien sind. Rodriguez erwartet ein Island, das eine Revanche anstrebt. Und Shaqiri? Der hat noch keine Silbe gesagt.

Dann darf die Journalistin mit Müh und Not ihre Frage an Shaqiri doch noch stellen: Ob die Schweiz nicht einen Stürmer wie Romelu Lukaku bräuchte, lautet sie. Dieser traf letzten Freitag zwei Mal.

Shaqiri sagt: «Ich kann alle beruhigen, wir müssen uns keine Gedanken machen, ob wir einen riesengrossen Stürmer brauchen. Ich bin überzeugt, wir haben genug Qualität, um regelmässig Tore zu schiessen. Wir haben überdies viele Junge, die nachziehen oder noch kommen werden. Und schliesslich hiess unser Gegner Belgien, führend in der Weltrangliste, da ist es eben nicht immer einfach, sich durchzukämpfen.»

Die Erinnerungen sind gut

Dann gehen sie. In die Kälte des Stadions mit dem schönen Namen Laugardalsvöllur. Die Erinnerungen an Gastspiele in Island sind gut. Drei Siege in drei Versuchen gab es bisher. Nun soll ein vierter dazukommen. Es wäre schon gut, wenn nicht plötzlich drei Niederlagen hintereinander in der Bilanz dieses Herbstes stehen würden.