Weltfussballverband
Die Fifa bleibt unter strenger Beobachtung

Bei einer Podiumsdiskussion der Menschrechtsorganisationen Terre des hommes Schweiz und Solidar Suisse stand der Weltverband auf dem Prüfstand.

Rainer Sommerhalder
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Die Fifa steht auch unter Gianni Infantino.

Die Fifa steht auch unter Gianni Infantino.

Keystone

Eine glasklare Antwort konnte niemand geben. Dafür ist die neue Führung der Fifa schlicht zu wenig lang am Ruder. Doch eines signalisierte die Podiumsdiskussion zum Thema «Fifa im Wandel: Schein oder Sein?» eindeutig. Das Misstrauen in den mächtigen Fussball-Weltverband bleibt auch unter Präsident Gianni Infantino gross. Zu viel lief bei der Fifa in den vergangenen Jahren schief, zu widersprüchlich waren die Signale der vergangenen Monate und zu wenig konkret erscheinen die Reformschritte gegen aussen. Oder wie es SP-Nationalrätin Min Li Marti beim Podium ausdrückte: «Wenn man die kritischen Meldungen der Medien verfolgt, trägt das nicht gerade zur Vertrauensbildung bei.» Diese Woche etwa ein Beitrag der «Rundschau» mit einmal mehr schlechter Publicity für Präsident Infantino, und auch die Administration bekam ihr Fett ab. Allerdings wurde den TV-Zuschauern viel alter Kaffee präsentiert. Fifa-Bashing gehört bei der Presse längst zum guten Ton.

Differenzierter tönte es von den ebenfalls kritischen Podiumsteilnehmern, die bei den vielen Zuhörern aus Menschenrechts- und Gewerkschaftskreisen im Saal ein Heimspiel hatten. Ins Bett mit den Mächtigen des Fussballs steigen möchte zwar kaum jemand, doch gewisse Fortschritte und Verbesserungen wurden der Fifa attestiert. Die Diskussion drehte sich um die Themen Nachhaltigkeit und Menschenrechte.

Viel Gegenwind für die Fifa

Auf wie viel Gegenwind die Fifa stösst, zeigte sich bei den abschliessenden Fragen aus dem Publikum, die ausnahmslos an Federico Addiechi, den Vertreter der Fifa, gingen. Dass die Reformschrift «Vision Fifa 2.0» nur heisse Luft sei, wurde festgestellt. Wie die Verwaltung die Reformen konkret lebe und wie sie Widerstände von alten Blatter-Zöglingen durchbreche, wurde gefragt.

Die Konsequenz im Umgang mit dem Fifa-Grundsatz gegen jegliche Diskriminierung in den WM-Ländern Russland und Katar, in denen Homosexualität ein Strafrechts-Delikt sei, wurde hinterfragt. Gar bejubelt wurde der Vorschlag eines Zuhörers, die Fifa könne nur nachhaltig arbeiten, wenn sie sich nicht mehr um die Gewinnmaximierung kümmere, sondern selber für die Kosten der benötigten Infrastruktur in den jeweiligen WM-Austragungsländern geradestehen würde.

Addiechi, der Leiter Nachhaltigkeit und Diversität bei der Fifa, hielt sich im Kreuzverhör der Fifa-Kritiker mit einer Ausnahme gut. Die Verweigerung einer Antwort zur Veränderung im täglichen Miteinander auf dem Zürichberg kam schlecht an. Ansonsten bejahte er die Rolle der Fifa als Leuchtturm punkto Nachhaltigkeit und bemühte sich, Aussagen mit konkreten Zahlen zu unterlegen. Etwa, dass seine im Jahr 2003 als Einmann-Betrieb von der Fifa lancierte Abteilung derzeit sieben Mitarbeiter in Zürich, acht im nächsten WM-Land Russland und einen in Katar habe. Zudem wurden für die WM in Russland Monotoring-Systeme eingerichtet. Bereits hätten 39 Inspektionen von StadionBaustellen stattgefunden und man habe dort auch Fehlverhalten festgestellt und korrigiert. Und er versprach, die Fifa werde «sehr schnell und sehr deutlich» auf allfällige Diskriminierungen bei der WM in Russland oder Katar reagieren.

Alex Kunze kümmert sich beim nationalen Kontaktpunkt um die Einhaltung von OECD-Leitsätzen für multinationale Unternehmen. Er leitet seit knapp zwei Jahren ein Mediationsverfahren zwischen internationalen Gewerkschaften und der Fifa zu den Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen in Katar. Kunze betonte, dass es ein komplexes Zusammenspiel von Gewerkschaften, Fifa, nationalen Behörden, lokalen WM-OKs und involvierten Baufirmen sei. Etwas dürfe man dabei lobend erwähnen: «Es gibt wenige internationale Unternehmen, die sich in ihrer Position so schnell und deutlich bewegen, wie das die Fifa getan hat.»

Den Worten müssen Taten folgen

Professor Chappelet von der Uni Lausanne gab zu bedenken, dass «sehr viele Entscheide bereits in der Bewerbungsphase für ein WM-Turnier gefällt werden» und dass man die Fifa deshalb daran messen müsse, wie sie ihre Reformbemühungen bei der Vergabe der nächsten Weltmeisterschaften konkret einbringen werde.

Addiechi pflichtete ihm bei und relativierte: «Die Fifa kann die Nachhaltigkeit eines Turniers nicht garantieren. Wir können aber mittels der Rahmenbedingungen für WM-Anwärter die Anforderungen verändern.»

Min Li Marti ihrerseits stellte fest, dass das Image der grossen Sportverbände ramponiert sei und diese aus der Sicht der Öffentlichkeit häufig als «korrupte Organisationen, die in erster Linie für sich schauen» wahrgenommen werden. Trotz den offensichtlichen Reformbemühungen könne man «die Fifa jetzt nicht einfach von der Angel lassen. Es braucht mehr als Worte und Berichte. Es braucht den Tatbeweis.» Federico Addiechi versprach: «Wir versuchen jeden Tag besser zu werden, wir formulieren unsere Ziele scharf.»

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