Runar Mar Sigurjonsson ist sich an ein raues Klima gewöhnt. Schnee, Eis und Temperaturen um den Gefrierpunkt können den bärtigen Isländer im Dress der Zürcher Grasshoppers nicht stoppen. Sigurjonsson also setzte sich nach knapp einer Stunde nahe am Fünfmeter-Raum durch und schoss den Ball innert Sekundenbruchteilen gleich zweimal an den Pfosten.

Eine Viertelstunde später landete das Leder innerhalb des Strafraums an der ausgestreckten Hand von Vaduz-Verteidiger Nicolas Hasler. Statt auf Penalty für GC liess Schiedsrichter Sébastien Pache weiterspielen. Und nach 93 Minuten prüfte der Brasilianer Caio Benjamin Siegrist mit einem Flachschuss. Dem Goalie des FC Vaduz rutschte das runde Streitobjekt unter dem Körper durch und kullerte aufreizend langsam und äusserst knapp am Tor vorbei.

Das 1:0 für GC lag während der zweiten Halbzeit gleich dreimal in der Luft: Dreimal aber fiel kein Treffer! Und weil Moreno Costanzo auf der Gegenseite in der 85. Minute mit einem Kopfball das Ziel ebenfalls nur um weniges verfehlte, blieb es schliesslich beim Unentschieden ohne Tore. Nach sieben Niederlagen in sieben Auswärtspartien in dieser Saison war die Nullnummer für GC vor 4085 Zuschauern im Rheinpark Stadion das erste kleine Erfolgserlebnis in der Fremde.

Pierluigi Tami wusste allerdings nicht so recht, ob er sich über die Premiere mit dem gewonnen Auswärtspunkt freuen oder über die zwei verlorenen Zähler ärgern sollte. «Aufgrund der starken Leistung in der zweiten Halbzeit hätten wir den Sieg verdient gehabt», sagte der GC-Trainer. «Wir hatten nach dem Wechsel ein deutliches Chancenplus, aber das Glück war definitiv nicht auf unserer Seite. Gefreut habe ich mich vor allem über den Einsatz und den Kampfgeist. Diesmal hat man den Siegeswillen innerhalb der Mannschaft deutlich gespürt. Darauf lässt sich in den nächsten Wochen aufbauen.»

Ruhe für den Übungsleiter

Im Wissen, dass GC in der Meisterschaft zuletzt drei Niederlagen mit einem Torverhältnis von 2:10 einstecken musste, überwog bei Tami nach dem Schlusspfiff halt doch die Zufriedenheit. Der 55-jährige Übungsleiter, der schon seit Januar 2015 für die sportlichen Leistungen des früheren Nobelklubs verantwortlich ist, geriet in den vergangenen Wochen wegen der schlechten Resultate im Cup und in der Meisterschaft mehr und mehr unter Druck. Eine weitere Pleite gegen den Tabellenletzten Vaduz hätte die Diskussionen um den Trainer während der zweiwöchigen Länderspielpause wohl zusätzlich angeheizt. Dank dem Punktgewinn im Ländle kann Tami vor den im Abstiegskampf wegweisenden Heimspielen gegen den FC Thun und St. Gallen in Ruhe arbeiten.

Bleibt allerdings die Frage, ob es bei den Zürchern die Ruhe vor dem Sturm ist. GC zeigte gegen die rote Laterne der Super League nämlich wie so oft in letzter Zeit zwei Gesichter und hinterliess einen zwiespältigen Eindruck. Natürlich waren die zweiten 45 Minuten etwas vom Besten, was man in dieser Meisterschaft gesehen hat. Vor der Pause wurde Tamis Team aber grösstenteils vorgeführt. Vaduz war dem Führungstreffer in der ersten Halbzeit näher als die Zürcher.

Costanzo hatte in der 23. Minute Pech mit einem Pfostenschuss. Kurz zuvor vergab Franz Burgmeier innert kürzester Zeit gleich zweimal das 1:0: Erst setzte der Captain der Liechtensteiner den Ball mit einem Heber auf die Lattenoberkante, dann scheiterte er mit einem Abschlussversuch am reflexstarken Keeper Vaso Vasic. Einziges Highlight aus Sicht von GC vor der Pause: Caio prüfte Vaduz-Torhüter Benjamin Siegrist mit einem satten Schuss aus 25 Metern.

Immerhin drei Lichtblicke

In der zweiten Hälfte legte GC einen Zacken zu. Der Lohn für die Steigerung waren drei hochkarätige Möglichkeiten. Zählbares schaute allerdings nichts heraus. Halt! Wegen der 2:3-Niederlage Luganos gegen St. Gallen verbesserten sich die Zürcher in der Tabelle von Rang sieben auf Rang sechs. Nur einen Punkt hinter dem Fünften Lausanne! Der erste Auswärtspunkt, kein Gegentreffer und ein Platzgewinn in der Rangliste: Diese drei Lichtblicke sind für das zuletzt arg gebeutelte GC wahrlich ein Grund zum Feiern!

Telegramm:

Vaduz - Grasshoppers 0:0

4085 Zuschauer. - SR Pache.

Vaduz: Siegrist; Hasler, Konrad, Bühler, Borgmann (63. Brunner); Muntwiler; Kukuruzovic, Costanzo, Ciccone; Avdijaj (77. Schürpf), Burgmeier (84. Zarate).

Grasshoppers: Vasic; Lavanchy, Zesiger, Pnishi, Bamert; Brahimi, Källström; Caio, Sigurjonsson (82. Tabakovic), Andersen; Munsy.

Bemerkungen: Vaduz ohne Göppel, Messaoud (krank), Grippo, Strohmaier, Janjatovic, Felfel (verletzt) und Baldinger (nicht im Aufgebot). Grasshoppers ohne Basic (gesperrt) und Alpsoy (verletzt). 17. Heber von Burgmeier auf die Latte. 23. Flanke von Costanzo an den Pfosten. 58. Ball prallt von Sigurjonsson zweimal an den Pfosten. Verwarnungen: 37. Avdijaj (Foul). 40. Hasler (Foul). 62. Källström (Foul).