Die Fotoapparate klicken. Die Augen der Journalisten, die Linsen der Kameras blicken Yassine Chikhaoui entgegen, als er den Medienraum im Stadion Letzigrund betritt. Ein kurzes Grinsen huscht über sein Gesicht. Er scheint etwas verwundert ob des grossen Interesses an seiner Person, lässt den Blick über die Journalistenschar gleiten. Dann nimmt er links von FCZ-Präsident Ancillo Canepa Platz.

Es ist die offizielle Medienkonferenz des FC Zürich vor dem Saisonstart. Und Yassine Chikhaoui nimmt als Captain auf dem Podest Platz. Noch vor sechs Monaten hatte er keine Zukunft mehr beim FCZ. Verletzungen oder seltsame Erkrankungen warfen den scheuen Tunesier immer wieder zurück. In den sieben Jahren beim FC Zürich spielte er nur in 85 Meisterschaftsspielen. Nicht gerade häufig konnte er sein so hochgelobtes Potenzial, sein Talent, ausschöpfen. Doch die sieben mageren Jahre sollen jetzt zu Ende sein. Jetzt will Chikhaoui nochmals angreifen. Denn jetzt ist der 27-Jährige Captain beim Stadtzürcher Klub, trägt mehr Verantwortung, hat Führungsaufgaben.

«Eine merkwürdige Zeit»

Mitte Mai hat er einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Nach einer guten Leistung im Cupfinal, der mit dem Sieg für den FCZ endete (2:0 gegen den FC Basel), ging Canepa nochmals über die Bücher, entschied sich doch noch für eine Vertragsverlängerung. Allerdings: So viel Geld wie zuvor – 1,4 Millionen Franken inklusive Prämien – verdient Chikhaoui nicht mehr. Da ist er dem FCZ entgegengekommen. Froh darum, dass seine Zukunft geregelt ist. Es sei «eine merkwürdige Zeit gewesen», sagt Chikhaoui im Nachhinein. Er war hin und hergerissen. Er beriet sich mit seiner Familie, seiner Frau. Und die sagte: «Bleib beim FCZ.» Chikhaouis Augen blitzen vor Schalk, als er das erzählt; sagt: «Meine Frau ist eigentlich die Chefin.»

Die Entscheidung, dass er Captain werden soll, fällte der Trainerstab. Die Diskussion über das Captain-Amt sei immer wieder aufgetaucht. Nach Gesprächen zwischen dem Ex-Captain Philippe Koch, Assistenztrainer Massimo Rizzo und ihm habe man dann entschieden, Chikhaoui zum Captain zu ernennen, erläutert Cheftrainer Urs Meier. Nicht, dass Koch das Amt schlecht ausgeübt hätte, ergänzt Rizzo. «Aber vielleicht kann er jetzt wieder etwas befreiter aufspielen.»

Befreiter wirkt auch Chikhaoui. Er sei gesund. Jetzt hofft er, dass er für einmal eine Saison ohne Verletzung über die Runden bringt. Und als Captain macht er nun auch die Arbeit, die er bisher nicht sehr häufig und nicht sehr gerne gemacht hat: Den Medien Auskunft geben. Lange verweigerte er sich Interviews mit Journalisten. 2008 veröffentlichte die deutsche «Bild»-Zeitung einen Artikel über ihn, der ihn in die Nähe radikaler Muslime stellte. Seither war sein Verhältnis zu den Medien getrübt.

Antworten gibt er nun auf Deutsch

Als er das Amt des Captains übernahm, wusste er, dass er nicht mehr länger schweigen kann. Dass er Interviews geben und an Pressekonferenzen teilnehmen soll. Die FCZ-Verantwortlichen mussten ihn dazu nicht überreden. «Er ist von sich aus damit gekommen», sagt Medienchef Patrik Lienhart. «Er wusste, dass er dies jetzt machen muss.»

Chikhaoui scherzt und lacht. Gibt freundlich Auskunft. Zu Beginn bittet er: «Lachen Sie nicht. Ich versuche, Ihnen auf Deutsch Antwort zu geben.» Er tut dies geduldig. Weiss er ein Wort nicht, neigt er sich rüber zu Canepa, fragt kurz nach, spricht dann weiter.

«Es ist eine grosse Ehre für mich, Captain des FC Zürich zu sein», sagt er. «Ich glaube, dass jetzt meine Zeit kommt.» Die Mannschaft weiss er hinter sich. Er geniesst hohes Ansehen, die Spieler zollen ihm Respekt. «Er ist enorm wichtig für uns», sagt Vize-Captain und Goalie David Da Costa. «Wenn Yassine auf dem Platz ist, kommt mehr Energie ins Spiel.» Er sei ein Spieler, der einen Match entscheiden könne. «Es war die richtige Entscheidung, Yassine zum Captain zu ernennen», bekräftigt Da Costa. Auch Urs Meier verteidigt seinen neuen Captain gegenüber seinen Kritikern: «Wenn wir ihm nicht jetzt die Verantwortung geben, wann dann? Er ist seriös, verantwortungsbewusst und ein Vorbild.» Alles, was Chikhaoui wolle, sei Erfolg und Wertschätzung. Und er setze alles daran, um sich dies zu holen. Damit er auch in der Schweiz die Anerkennung erfährt, die er in Tunesien schon längst hat.

Yassine Chikhaoui verlässt den Raum so, wie er ihn betreten hat. Leise, unaufgeregt. Ein kurzes «Tschüss zäme!», und weg ist er.