Frauen-WM

Die nächste Chance kommt bestimmt

Dean Fuss
Die unvermeidlichen Tränen über das Out im Achtelfinal dürften mittlerweile versiegt und dem Stolz über das Geleistete gewichen sein.

Die unvermeidlichen Tränen über das Out im Achtelfinal dürften mittlerweile versiegt und dem Stolz über das Geleistete gewichen sein.

Der Fussballtraum für das Schweizer Frauenteam endete in der Nacht auf Montag abrupt. Bald schon bietet sich Gelegenheit, die in Kanada geweckten Erwartungen zu erfüllen.

Plötzlich standen die Schweizer Fussballerinnen im Fokus einer ganzen Nation. Am Tag vor der Partie der Männer in Litauen – immerhin ein Spiel der Qualifikationskampagne für die Euro 2016 in Frankreich – verdrängten Dickenmann, Bachmann und Co. ihre männliche Konkurrenz gar von den Titelseiten einiger nationalen Zeitungen. Vor ein paar Jahren wäre so etwas noch undenkbar gewesen. Die erstmalige Teilnahme eines Schweizer Frauenteams an einer Weltmeisterschaft machte es möglich.

Nun ist das Abenteuer vorbei. Es endete in der Nacht auf Montag im Achtelfinal gegen die Kanadierinnen. Mit der Achtelfinal-Qualifikation haben die Schweizerinnen ihr Minimalziel erreicht. Die unvermeidlichen Tränen über das Out im Achtelfinal – was beileibe keine Frage des Geschlechts ist, wie die Männer-Nationalmannschaft vor Jahresfrist in Brasilien zeigte – dürften mittlerweile versiegt und dem Stolz über das Geleistete gewichen sein. Die Auftritte bei den 0:1-Niederlagen zum Auftakt gegen Weltmeister Japan und die Gastgeberinnen in der K.o.-Runde waren stark, Ecuador führten die Schweizerinnen mit 10:1 vor und bei der 1:2-Niederlage gegen Kamerun war zumindest die erste Halbzeit gut. Zusätzlich sorgten die Schweizerinnen in Kanada gleich für mehrere Einträge in die Geschichtsbücher: Das Team durch die erstmalige Teilnahme. FCB-Stürmerin Eseosa Aigbogun als erste Schweizer WM-Torschützin. FCZ-Stürmerin Fabienne Humm mit dem schnellsten WM-Hattrick der Geschichte in 274 Sekunden.

Für einen Exploit fehlte es dem Schweizer Kader an der nötigen Breite

Gleichzeitig haben die Schweizerinnen aber auch eine grosse Chance verpasst. Denn die über weite Strecken der Achtelfinalpartie uninspiriert auftretenden Gastgeberinnen wurden ihrer Favoritenrolle einzig durch das Endresultat gerecht. Hätte das Team von Trainerin Martina Voss-Tecklenburg mehr Kaltblütigkeit an den Tag gelegt, wäre der Exploit durchaus möglich gewesen. «#YouCanPlayToo», lautete der Hashtag, mit dem sowohl der Schweizerische Fussballverband SFV als auch die Spielerinnen ihre Beiträge in den sozialen Netzwerken kennzeichneten. Durch die erhöhte Aufmerksamkeit in der Gesellschaft dürfte der Frauenfussball zumindest in nächster Zeit von einem erhöhten Zulauf profitieren. Weil aber bekanntlich in erster Linie Erfolg sexy macht, muss sich erst noch zeigen, wie nachhaltig die WM-Kampgane sein wird. Wichtig wäre ein Anstieg der lizenzierten Juniorinnen aber gerade für die Basis – und damit für eines der Hauptprobleme des Schweizer Teams im Vergleich mit den grossen Nationen des Frauenfussballs.

Denn es fehlte dem Schweizer Kader an der nötigen Breite. Dass der Exploit nicht gelang, dürfte zu grossen Teilen damit zusammen hängen. Natürlich hatten die Stars Lara Dickenmann, Ramona Bachmann und Ana-Maria Crnogorcevic einzelne starke Auftritte – insgesamt aber kam von den Führungsspielerinnen zu wenig. Und, wenn die Stars nicht für den Unterschied sorgen konnten, konnte niemand aus der zweiten Reihe das Spiel an sich reissen. Das Kader war zwar solid, wirklich gewinnbringende Alternativen aber fehlten.

Ramona Bachmanns öffentliches Outing kam zur Unzeit

Dass Ramona Bachmann just nach dem 10:1-Sieg über Ecuador den Fokus der Schweizer Öffentlichkeit vom Fussball auf ihr Privatleben lenkte, war schlichtweg nicht nötig. Schon vor dem öffentlichen Outing im Boulevard hatte sie kein Geheimnis aus ihrer Liebe zu Frauen gemacht. Und doch stand statt der sportlichen Aussicht des Teams plötzlich das Intimleben Bachmanns im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Natürlich war das Outing ihr gutes Recht, aber sie hat dem Schweizer Frauenfussball damit keinen Gefallen getan. Dieser braucht in seiner aktuellen Entwicklungsphase jede Minute öffentlicher Wahrnehmung – in sportlicher Hinsicht.

Bald wird sich zeigen, wie es nach der WM um das öffentliche Interesse steht. Denn bereits im Oktober starten Dickenmann und Co. mit der Partie gegen Italien in die Qualifikation für die EM 2017 in Holland. Die südlichen Nachbarinnen gelten in der Schweizer Gruppe als Favorit. Weil sich aber auch sechs der insgesamt acht Gruppenzweiten für die EM-Endrunde qualifizieren, haben auch die Schweizerinnen mehr als intakte Chancen auf eine Teilnahme am nächsten Grossanlass.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1