Noch haben die Schweizer die Chance, um aus einem sportlich ansprechenden und atmosphärisch schwierigen Jahr ein sehr gutes zu machen. Schaffen sie gegen Belgien den nötigen Heimsieg (1:0, 2:1 oder ein Sieg mit mindestens zwei Toren Differenz) und qualifizieren sich für das Finalturnier der Nations League vom kommenden Sommer (5. bis 9. Juni 2019) liest sich die Bilanz 2018 auch so: WM-Achtelfinal erreicht, in der Nations League unter den Top 4.

Es wäre dann ein sportlich bemerkenswert gutes Jahr, und die Aussicht auf das Highlight eines Kurz-Turniers mit Weltmeister Frankreich, Spanien oder Portugal, England, Italien oder WM-Finalist Kroatien würde vieles überlagern, das nicht ganz optimal lief rund um das Nationalteam in den letzten Monaten. Vergessen wäre der peinliche Fehltritt vom Mittwoch gegen Katar. Die sommerlichen Diskussionen um Doppeladler und Doppelbürger wären noch weiter weg. Die Frage, welchen Stammbaum der Captain der SFV-Auswahl vorzuweisen hat, stellten sich dann vielleicht auch am Fernsehen, an den Stammtischen oder auf dem Boulevard nicht mehr.

Petkovic muss experimentieren

Doch weil der Gegner, den es zu besiegen gilt, der WM-Dritte und die Nummer 1 im FIFA-Ranking ist, muss eben auch mit einem negativen Ausgang gerechnet werden. Und dann? Der Nationaltrainer Vladimir Petkovic käme in Erklärungsnotstand. Er hätte dann in seiner Experimentierphase im Herbst womöglich vier von sechs Spielen verloren und damit doppelt so viele wie in den 21 Spielen zuvor bis und mit WM-Endrunde. Die Schweizer hätten einen positiven Nachweis in zweierlei Hinsicht nicht erbracht: Nämlich, dass sie über die Breite im Kader verfügen, von der Petkovic so gerne spricht. Und dass sie tatsächlich zu den Top-10-Nationen der Welt gehören, wie die Weltrangliste suggeriert.

Gegen Belgien dürfen Petkovic nicht nochmals Fehler unterlaufen bei der Aufstellung und beim gewählten System wie am Mittwoch gegen Katar. Zu Experimenten allerdings ist er trotzdem nochmals gezwungen. Mit den verletzten Stephan Lichtsteiner und Manuel Akanji sowie dem gesperrten Fabian Schär fallen 75 Prozent der Stammabwehr aus. Im zentralen Mittelfeld hat Petkovic das Problem, dass Denis Zakaria in der aktuellen Verfassung kein verlässlicher Partner für Chef und Captain Granit Xhaka ist. Auf den Flügeln fehlen Admir Mehmedi und Breel Embolo.

Petkovic ist bemüht das Positive zu finden oder dieses zumindest zu kommunizieren. Er sehe die Experimente des Herbstes als gelungen an und er sei in der Arbeit mit dem Team weiter als er es sich im Sommer vorgestellt hatte, sagte er dieser Tage in Lugano. An den Leistungen in den bisherigen fünf Spielen seit der WM lässt sich dies nicht festmachen. Auf das berauschende 6:0 gegen Island folgte eine solide Vorstellung beim 0:1 in England. In Belgien setzte es eine ehrenvolle Niederlage ab, danach kam der erzitterte Auswärtssieg nach eher schwacher Leistung auf Island, und dann eben der peinliche Tiefpunkt gegen Katar.

Grosses Gefälle

Vielleicht ist Petkovic aber auch deshalb mit seinen Experimenten zufrieden, weil sie ihm vor Augen geführt haben, welchen Weg er nicht beschreiten kann. Die Dreierabwehr zum Beispiel kann nur ein Plan B für den Notfall sein. Die Mannschaft spürt, dass sie sich im bewährten System mit der Viererabwehr wohler fühlt. Die einflussreichen Spieler sprechen das auch an.

Ausserdem kann Petkovic das Rotationsprinzip in Pflichtspielen nicht anwenden, weil das Gefälle innerhalb seines erweiterten Kaders zu gross ist. Weiterhin gilt, dass für seit Jahren bewährte Stammkräfte wie Lichtsteiner, Schär, Rodriguez, Xhaka und Shaqiri, aber auch für die jüngeren Embolo oder Akanji kein valabler Ersatz bereit steht. Gleiches gilt im Prinzip auch für den zurückgetretenen Valon Behrami und sogar für den oft kritisierten und seit der WM nicht mehr berücksichtigten Blerim Dzemaili.

Nach den 90 Minuten gegen Belgien kann Petkovic alle diese Gedanken nochmals ordnen und danach seine Erkenntnisse in den folgenden Tagen auch öffentlich machen. Doch es ist absehbar, dass das Spiel gegen Belgien beim Trainer keine Gedankenrevolution mehr auslösen wird - egal, wie es ausgehen wird. Für die öffentliche Meinung und für die Wahrnehmung des WM-Jahres aber wird dieses 14. und letzte Länderspiel 2018 von grösster Bedeutung sein.