Challenge League

Die Konkurrenz und sogar ein künftiger Arbeitnehmer helfen mit: Alles läuft für den FC Aarau

Jérôme Thiesson ist zwar erst ab Sommer ein Spieler des FC Aarau. Doch der Verteidiger beweist schon vorher seine Wichtigkeit für den zukünftigen Arbeitgeber.

Samstagabend im Stadion Grünfeld in Rapperswil-Jona: Knapp 86 Minuten sind absolviert, als Aaraus Stefan Maierhofer an der Strafraumgrenze ein Schuss misslingt. Doch nur deshalb kommt der freistehende Markus Neumayr ins Spiel, der die Situation blitzschnell erfasst und den Ball mit dem rechten Aussenrist am verdutzten Rapperswil-Goalie Diego Yanz vorbei ins Tor lenkt.

Challenge League: 20. Runde, FC Rapperswil-Jona - FC Aarau, 86. Minute, Markus Neumayrs Tor zum 1:2

Die Spieler des Heimteams reklamieren vehement eine Abseitsstellung Neumayrs, verständlich, denn der Eindruck der Live-Bilder gibt ihnen recht. Doch die TV-Wiederholung zeigt: Ausgerechnet Thiesson, der die Zeit bis zum Arbeitsbeginn beim FC Aarau in Rapperswil-Jona überbrückt, steht zu tief und hebt das Abseits auf.

Das Zustandekommen des Siegtreffers ist ein weiterer Beleg, dass momentan alles für den FC Aarau läuft. Auch dann, wenn er die Dinge nicht beeinflussen kann: Weil Lausanne (2:2 in Vaduz) und Winterthur (0:2 in Kriens) am Wochenende nicht gewonnen haben, ist der Rückstand auf den angepeilten Barrage-Platz nach zwei Rückrunden-Spielen von ehemals acht auf fünf Verlustpunkte geschrumpft.

Je nach Ausgang der Nachholspiele von Lausanne und Winterthur könnte Aarau sogar bis auf zwei Punkte an Rang 2 heranrücken. Und nach Servettes überraschender Heimpleite gegen Schlusslicht Chiasso beträgt der Rückstand auf die Tabellenspitze auch «nur» noch elf Punkte.

Mit oder ohne Maierhofer?

Die Erfolgswelle hat Auswirkungen. In der Tabelle ist der FC Aarau zwar weiterhin Jäger, das Gefühl auf dem Platz aber sei ein anderes, sagt Markus Neumayr: «Man spürt vor und während des Spiels den grossen Respekt, den die Gegner vor uns haben.» Trainer Patrick Rahmen sagt: «Man schenkt uns wieder mehr Aufmerksamkeit.» Anfang Saison, als der FCA sechs Spiele in Folge verlor, seien die Gegner selbstsicherer aufgetreten. Nach acht Siegen und einem Unentschieden aus neun Spielen habe der Wind gedreht: «Nun passen sich die anderen Mannschaften wieder mehr unserem Spiel an.»

Zurück ins Stadion Grünfeld in Rapperswil-Jona, wo sich der FCA den Sieg härter als vielleicht erwartet erkämpfen musste. Für Rahmen war dies keine Überraschung, eine innere Stimme sagte ihm schon vor dem Anpfiff, dass am Zürichsee Turbulenzen auf den FC Aarau zukommen werden. Hatte er etwa Restzweifel an der eigenen Startaufstellung? Bei der Gretchenfrage «mit oder ohne Stefan Maierhofer?» entschied sich Rahmen gegen den Österreicher und für die Variante mit dem flinken Flügelstürmer Petar Misic. «Eine taktische Entscheidung», wie Rahmen betonte – und kein Denkzettel für Maierhofer, der vor einer Woche den FCA in Richtung Saudi-Arabien verlassen wollte.

Die Knacknuss

Wie auch immer – Fakt ist: Erst als Rahmen nach 50 Minuten seinen Plan korrigierte und Maierhofer für den überforderten Misic einwechselte, bekam das Aarauer Offensivspiel Struktur und Durchschlagskraft. Das 1:0 in der sechsten Minute durch Varol Tasar hatte diesen Effekt nicht: Denn statt mit der frühen Führung im Rücken befreit aufzuspielen, überliessen die Aarauer dem Gegner in der ersten Halbzeit immer mehr das Spieldiktat. Dass dies unbestraft blieb, war einzig dem offensiven Unvermögen der Rapperswiler zu verdanken.

Doch dann kam Maierhofer und mit ihm das Aarauer Chancenfestival. Mehr noch: In der 67. Minute flog Rapperswils Rexhepi vom Platz, sodass es scheinbar nur noch um die Frage ging, wie hoch der nächste Aarauer Sieg ausfallen würde. Aber: Keiner der zahlreichen Abschlüsse fand den Weg ins Tor. Alleine Tasar hätte seine Ausbeute verdreifachen müssen. Und als der Gegner zwei Minuten nach dem Platzverweis durch Schmied sogar zum 1:1 ausglich, war die Partie auf den Kopf gestellt. Rahmens Vorahnung traf ein – nun hatte der FCA endgültig seine Knacknuss.

Der ehrliche Thiesson

Zu Beginn der Saison wäre die damals verunsicherte Mannschaft nach einem solchen Spielverlauf wohl ohne Punkte heimgekehrt. Doch wer sieben der vergangenen acht Partien gewonnen hat, der lässt sich von einem Rückschlag in Spiel 9 nicht so einfach unterkriegen. Als wäre nichts passiert, zogen die Aarauer direkt nach dem 1:1 ein Powerplay vor dem Rapperswiler Strafraum auf, kamen zu weiteren zahlreichen Chancen und in der 86. Minute zum überfälligen 2:1 durch Markus Neumayr, der nach dem Tor vor Wochenfrist zum 2:0 gegen Wil also auch das zweite Spiel im Dress des FC Aarau für seine Mannschaft entschied.

Neumayr wusste schnell, dass er beim Siegtreffer nicht im Abseits stand. Warum? «Ich kenne Jérôme aus gemeinsamen Zeiten in Luzern. Er hat mir sofort gesagt, er hätte das Abseits aufgehoben und mein Tor sei korrekt.» Jéròme Thiesson – der FC Aarau darf sich nicht nur auf einen neuen Spieler, sondern auch auf einen ehrlichen Charakter freuen.

Meistgesehen

Artboard 1