Es war der perfekte Masterplan für die WM-Vorbereitung: Nach einer Woche intensiver Trainings in Lugano bestreitet die Schweiz ihr erstes von zwei Testspielen vor der Endrunde gegen Spanien. Gegen einen Widersacher, der wie der WM-Startgegner Brasilien in Russland zum engsten Favoritenkreis zählt. Gegen einen Widersacher, der ähnlich wie die Südamerikaner einen offensiven und qualitativ hochstehenden Fussball bietet. Man soll sich der WM-Betriebstemperatur annähern und sich selbst beweisen, dass man nahe dran ist an der Elite.

Doch seit Donnerstagabend ging es im SFV-Camp weniger um Spanien und Brasilien. Die Knieverletzung von Granit Xhaka bestimmte die Schlagzeilen. Schon bald gaben die Ärzte Entwarnung, das Horrorszenario trat nicht ein. Xhaka trainierte am Samstag bereits wieder mit der Mannschaft und wäre womöglich einsetzbar. Es ist aber davon auszugehen, dass Nationaltrainer Vladimir Petkovic zwei Wochen vor dem WM-Auftakt gegen Brasilien nichts riskieren wird.

Deshalb werden vor dem Spiel in Spanien nun solche Fragen formuliert: Wie gut schlägt sich die Schweiz gegen ein Top-Team ohne ihren wichtigsten Spieler? Ist sie auch ohne Xhaka fähig, ihre auf viel Ballbesitz ausgerichtete Spielphilosophie durchzusetzen? Gibt es in Villarreal auch ohne Xhaka ein Duell zwischen "Brüdern im Geiste", nachdem Experten der SFV-Auswahl in den letzten zwei Jahren attestierten, sie spiele "spanisch für Fortgeschrittene". Und vor allem: Wer ersetzt nun Xhaka? Eine erste Antwort auf die ersten Fragen gibt es im Estadio de la Ceramica in Villarreal. Die letzte Frage muss Petkovic schon in den nächsten Stunden beantworten.

Vieles deutet auf Denis Zakaria hin, der in Mönchengladbach eine gute Debüt-Saison in der Bundesliga zeigte und in Deutschland ohne Verzögerung Stammspieler wurde. Auf den 21-jährigen Zakaria hatte Petkovic im Zentrum des Mittelfeldes schon im letzten November in den WM-Playoffs gegen Nordirland vertraut, als er den verletzten Valon Behrami ersetzen musste. Die Alternative wäre Remo Freuler, der auf Klubebene einen Schritt weiter ist als Zakaria und sich mit Atalanta Bergamo soeben zum zweiten Mal in Folge für die Europa League qualifiziert hat, der aber im Nationalteam bisher eher unter den Erwartungen geblieben ist.

Spanien wohl ohne Real-Spieler

So oder so erwartet das Schweizer Team ein ganz harter Brocken. Die Spanier sind nach einer desolaten WM 2014 und einer enttäuschenden EM 2016 wieder oben angekommen. Die Resultate der letzten Monate sind Beleg dafür: Italien wurde in der Qualifikation 3:0 geschlagen, Argentinien in einem Test im März 6:1 deklassiert und auch wenige Tage zuvor beim 1:1 in Deutschland hatte die Auswahl von Julen Lopetegui eine vorzügliche Leistung gezeigt. Spanien ist seit Sommer 2016 ungeschlagen.

Das Reservoir an Top-Spielern scheint in Spanien fast unerschöpflich. Härtefälle bei der WM-Selektion heissen beim Weltmeister von 2010 nicht Hinz und Kunz sondern Alvaro Morata (Chelsea), Javi Martinez (Bayern München) und Marcos Alonso (Chelsea). Dieses Trio ist bei der WM nicht dabei - ebenso wenig wie beispielsweise einer wie Vitolo, der in den letzten fünf Saisons mit dem FC Sevilla und Atlético Madrid vier Mal die Europa League gewonnen hat.

Spanische Beobachter gehen davon aus, dass "La Roja" gegen die Schweiz nicht mit der besten Auswahl antritt. Insbesondere die sechs Spieler von Real Madrid dürften eine Woche nach dem Erfolg in der Champions League noch nicht zum Einsatz kommen. Doch auch sie kann Lopetegui hochkarätig ersetzen. Der Marktwert des spanischen WM-Kaders wir auf rund 1,04 Milliarden Euro geschätzt. Das ergibt einen Durchschnittswert von 45 Millionen Euro pro Spieler. Zum Vergleich: Granit Xhaka als teuerster Schweizer Fussballer wechselte vor zwei Jahren für etwas mehr als 40 Millionen Euro zu Arsenal.