Yvon, mit dem Spiel in Berlin geht eine Saison zu Ende, die Sie sich mit Sicherheit anders vorgestellt hatten.

Yvon Mvogo: Ja, das stimmt. Ich bin im letzten Sommer nach Leipzig gekommen, um zu spielen. Doch daraus wurde nichts. Wir hatten mehr als vierzig Pflichtspiele, aber ich durfte nur in einer einzigen Partie ran. Es war sicher kein leichtes Jahr für mich.

Mit welchen Erwartungen waren Sie denn nach Leipzig gekommen?

Mir war klar, dass Peter Gulacsi hier die Nummer 1 war. Aber ich dachte halt auch, dass die Leipziger mich geholt hätten, weil sie an mich glaubten und mich als neue Nummer 1 sehen würden. Vielleicht aber haben sie mit meiner Verpflichtung vor allem an die Zukunft gedacht. Ich selber war allerdings überzeugt, dass ich es schon in meiner ersten Saison schaffen könnte.

Haben Sie in diesem einen Spiel, einem 0:1 am 5. Spieltag in Augsburg, denn versagt?

Es war nicht gut, es war nicht schlecht, es war okay. Ich hatte nicht besonders viel zu tun. Man kann es immer besser machen. Aber ich finde es eh etwas schwierig, einen Torhüter nach nur einem Spiel zu beurteilen.

Weshalb haben Sie sich nicht durchgesetzt? War es einfach Ihr Pech, dass Gulacsi gute Leistungen abgeliefert hat?

Ich denke, dass Trainer Ralph Hasenhüttl Gulasci bereits gut kannte und ihm das Risiko zu gross war, auf einen Keeper zu setzen, der aus der Schweizer Liga kam und den er nicht so gut kannte. Er ging mit Gulasci wohl lieber auf Nummer sicher. Und ich muss zugeben, Gulasci hat eine super Saison gespielt. Aber natürlich hätte ich lieber selber auf dem Platz gestanden, als dies von der Ersatzbank aus zu beobachten.

Sie sind frustriert.

Ich bin sehr enttäuscht, dass ich nicht die Chance bekommen habe, zu zeigen, was ich kann. Im Training ja, aber das ist nicht dasselbe wie ein Spiel. Doch es ist nun mal so. Leider hat der Trainer eine andere Wahl getroffen. Ich war einfach ein Ersatzspieler und fühlte mich nicht gebraucht. Für mich war dies ungewohnt und schwierig, weil ich diese Situation nicht kannte. Ich habe in Bern während dreieinhalb Jahren immer gespielt und war ein wichtiger Akteur.

Drückte die Enttäuschung auf die Motivation im Training?

Ich bin Profi. Ich gebe Gas. Immer. Aber ich hatte sehr schwierige Momente. In Phasen, als unsere Ergebnisse nicht so gut waren, hoffte ich schon, dass jetzt meine Zeit kommen könnte. Aber dem war nicht so. Das war hart.

Suchten Sie nie das Gespräch mit Herrn Hasenhüttl?

Ich tauschte mich oft mit unserem Goalietrainer aus. Er hat gesagt, dass Leipzig zwei super Keeper habe. Das einzige Mal, dass ich mit Hasenhüttl gesprochen habe, war vor dem Rückrundenstart. Ich habe ihm erklärt, dass ich Spielpraxis brauche, und ihn gefragt, ob man mich ausleihen könne. Während sechs Monaten nicht gespielt zu haben und meine WM-Chancen schwinden zu sehen, das war bitter. Aber der Verein hat Nein gesagt und der Trainer, dass er wisse, wie schwierig es für mich sei. Aber ich müsse einfach weiterarbeiten.

Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Konkurrent Gulacsi?

Ausgezeichnet! Ich habe überhaupt keine Wut auf ihn. Er macht seinen Job wie ich. Auch mit den beiden anderen Schweizer Goalies Fabio Coltorti und Philipp Köhn verstehe ich mich gut. Wir haben ein tolles Torhüterteam.

Wer hat Ihnen moralisch geholfen?

Meine Familie, meine Freunde und mein Agent. Das war schon sehr wichtig. Die haben mich super unterstützt.

… und mussten Ihre schlechte Laune ertragen.

Nein, nein. Ich bin von meinem Naturell her ein sehr positiver und fröhlicher Mensch. Ich habe mir nichts anmerken lassen und tat, als ob nichts wäre. Auch im Training.

Wie oft haben Sie es bereut, im letzten Sommer den Schritt von den Young Boys zu RB Leipzig gemacht zu haben? Zumal die Berner vor ein paar Wochen eine gigantische Meisterparty feierten …

Nie! Nie, nie, nie. Ich denke noch immer, dass es richtig war, zu diesem super Klub zu wechseln. Trotz des Titels von YB! Aber natürlich habe ich die Meistersaison der Berner ganz genau mitverfolgt. Ich bin zu Hause so eingerichtet, dass ich jedes Spiel von YB sehen konnte. Mit Kevin Mbabu habe ich praktisch täglich Kontakt, ab und zu mit meinem ehemaligen Torhütertrainer und mit Adi Hütter. Ich freue mich extrem über den Titel. Wir hatten dieses Ziel seit ein paar Jahren vor Augen. Dass YB es nun erreicht hat, ist einfach nur fantastisch. Ganz Bern hat gejubelt.

Dann haben Sie das entscheidende Spiel gegen Luzern auch gesehen?

Ja, es war der Wahnsinn. Und die Penaltyszene mit Wölfli – mein Gott! Ich hatte das Gefühl, ich stünde selber im Tor und hätte den Penalty abgewehrt. Es freut mich riesig für Marco. Er hat super Leistungen gebracht und alles für den Verein gegeben. Er unterstützte mich immer. Auch dann, als ich ihn als Nummer 1 verdrängt hatte.

Haben Sie ihm gratuliert?

Ich habe dem Team gratuliert. Aber es gibt ja noch den Cupfinal. Dann werde ich Marco persönlich beglückwünschen und natürlich alle anderen auch. Ich bin stolz, ein Teil dieser Mannschaft gewesen zu sein.

Jetzt aber sind Sie in Leipzig, stehen noch drei Jahre unter Vertrag und müssen zusehen, Spielpraxis zu erhalten.

Mein Wunsch ist es, ausgeliehen zu werden. Innerhalb der Bundesliga, nach Spanien oder England.

Haben Sie mit Sportdirektor Rangnick darüber gesprochen?

Ja, er hat mir aber klar zu verstehen gegeben, dass Leipzig mich nicht verkaufen will. Ich muss jetzt abwarten, was passiert. Ich habe gesagt, dass ich mir ein solches Jahr nicht noch mal leisten kann. Natürlich weiss auch RB, dass ich auf der Bank keine Fortschritte mache. Ich will alle überzeugen, dass ich ein guter Torwart bin und es richtig ist, auf mich zu setzen.

Sind Sie nach einem Jahr mit nur einem Einsatz nun ein schlechterer Torwart als zuvor?

Nein, ich bin heute ein besserer Goalie. Hundertprozentig. Die Trainingseinheiten sind qualitativ sehr hoch und intensiv. Ich profitiere von einem guten Torwarttrainer. Hier habe ich im Prinzip alle Möglichkeiten, mich zu einem Topkeeper zu entwickeln. Wenn ich denn spielen würde …

… in immer vollen Stadien.

Die Bundesliga ist unglaublich. Genau darum möchte ich unbedingt auflaufen. Die Atmosphäre ist grossartig, egal ob in München oder Köln.

Und Leipzig hat den Ruf, ein optimal aufgestellter Verein mit perfekten Voraussetzungen zu sein.

Wenn ich am Morgen aufstehe und hierher ins Trainingszentrum fahre, wird mir immer wieder bewusst, wie privilegiert ich bin, bei RB Leipzig zu sein. Wir haben alles, um am Wochenende Leistung zu bringen. Von den Physiotherapeuten bis zu den Köchen – ich konnte mir zuvor gar nicht vorstellen, was es alles gibt. Ich bin glücklich hier, auch wenn das seltsam klingen mag nachdem, was ich vorhin über meine Rolle in dieser Saison gesagt habe.

Wie gefällt Ihnen das Leben in Leipzig? Haben Sie mal Rassismus erlebt?

Nie! Leipzig ist eine wunderbare Stadt. Sie ist wie die Mannschaft. Offen, rasant wachsend und voller Kultur. Als ich hierherkam, zählte Leipzig 575 000 Einwohner, jetzt sind es 600 000! Ich wohne in der Innenstadt und könnte mir vorstellen, hier noch fünf oder sechs Jahre zu bleiben.

Sind Sie nie einsam?

Nein, ich habe in der Mannschaft viele tolle Kumpels wie Keita, Upamecano, Bruma Konaté und Augustin. Es gefällt mir. Nach dem Training gehe ich mit ihnen manchmal noch etwas essen. Aber ich habe auch gerne meine Ruhe und geniesse meine Wohnung.

Was tun Sie in der Sommerpause?

Diese Saison vergessen (lacht)! Aber noch einmal: Es war nicht alles negativ. Ich will mich erholen und an etwas anderes denken. Dann werde ich wieder richtig angreifen. Ich bin mental stark, sonst hätte ich schon lange aufgegeben. Ich will mich verbessern und Gas geben. Ich muss akzeptieren, dass dies ein Jahr zum Lernen war.

Was genau haben Sie gelernt?

Ich habe erfahren, dass es im Leben nicht immer nur einfach ist. Als ich bei YB die Nummer 1 war, skandierten die Fans schon beim Aufwärmen immer meinen Namen, jenen von Ersatzgoalie Wölfli aber nicht. Hier erging es mir nun genauso wie ihm. Es war, als würde ich nicht existieren. Jetzt weiss ich, wie Marco gefühlt haben muss. Und wissen Sie was? (lacht) Ich habe zwar nur einmal gespielt, aber hey, ich bin Bundesligaspieler! Das ist doch positiv!