EM-Qualifikation
Die Augen rufen: «Nein, pfeif nicht!»

Seit 10 Jahren ist Valon Behrami Nationalspieler – nie war er wichtiger für das Team als jetzt. Vor dem EM-Qualifikationsspiel in Litauen hatte der Mittelfeldspieler jedoch – einmal mehr – eine schwierige Zeit durchzustehen.

Etienne Wuillemin, Vilnius
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Lachen hilft! Valon Behrami kämpft häufig mit Verletzungen. Noch erträgt sein Körper die Belastungen.

Lachen hilft! Valon Behrami kämpft häufig mit Verletzungen. Noch erträgt sein Körper die Belastungen.

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Es ist kurz vor 15 Uhr, als das Schweizer Nationalteam am kleinen, schmucken Flughafen Bern-Belp eintrifft. Hier startet die Mission zum Ende der Fussballsaison: EM-Qualifikationsspiel in Litauen, Sonntagabend, drei Punkte müssen her – alles andere ist kaum vorstellbar.

Valon Behrami sitzt an der Flughafen-Bar und nippt an seinem Espresso. Als grosser Basketball-Fan beschäftigt ihn, dass die Cleveland Cavaliers mit Superstar LeBron James im NBA-Final gegen Golden State in der Nacht auf Freitag den Ausgleich hinnehmen mussten. «Es wird eng mit dem Titel. Zu viele Spieler sind verletzt. Zu viele ausser Form», sagt Behrami. Er freut sich auf den Dienstag. Dann kann er, wenn die Fussball-Saison zu Ende ist, das sechste Finalspiel live am Fernsehen schauen.

Behrami hat turbulente Tage hinter sich. Sein Verein, der Hamburger SV, ist dem Abstieg aus der Bundesliga erst in letzter Sekunde entronnen. Viel dazu beitragen konnte Behrami am Ende nicht mehr. Wegen einer Knieverletzung, hiess es offiziell.

Nur macht Behrami derzeit nicht
den Eindruck eines Verletzten. Die Trainings im Nationalteam? Kein Problem. Dazu hat er auch eine Halbzeit des Testspiels Schweiz-Liechtenstein absolviert. In Hamburg munkelt man, es hätte Trainer Labbadia nicht gepasst, dass Behrami manchmal etwas gar laut über seinen Abschied aus Hamburg nachdachte.

Eines jedenfalls ist kaum zu überhören: Behrami hat in der Bundesliga viel Deutsch gelernt. «Wahrscheinlich ist es das Einzige, dass ich in diesem Jahr verbessern konnte», sagt er und lacht. Es ist ein Beispiel für seine wohltuend selbstironische Art.

Der Vertrag beim HSV läuft zwar noch bis 2017. Und Behrami schätzt beispielsweise sehr, dass seine Tochter nach der italienischen Erziehung nun in der International School auch die deutsche Art kennen lernt. Aber die Zeichen stehen trotzdem auf Abschied. Denn so wirklich angekommen ist Behrami in Hamburg nicht. Einmal sagte er: «Ich bin zwar nicht Cristiano Ronaldo, aber ich habe erwartet, dass ich etwas verändern kann in diesem Verein. Das ist mir bis jetzt nicht gelungen.»

Nun aber gilt der Fokus vor den Sommerferien noch einmal dem Nationalteam. Gerade darf Behrami ein kleines Jubiläum feiern. Er ist seit zehn Jahren Nationalspieler. Zehn Jahre, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Der 30-Jährige hat den Wandel vom flegelhaften Einzelgänger zum Führungsspieler durchgemacht. Vor allem ist er der «Chef» der Secondos. Diese Rolle macht ihn im Team unverzichtbar.

Wenn wieder einmal – wie jüngst geschehen – Diskussionen aufkommen über «echte» oder «andere» Schweizer im Nationalteam, dann ist Behrami einer jener Spieler, der im richtigen Moment die richtigen Worte für das emotionale Thema findet. Dann erzählt er, wie er versucht, die Jüngeren zu überzeugen, nicht öffentlich mit dem «Doppeladler» aufzufallen, weil dieser – wenn auch nur als Symbol der Freude gemeint – falsch ankommt. Behrami sagt auch: «Wenn die Nationalhymne gespielt wird, beneide ich manchmal jene, die hier geboren sind. Ich möchte auch so fühlen können, wie sie. Das vermisse ich ein wenig.»

Es hindert ihn nicht, auf dem Platz immer voller Emotionen zu sein. Muss er auch. Tut er es nicht, würde sein Spiel viel von seiner Wirkung verlieren. Die Frage ist bloss: Wie lange macht sein Körper die Belastungen noch mit? «Ich spüre die Signale, das ist auch eine Folge davon, dass ich lange Zeit viele Spiele in hoher Kadenz absolvierte.»

Was die Schweiz an Behrami hat, wurde vielleicht nie so deutlich wie am nächsten Montag vor einem Jahr. Erstes Schweizer WM-Spiel, Ecuador der Gegner, 93. Minute, es steht 1:1 – Auftritt Behrami: Mit einem heroischen Tackling verhindert er das Gegentor, er schnappt sich den Ball, rennt nach vorne, ein Gegner stürzt ihn, aber Behrami sucht den Blick des Schiedsrichters, seine Augen rufen: «Nein, nicht pfeifen!», der Schiedsrichter lässt tatsächlich Vorteil gelten, also kann Behrami den Ball weiterspielen, Sekunden später liegt er im Tor, 2:1 für die Schweiz, der Grundstein für den WM-Achtelfinal, Held Behrami, ein Land liegt ihm zu Füssen.

Kurz nach 18 Uhr landet das Schweizer Team im herrlichen Vilnius. Behrami schmunzelt. Er sagt: «Diese Szene, dieses Tor, dieses Spiel – das wird immer einen besonderen Stellenwert haben in meiner Erinnerung.»