Sie können es doch. Und wie! Weshalb man nicht drumherum kommt, den stillen Gedanken laut auszusprechen: Dass man gerne das Rad der Zeit nach dieser Demontage der Isländer um 67 Tage zurückdrehen würde. Dass man genau diese solidarische Schweizer Mannschaft, mit dieser Lust und diesem Willen wie gestern nochmals in St. Petersburg im WM-Achtelfinal gegen Schweden sehen würde. Und dass es dann gewiss anders als zum blutleeren Auftritt und 0:1 von damals kommen würde.

Doch sollte, hätte, könnte, würde – das alles gibt es im Fussball nicht.

Was mussten sie einstecken, die Schweizer Nationalspieler und ihr Betreuerstab. Was mussten sie sich anhören nach dem WM-Aus, nach den Debatten um Doppeladler und -bürger oder fehlende Identifikation, in denen im Prinzip alles, auch der Zusammenhalt des Teams, in Frage gestellt wurden. Darob ging vergessen, dass die Schweizer Fussball spielen können. Und eine gewisse Klasse besitzen.

Anders ist dieser Auftritt gegen die Isländer, dieses 6:0 zum Auftakt der Nations League, nicht zu bewerten. Weil darin die Reaktion einer funktionierenden und optimal eingestellten Mannschaft auf dem Rasen zu lesen, ja zu sehen ist. Das Resultat hätte gut und gerne höher ausfallen können, und Granit Xhaka sagte: «Sieben Jahre bin ich nun dabei: Aber ich kann mich nicht erinnern, dass wir in der Nationalmannschaft jemals ein so hohes Tempo gegangen sind.»

Es ging um die teilweise Wiederherstellung des Ruf

Ja, die Schweizer waren angezählt, in die Ecke gedrängt. Weshalb die Partie gegen den WM-Teilnehmer Island plötzlich eine ungleich wichtigere Note erhielt, zumal es um eine erstinstanzliche, teilweise Wiederherstellung des ramponierten Rufs ging. Und weil nach der WM von einigen Kreisen der Kopf des Trainers Vladimir Petkovic gefordert wurde – diese Diskussionen haben vorerst ein Ende.

Das Team bewies, dass es hinter dem Coach steht. Es lieferte den Nachweis, dass es dem Volk gehört, wie dies Petkovic im Vorfeld der Partie betont hatte. Und es zeigte, wozu es fähig ist, wenn es Lust hat. Die Schweizer zelebrierten Spassfussball, unermüdlich angetrieben von Petkovic, der praktisch das gesamte Spiel an der Seitenlinie verbrachte. Der Coach schickte wie der Gegner eine starke Formation aufs Feld, eine, mit der er unterstrich, wie ernst ihm dieses Spiel war. «Vielleicht brauchten wir diese Reize davor, nun haben wir eine Antwort gegeben», sagte Petkovic nach dem Sieg gegen die Weltnummer 32, sichtlich zufrieden über das Gesehene. «Wir haben eine tolle Leistung gezeigt.»

In der Tat war die Leistung toll, die Anhänger in St. Gallen, wo die Schweiz zuletzt viermal und mit einem Torverhältnis von 20:0 gewonnen hat, goutierten den Auftritt mit warmem Applaus. Einzig in den Anfangsminuten hatten die Schweizer in der Defensive kleinere Probleme, bis sie sich richtig eingestellt hatten. Im Umschaltspiel und in der Offensive aber, da klappte vieles sofort, weil sie ständig in Bewegung waren und die schnellen Bälle in die Tiefe suchten. Spätestens nach der 13. Minute und Steven Zubers 1:0 in die hohe Torecke war das Spiel in die Schweizer Bahnen gelenkt. Zehn Minuten später staubte Denis Zakaria zum 2:0 ab, nach Xherdan Shaqiris Freistosstor nach 53 Minuten war die Angelegenheit gelaufen.

Von diesem Zeitpunkt an hatten die Isländer, erstmals vom Schweden Erik Hamrén trainiert, keine Lust mehr. Sie standen Spalier und ergaben sich ihrem Schicksal. Darin ist vielleicht der einzige Wermutstropfen zu sehen, doch das brauchte die Schweizer an diesem Abend nicht zu stören. Sie zogen ihren Schaulauf durch, und wer noch nicht hatte, der durfte auch noch. So trafen nach schönen Kombinationen Haris Seferovic (67.)sowie die beiden eingewechselten Albian Ajeti (71.) und Admir Mehmedi (82). Die Schweizer waren derart im Flow, dass bisweilen Gänsehautfeeling ob dem Gebotenen aufkam – und Xhaka sagte: «Unser Sieg ist ein starkes Zeichen dafür, dass eben nichts in unserer Mannschaft kaputtgegangen ist.»

Petkovic: «Die Positivität der Mannschaft gespürt»

Petkovic sagte, er habe die Positivität, das Lustvolle seiner Mannschaft regelrecht gespürt. «Sie hat die Diskussionen spätestens seit dem Mittwoch hinter sich gelassen und sehr gut trainiert. Das 6:0 ist das Resultat davon.» Er selbst habe einen grossen Rucksack, halte viel aus. Und er werde es weiterhin so handhaben, nur bis zum nächsten Spiel zu schauen. Also bis in drei Tagen.

Am Dienstag bekommt die Schweiz dann in Leicester die nächste Prüfung vor die Nase gesetzt, und das Testspiel gegen England wird zeigen, was tatsächlich vom aktuellen Zustand zu halten und wie fragil das Ganze ist. Befindlichkeiten können schnell ändern, die Schweiz ist hierfür bestes Beispiel.

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